„Du Schuft!“ sagte Haley, „Du hast das Alles vorhergewußt.“
„Hab' ich's denn nicht gesagt, daß ich's wußte, und Ihr wolltet mir nicht glauben! Ich sagte Master, daß Alles wäre gesperrt und daß ich nicht dächte, wir könnten durchkommen – Andy hat's gehört.“
Es war Alles zu wahr, als daß es hätte in Abrede gestellt werden können, und der unglückliche Mann mußte seinen Aerger mit so viel Anstand niederbeißen, als er konnte. Alle drei nahmen dann ihre Wendung zur Rechten, in gerader Richtung nach der Landstraße.
In Folge aller dieser verschiedenen Verzögerungen war es ungefähr drei Viertelstunden später, nachdem Elisa ihr Kind in der Dorfschenke zur Ruhe niedergelegt hatte, als die Gesellschaft auf dasselbe Gebäude zugeritten kam. Elisa stand am Fenster, nach einer andern Richtung blickend, als Sam's scharfes Auge ihrer gewahr wurde. Haley und Andy waren einige Schritte weit hinter ihm zurück. In diesem kritischen Momente gelang es Sam, seine Kopfbedeckung zu verlieren, als wenn der Wind sie ihm abgeweht hätte, in Folge dessen er einen lauten, ihm eigenthümlichen Schrei ausstieß, durch welchen Elisa auf ihn aufmerksam wurde. Sie zog sich schnell vom Fenster zurück, an dem der ganze Zug vorüber ging, um an den Haupteingang zu gelangen.
Tausend Leben schienen in diesem Augenblicke in Elisa concentrirt zu sein. Ihr Zimmer gewährte durch eine Seitenthür einen Ausgang nach dem Flusse. Sie raffte ihr Kind auf und sprang die zum Ufer hinabführenden Stufen hinunter. Der Sklavenhändler bekam sie deutlich zu Gesicht gerade in dem Augenblicke, als sie unter dem Ufer verschwand, und indem er sich vom Pferde hinab warf, und Sam und Andy ihm zu folgen zurief, sprang er hinter ihr her wie ein Hund hinter einer gejagten Hirschkuh. In diesem schwindelnden Momente schienen Elisa's Füße kaum den Boden zu berühren und ein Augenblick brachte sie an den Wasserrand des Flusses. Dicht hinter ihr folgten Jene, und – wie gestählt von einer Kraft, wie sie Gott nur den Verzweifelnden verleiht, und mit einem wilden Schrei und flugartigen Sprunge, flog sie über den trüben Strom am Ufer hin bis auf die nächste Eisscholle. Es war ein unbegreiflicher Sprung, – der nur in Wahnsinn oder Verzweiflung gemacht werden konnte, und Haley, Sam und Andy schrieen instinktmäßig wie aus einem Munde auf und hoben ihre Hände auf, als sie ihn gewahrten.
Das riesige, grüne Eisstück, auf welchem sie Fuß faßte, krachte und senkte sich, als ihre Last darauf nieder fiel, aber sie hielt nicht einen Augenblick an. Unter wilden Schreien und mit verzweifelnder Kraft sprang sie auf ein anderes und wieder ein anderes Eisstück, während sie bald stolperte, bald sprang, bald ausglitt, und wieder aufsprang! Ihre Schuhe waren zurückgelassen – ihre Strümpfe von den Füßen geschnitten, – und jeder Fußtritt war mit Blut gezeichnet; aber sie sah nichts, sie fühlte nichts, bis nebelartig, wie im Traume, die Ohio-Seite des Flusses vor ihre Blicke trat und ein Mann ihr das Ufer hinauf half.
„Bist eine brave Dirne, wahrhaftig, wer Du auch immer sein magst!“ sagte der Mann mit einem Schwure.
Elisa erkannte die Stimme und das Gesicht eines Mannes, welcher nicht weit von ihrer alten Heimath eine Farm besaß.
„O Mr. Symmes! – retten Sie mich – bitte, retten Sie mich, – verbergen Sie mich!“ rief Elisa flehend.
„Wie, was ist das?“ sagte der Mann. „Ist denn das nicht Shelby's Dirne?“