– Die müssen hier alle von recht altem Adel sein, sagte die Scheere, sich in dem großen, offenen Kasten umschauend; sie sehen alle so ehrwürdig verrostet aus!

Mit diesem Gedanken tröstete sich die Scheere und fing alsbald an, ihren Nachbarn, alten verrosteten Nägeln, Feilen und Haken, von ihren früheren Eroberungen zu erzählen. Die aber waren alle sehr mürrisch und sprachen Tage lang kein Wort. Endlich wurde auch die Scheere immer stiller, denn es regnete durch das Dach in den offenen Kasten, und als sie sich eines Morgens besah, war sie über und über voll Rostflecken.

– Ich glaube, ich fange auch schon an, alt zu werden, sagte die Scheere zu sich; es wird wohl Zeit, daß ich mich mit höheren Dingen beschäftige! –

Und da wurde denn die Scheere fromm und sprach den ganzen Tag hindurch von nichts als vom ewigen Himmelreich. –

Die zehn Rosen vom Sinai.

Hoch oben auf dem Berge Sinai da wächst seit Jahrtausenden ein großer, unendlicher Rosenstock, der breitet seine Zweige hoch über das ganze Weltall; die Gerechten und Frommen erkennen den Himmelsschimmer seiner Blüthen an dem Glanze des Morgen- und dem Purpurscheine des Abendlichtes und beten unter dem Blüthendom, ja selbst die schwarzen Stämme des Aequators kennen schon den Rosenstock und beugen sich unter seinen heiligen Blüthenschauer.

Dieser Rosenstock lebt ewig – ewig und unzählich wachsen seine Blumen, und jedesmal wenn ein Kind geboren wird, dann fallen aus einer der zehn Rosen des Sinai zehn Samenkörner herab in des Kindes Brust. Dort keimen sie, wenn die Mutter an der Wiege sitzt, sie schlagen ihre Wurzeln, wenn der Säugling in süßem Schlummer lächelt, und der Engel zu Häupten des Kindes pflegt ihre ersten Keime.

Das Kind aber wächst und in seiner Brust entwickeln sich langsam die Knospen und gießen ihren sanften Schimmer über des Kindes Wangen. Gute Eltern wachen über die Rosen in seiner Brust, gute Lehren befruchten sie, daß sie gedeihen und zur vollen Blüthe kommen.

An jenem Tage aber, wo das Kind zum ersten Male an den Tisch des Herrn tritt, da bethauen sich die zehn Knospen mit den Freudenthränen der Eltern, unter dem fruchtbringenden Hauch eines göttlichen Evangeliums schwellen sie zu vollen üppigen Rosen, und Christi Blut, das über des Kindes Lippen fließt, färbt die Rosen mit dem wunderschönsten Purpurglanz.

So werden die Rosen bis zur Blüthe gepflegt; mit ihnen tritt der Knabe in die Welt, die ihm nicht immer nur Sonnenschein bietet und wohl Demjenigen, der ihren Keim unversehrt erhält, wenn unter den Stürmen des Lebens die eine oder die andere der Rosen traurig das Haupt senkt und ihm klagend zuruft: »willst Du mich denn sterben lassen?«