„Wo willst Du hingehen, Mutter?“ fragte er, als sie sich mit seinem Röckchen und seiner Mütze dem Bette näherte.

Seine Mutter kam dicht zu ihm heran, und sah ihm so ernst in die Augen, daß er sogleich merkte, daß etwas Ungewöhnliches vorgehen müsse.

„Still, Harry,“ sagte sie, „Du mußt nicht laut sprechen, oder sie hören uns. Ein böser Mann ist gekommen, um den kleinen Harry seiner Mutter wegzunehmen, und im Dunkeln fortzutragen; Mutter aber will ihn nicht lassen, – Mutter will ihrem kleinen Harry das Röckchen anziehen und die Mütze aufsetzen, und mit ihm davon laufen, so daß der böse Mann ihn nicht fangen kann.“

Während dieser Worte hatte sie dem Kinde die einfache Kleidung angelegt, und ihn in ihre Arme genommen, und indem sie ihm zuflüsterte, recht still zu sein, öffnete sie eine Thüre ihres Zimmers, welches in die äußere Veranda führte, und schlich leise hinaus.

Es war eine sternhelle, kalte Nacht, und die Mutter schlug ihr Tuch so dicht wie möglich um das Kind, welches von dumpfen Schrecken ganz still geworden war, und sich ängstlich um ihren Hals klammerte.

Der alte Bruno, ein großer Neufundland-Hund, welcher am Eingange des Portals schlief, erhob sich mit leisem Geknurre, als sie sich ihm nahte. Sie rief jedoch freundlich seinen Namen, worauf das Thier, ihr alter Spielgefährte, augenblicklich zu wedeln und ihr zu folgen begann, obgleich er in seinem schlichten Kopfe mit großem Bedenken zu erwägen schien, was diese nächtliche Promenade zu bedeuten haben möge; denn mehrmals stand er still, und blickte außerordentlich ernsthaft erst nach Elisa und dann nach dem Hause, bis er endlich, wie durch Nachdenken beruhigt, ihr weiter nachtrabte. Wenige Minuten brachten sie an das Fenster von Onkel Toms Hütte, wo Elisa still stand und leise an die Scheibe klopfte.

Die Betstunde bei Onkel Tom war durch Absingen mehrerer Hymnen bis zu einer späten Stunde ausgedehnt worden; und da Onkel Tom nach derselben noch zu seiner eigenen Erbauung einige lange Solos unternommen hatte, so war die Folge davon, daß, obgleich es jetzt zwischen zwölf und ein Uhr war, er und seine würdige Ehehälfte noch nicht schliefen.

„Guter Gott! was ist das?“ sagte Tante Chloë, aufspringend und hastig den Fenstervorhang wegziehend. „Meiner Seel! ist's nicht Lizy! Zieh Dich an, Alter, schnell! – da ist Bruno auch, der herumwedelt; was in aller Welt! Ich will die Thür aufmachen.“

Wie gesagt, so geschehen. Die Thüre flog auf, und der Schein des Talglichtes, welches Tom in der Eile angezündet hatte, fiel auf das bleiche Gesicht und die dunklen, wilden Augen des Flüchtlings.

„Gott helf! – Ich fürchte mich, Dich anzusehen, Lizy! Bist Du so krank, oder was ist vorgegangen mit Dir?“