– Wie ordinär es hier nach Leder riecht! sagte die Scheere, als sie in der Arbeitsstube des Sattlers neben mehren Werkzeugen lag. Diesen Geruch ertrage ich nicht, meine Nerven sind für eine solche Atmosphäre viel zu fein!

– Nur nicht so zimperlich, Fräulein Scheere! rief eine kleine Zange neben ihr; wirst's schon gewohnt werden, und so fein siehst Du mir auch eben nicht aus, daß Du etwas Besseres wärest als wir Andern!

– O ja, ich bin aus sehr vornehmem Hause! Gott, wenn meine Freundin, die Gräfin, wüßte, daß ich hier bin! – – – Uebrigens habe ich gar nicht die Ehre, Sie zu kennen, antwortete die Scheere, sich umdrehend. – – – Das ist gar kein Umgang für eine gebildete Scheere, wie Du bist! sagte sie zu sich selbst; die Zangen haben immer ein so böses Maul!

Da erblickte sie auf ihrer andren Seite eine Sattlerahle, die ein ganz neues Heft hatte. Sie wollte ihren Augen nicht trauen, als sie in derselben den ehemaligen Stickpfriem erkannte.

– Gott, wie ist der Arme heruntergekommen! sagte sie für sich – – – – Aber ist's denn möglich, sind Sie noch am Leben? Sie glauben nicht, wie mich das freut! rief sie dem ehemaligen Stickpfriem zu. So können wir ja jetzt unsere alte Bekanntschaft erneuern!

Aber der ehemalige Stickpfriem erkannte sie nicht mehr oder wollte sie nicht mehr kennen; er war nämlich seit jener unglücklichen Geschichte ganz tiefsinnig geworden und jedesmal wenn er ein Stück Leder vor sich sah, bohrte er sich tief hinein aus reinem Lebensüberdruß. So war er denn dem Leder recht gefährlich.

Die Scheere dachte nun bei sich: im Grunde sieht er doch noch ganz reputirlich aus; vielleicht könnte doch noch ein Paar aus uns werden! – Sie ließ sich dies auch ganz gut merken, er aber haßte Alles, was ihn umgab, und von der Scheere wollte er erst recht nichts wissen. Ja, die Letztere vergaß sich in ihrer Heirathssucht, um nur an den Mann zu kommen, so weit, daß sie ihm ganz unzweideutige Anerbietungen machte, und daß die Zange sich genöthigt sah, ihren Mund aufzuthun und den übrigen Werkzeugen zu erzählen, ein solches Frauenzimmer sei ihr noch gar nicht vorgekommen, man müsse auf seinen Ruf bedacht sein und sich ja nicht mit ihr abgeben, denn sie habe dem ehemaligen Stickpfriem Heirathsanträge gemacht, vor denen jedes sittsame Frauenzimmer erröthen müsse.

So kam es denn, daß Keiner mit ihr umgehen wollte und die Scheere immer allein blieb. Einmal wurde ihr aber doch die Zeit lang, sie mischte sich unter die Andern, wurde von diesen jedoch so gedrängt und gestoßen, daß sie auf die Erde fiel und ihre eine Spitze brach.

– Das ist mein Letztes! rief die Scheere, vor Schmerz laut aufschreiend. Schickt nur schnell nach dem Doctor, sonst bin ich gar nicht mehr zu heilen!

– Bring' das schlechte Ding auf den Boden und wirf es zu dem alten Eisen! sagte die Sattlerfrau, ihrer Tochter die Scheere gebend. Diese trug sie auf den Boden und warf sie in einen Kasten, in welchem lauter alte verrostete eiserne Werkzeuge lagen.