Endlich war wieder einmal ihr Geld erschöpft. Mehre Tage schaute sie aus, ob sie nicht einige Kinder in der Nähe sehen könne; aber es ließ sich kein solches blicken, denn in der Stadt ging das Gespräch, man habe schon mehrmals kleine Kinder in dieses Haus gehen, aber nie wieder herauskommen sehen, deshalb hüteten alle Eltern ihre Kinder vor der Nähe dieses Hauses. Allerdings sagten die Leute dies einander nicht laut, denn behüte, wer konnte es wohl wagen, einer so reichen und mächtigen Dame so etwas laut nachzusagen; aber was sich die Leute nicht laut erzählten, das erzählten sie sich doch leise und auch die Eltern der armen, umgebrachten Kinder wagten es nicht, eine so hohe Dame öffentlich zu beschuldigen.

Genug: es kam kein Kind mehr in die Nähe der Alten. In ihrer Verzweiflung machte sie daher eines Nachts kurzen Proceß, schnitt sich selbst in den Finger, setzte den Däumling auf, nahm ihn wieder ab und hörte zu ihrer Freude alsbald die doppelten Goldstücke klappern.

Als sie nun glaubte, es seien ihrer vorläufig genug, setzte sie den Däumling wieder auf. Da aber bekam sie einen erschrecklichen Schmerz in die Hand; es brannte ihr in allen Fingern, als sitze lebendiges Feuer darin und dieser Schmerz zuckte ihr durch alle Glieder. Eilig lief sie zum Waschbecken und steckte die Hand hinein, um den Schmerz zu kühlen; aber Alles half nichts; der Schmerz wurde ärger und ärger.

Sie warf den Däumling wüthend in die Ecke, der aber fing an zu lachen und rief: Etsch! Siehst Du, Alte, jetzt hast Du Dich selbst angeführt; du mußt sterben!

Da erinnerte sich die Alte der Worte, welche ihr Meta gesagt hatte, nämlich: daß die Wunde nie wieder heile, wenn man den Däumling einmal vom Finger genommen.

Eine entsetzliche Angst überfiel sie; alle ihre Diener mußten zusammen kommen und noch in der Nacht zu den Aerzten laufen. Diese kamen auch, wohl zwanzig an der Zahl. Einer von ihnen war immer klüger als der andre, und wollte noch ein besseres Mittel wissen; indeß die Wunde ward immer schlimmer, der Schmerz immer ärger, trotz all den Aerzten, Professoren und Medicinalräthen der Welt, die sie zusammen holen ließ, und ehe der zehnte Tag verstrichen, war der kalte Brand dazu gekommen; die Hand wurde ihr abgenommen, aber da schlug der Brand in ihren Arm und als der zwölfte Tag gekommen war, starb sie unter den schrecklichsten Schmerzen.

Kaum war sie nun todt, da stellten sich wohl ein Dutzend vornehmer Personen ein, mit denen sie näheren Umgang gehabt und die sie bei ihren Lebzeiten für ihre Verwandten ausgegeben hatte. Diese erklärten, sie seien die Erben der seligen Gräfin und wollten sich in ihren schönen Palast, in die glänzenden Möbeln, Equipagen, Pferde etc. theilen.

Als nun aber diese Theilung gerichtlich vor sich gehen sollte und die Richter und die Erben in dem großen Saale versammelt waren, saß der kleine Däumling, der nun wieder seine Freiheit hatte, in einem Blumentopf versteckt auf dem Fenster und rief immer: »Sie war ja gar keine Gräfin, und Ihr seid auch gar nicht ihre Erben; aber ich weiß Eine, die ihre rechte Erbin ist, und die kann jeden Tag hier sein!«

Die Richter und die falschen Erben horchten hoch auf, wußten jedoch nicht, woher die Stimme kam, und setzten ihr Geschäft ruhig fort; der Däumling aber saß immer in seinem Versteck und wiederholte seine Worte alle Tage. Am letzten Tage nun, als die Theilung zu Ende gehen sollte, rief er: »Ihr seid Alle falsche Erben; die einzige rechte Erbin ist eben vor das Haus gefahren und kann jeden Augenblick hier sein!«

Und wieder horchten die Richter und die Erben hoch auf. Da öffnete sich die Thür und ein wunderschönes Mädchen in einem von Gold und Silber gewirkten Kleide trat ein; sie war so überaus schön, daß es sich gar nicht beschreiben läßt, aber bleich war sie, sehr bleich, und wir wissen auch, warum sie so bleich, denn sie war ja die schöne Meta, die von den Däumlingen hergeschickt worden, um die Erbschaft ihrer Stiefmutter in Empfang zu nehmen.