In der Brust des bösen Kindes hingegen wollen die Rosen keine Wurzeln fassen; der Engel, der an seinem Bette sitzt, sie zu pflegen, wendet trauernd sein Antlitz ab und kehrt endlich zu Dem zurück, der ihn als Gärtner gesandt. Und an der Stelle der Rosen beginnt nun das Unkraut zu wuchern, aus diesem wächst mit dem Kinde selbst ein Dorn empor, der immer größer wird, und um seinen Stamm windet sich eine Schlange, die auch die letzte Rosenblüthe erstickt. – Also folgen auch die Rosen dem Engel in seine Heimath zurück und auf dem Grabe des Kindes wächst dereinst nur der Dorn, und an dem großen Rosenbaum droben welkt jene Blüthe, aus der einst die zehn Körner in seine Brust gefallen, denn sie trauert um eine verlorene Seele.

Am Sarge des guten Kindes jedoch flicht der Engel zehn weiße Rosen um die bleiche Stirn desselben zu einem Kranze; die Rosen folgen ihm in das Grab, schlagen dort neue Wurzeln, wachsen aus dem Hügel und sagen der Welt: »hier ruht ein gutes Kind!« – Und das Abendroth leuchtet doppelt schön über dem Grabe, der große Rosenbaum droben rauscht mit seinen Blättern, in seinen Zweigen sitzen Millionen von Engeln, die empfangen mit lieblichem Gesang den Bruder, der ihnen die Seele des guten Kindes, einen neuen Gespielen hinauf bringt.

Die zehn Rosen aber sind die Rosen vom Sinai, die zehn Gebote Gottes.

Das Sperlingsnest.

Es war ein wunderschöner Sommermorgen. Die Sonne spiegelte sich in dem großen Teiche, der mitten im Dorfe lag und auf dem wohl zehn alte Enten mit ihren Familien umherschwammen, die Dorfjugend spielte auf dem freien Platze vor dem Herrenhause, die Bäume streckten ihre mit süßen Früchten beladenen Zweige über den alten von Brombeerranken durchwachsenen Zaun, vor dem Bauernhause las ein alter Mann mit schneeweißem Haar und einer großen Brille auf der Nase in der Bibel und vor des Pfarrers Hause spielten seine Kinder mit einem weißen Zicklein, das die tollsten Kapriolen machte, obwohl es Kirchzeit war, in der man sich hübsch sittsam und still verhalten soll.

Der Pfarrer war nicht zu Hause, denn er stand in der Kirche auf der Kanzel und predigte der Dorfgemeinde, man solle nur Gutes thun; ja der ehrwürdige Mann hielt eine so wunderschöne Predigt, daß die Gemeinde nach dem Schluß derselben ganz gerührt nach Hause ging.

Draußen an dem großen Kirchfenster, dicht an einer der kleinen, zerbrochenen Scheiben hing ein Sperlingsnest, darin saß die Mutter mit ihren Jungen, die nun bald flügge waren. Die Sperlingsmutter horchte sehr andächtig auf die Predigt, denn sie war ausnahmsweise sehr fromm, und das war kein Wunder, denn wenn man in einer Kirche wohnt, kann selbst ein Sperling wohl fromm werden.

– Was ist das Gute, von dem der Pfarrer sagte? so fragten die Jungen die Sperlingsmutter, als die Predigt zu Ende war.

– Das werde ich Euch später sagen, denn jetzt seid Ihr noch zu dumm, es zu begreifen, sagte die Sperlingsmutter, ganz gerührt von der Predigt.

Am Abend fragten die Jungen wieder, was das Gute sei, und die Sperlingsmutter gab ihnen dieselbe Antwort.