Also verging wohl ein Jahr, während dessen der König alle vier Wochen auf die Zinne seines Schlosses stieg und ausschaute.... Er sah mit jedem Male immer weniger durch das Glas, aber was er sah, das war Glück und Frieden.

Endlich konnte er gar nichts mehr durch das Fernglas sehen. Er gab es seinen Dienern, die sollten es putzen, denn der König meinte, es sei von dem langen Gebrauch blind geworden. Aber so viel die Diener auch putzten, das Glas blieb blind. Der König indeß wußte, daß sein Land glücklich sei.

Und wieder verging ein Jahr. Da brach im Lande ein Bürgerkrieg aus; die Paläste der Reichen gingen in Flammen auf und eine Seuche verbreitete sich über alle Provinzen. Die Unruhen ließ der König zwar dämpfen, aber die Seuche wüthete fort und warf den König selbst aufs Krankenlager, der noch immer geglaubt hatte, daß sein Land glücklich sei; denn seine Minister hatten es ihm ja gesagt.

Da lag nun der arme König und mehr als die Krankheit folterte ihn der plötzlich in ihm aufgetauchte Gedanke, daß sein Land doch wohl nicht glücklich sein müsse.

Seine Krankheit wurde immer gefährlicher und die Aerzte meinten, er werde wohl sterben müssen.

Da kam eines Tages ein Fremder vor das Schloß gefahren, der sagte, er sei ein Wunderdoctor aus fernen Landen, er wolle den König wieder herstellen, wenn man ihn allein mit dem Kranken lasse.

Als der König dies vernahm, befahl er seiner ganzen Umgebung, hinaus zu gehen; und als nun der Wunderdoctor an sein Bett trat, da erkannte er den Brillenhändler. Dieser legte dem kranken Könige die Hand auf die Brust; sogleich ward ihm wohler und noch an demselben Tage konnte er das Bett verlassen.

– Auch das zweite Fernglas, welches Du mir gegeben, ist falsch gewesen! sagte der König zu dem Brillenhändler; denn während es mir nur Glück und Frieden im Lande zeigte, brachen Bürgerkrieg und Seuchen aus, und zuletzt wurde es ganz blind. Du hast mich und mein Land sehr unglücklich gemacht!

– Du hast es ja so gewollt, antwortete der Brillenhändler. Als Du ein Fernglas von mir verlangtest, durch welches Du Alles sehen könnest, was in Deinem Lande vorgehe, da gab ich Dir das schwarze und Du sahst durch dasselbe, wie es in Deinem Lande zuging. So sah es aus; aber Du wolltest es nicht glauben. Als ich wiederkehrte, verlangtest Du ein Glas von mir, durch welches Du Deine Unterthanen glücklich sehen könntest. Ich gab Dir ein solches. Du sahst die wenigen Stätten Deines Landes, in welche Hader und Elend noch nicht gedrungen, und als auch diese endlich vom Unglück verheert waren, da sahst Du nichts mehr durch dieses Glas. Du glaubtest, das Glas sei blind, aber Du selbst nur warst blind.

– So gieb mir denn ein drittes, durch welches ich Alles, Alles sehen kann, was in meinem Lande vorgeht, mag es Gutes oder Böses sein!