– Sie haben also alle Ursache, auf Ihrer Hut zu sein, schloß die Scheere ihre Erzählung, zumal Sie auch ein Vergißmeinnicht tragen, das mich lebhaft an den armen Stickpfriem erinnert. – Ich bin zu schön, als daß sich ein Federmesser auf mich Hoffnung machen könnte! setzte sie stolz hinzu.
– Nun, mit Ihrer Schönheit geht es doch noch an; es giebt noch viel Schönere als Sie. Sehen Sie doch nur, Sie sind ja schon geflickt! sagte das Federmesser auf den einen Ring zeigend.
– Das ist kein Fehler, entgegnete die Scheere; das ist so Mode, es sieht interessant aus... Vergessen Sie mich nur, denn sonst bricht Ihnen am Ende auch noch das Herz; Beispiele sind da!
– Ich werde mich hüten! antwortete das Federmesser verletzt, denn eine zurückgewiesene Liebe ist kein Spaß, die kann die besten Freunde erzürnen; davon sind auch schon Beispiele da.
So redeten die Scheere und das Federmesser von dem Augenblick ab kein Wort mehr mit einander, und wenn die Scheere nach der Ursache dieser Feindschaft gefragt wurde, antwortete sie, das Federmesser sei verwegen genug gewesen, das Auge zu ihr zu erheben, und da sie ihm einen Korb habe geben müssen, so seien sie böse auf einander geworden. Die Scheere hätte über diesen kitzlichen Punkt auch wohl lieber schweigen können, aber sie war ja ein Frauenzimmer.
Als das Quartal zu Ende ging, konnte die Nähterin ihre Miethe nicht bezahlen, mußte über Hals und Kopf ausziehen, und der Hauswirth nahm ihre Sachen in Beschlag, unter diesen auch die kleine Scheere, die nun in die rauhen Hände einer Schlosserfrau wanderte, an welche sie verschenkt wurde. Diese Frau hatte viele Kinder, die immer mit der hübschen Scheere spielten und ihr endlich beide Ringe abbrachen. Der Schlosser wußte indeß zu helfen und machte ihr ein paar Ringe von Draht, so daß sie wenigstens noch zu gebrauchen war.
– Das ist das Loos des Schönen! Jetzt ist mein ganzer Stolz dahin! seufzte die Scheere und weinte; ich glaube nicht, daß ich dies lange überleben werde!
Aber man stirbt doch nicht immer sogleich vom Gram. Die Scheere lebte noch weiter und hatte sie keine Elfenbeinringe mehr, so prahlte sie doch damit, daß sie welche gehabt hatte, und erzählte einer knöchernen Nadelbüchse alle Tage von den vielen Eroberungen, die sie gemacht, von dem unglücklichen jungen Samedi, dem Stickpfriem und dem Federmesser, von welchem letzteren sie der Nadelbüchse vorlog, es habe sich aus unglücklicher Liebe zu ihr vergiftet.
– Man muß nicht Alles glauben, was die Leute prahlen! sagte die Nadelbüchse zum Troste für sich selbst, denn um sie hatte sich noch nie Jemand ein Leid's angethan.
Eines Tages nun hatten die Kinder draußen vor der Hausthür mit der Scheere gespielt und ließen sie auf der Straße liegen. Ein Mädchen kam vorbei, nahm sie mit und brachte sie ihren Eltern. So kam die Scheere in das Haus eines Sattlers.