Die Frage kam unerwartet, und war ein Stoß auf eine frische Wunde; denn erst einen Monat zuvor war ein Lieblingskind der Familie in's Grab gelegt worden.
Mr. Bird wandte sich um und ging an's Fenster, und Mrs. Bird brach in Thränen aus; aber ihre Stimme wieder sammelnd, sagte sie:
„Warum fragst Du mich das? – ja, ich habe ein Kind verloren.“
„Dann werden Sie für mich empfinden. Ich habe zwei verloren, eins nach dem andern, – ich ließ dort ihre Gräber zurück, als ich fortging, – und hatte nur dieses Eine noch. Ich schlief nie eine Nacht ohne ihn; er war Alles, was ich besaß. Er war mein Trost und mein Stolz, Tag und Nacht! und, Madame, sie wollten ihn mir nehmen, – ihn verkaufen – verkaufen nach Süden hinunter, – das Kind, das noch nie in seinem Leben seine Mutter verlassen hatte! – Ich konnt' es nicht tragen, Madame. Ich wußte, daß ich nie wieder zu etwas tauglich sein würde, wenn sie es thaten; und als ich deßhalb wußte, daß die Papiere unterzeichnet waren, und daß er verkauft war, nahm ich ihn und entfloh in der Nacht; und sie verfolgten mich, – der Mann, der ihn gekauft hatte, und einige andre von Masters Leuten, – und sie kamen dicht hinter mir, und ich hörte sie. Da sprang ich auf's Eis, – und wie ich hinüber kam, weiß ich nicht, – das Erste, was ich mich besinnen kann, war, daß mir ein Mann das Ufer hinauf half.“
Das Weib schluchzte nicht und weinte nicht; es war bis zu einem Stadium gelangt, wo Thränen versiegen. Aber alle Umstehenden verriethen, je nach der ihnen eigenthümlichen Weise, das innigste Mitgefühl.
Die beiden kleinen Knaben, nachdem sie verzweiflungsvoll ihre Taschen nach jenen Tüchern durchsucht hatten, von denen Mütter wissen, daß sie dort nie zu finden sind, hatten ihre Gesichter in die Falten des mütterlichen Kleides gesteckt und schluchzten und wischten sich die Augen und Nase nach Herzenslust. Mrs. Bird verbarg ihr Gesicht vollständig im Taschentuche; und die alte Dinah, über deren schwarzes, ehrliches Gesicht die Thränen hinab strömten, rief wiederholt, und mit all' der Inbrunst einer Brüderversammlung: „O Herr! sei uns gnädig!“ während der alte Cudjoe, seine Augen heftig mit dem Rockärmel reibend und die seltsamsten und verschiedenartigsten Gesichter dabei schneidend, zuweilen aus demselben Schlüssel, und mit großer Inbrunst, antwortete. Unser Senator war ein Staatsmann, und konnte deshalb nicht, wie andre Sterbliche, weinen; und deshalb wandte er der ganzen Gesellschaft den Rücken, und sah zum Fenster hinaus, und schien besonders bemüht seine Kehle zu reinigen, und seine Augengläser abzuwischen, wobei er sich zuweilen in einer Weise ausschnaubte, die Verdacht hätte erregen können, wenn Jemand im Stande gewesen wäre, ihn genau zu beobachten.
„Wie kamst Du dazu, mir zu sagen, daß Du einen guten Herrn gehabt habest?“ rief plötzlich Mr. Bird, indem er gewaltsam etwas hinunter schluckte, was ihm in der Kehle aufstieg, und sich plötzlich nach der Frau umwandte.
„Weil er wirklich ein guter Herr war; ich werde das immer von ihm sagen; – und meine Missis war gut; – aber sie konnten sich nicht anders helfen. Sie waren Geld schuldig, und auf eine oder die andre Weise, – ich kann nicht sagen, wie, – war es geschehen, daß ein Mann sie in seine Gewalt bekommen hatte, und daß sie ihm seinen Willen thun mußten. Ich horchte, und hörte, wie er dies zu Missis sagte, und wie sie für mich bat und stritt, – und er sagte, daß er sich nicht helfen könne, und daß die Papiere schon alle unterschrieben wären; – und dann nahm ich mein Kind, und verließ meine Heimath, und floh. Ich wußte, es wäre ganz fruchtlos gewesen, wenn ich hätte versuchen wollen zu leben, nachdem sie 's gethan hätten, – denn dies Kind ist Alles, was ich habe!“
„Hast Du keinen Mann?“
„Ja, aber er gehört einem anderen Herrn. Sein Master ist sehr hart gegen ihn, und will ihn nie ausgehen lassen, um mich zu sehen; und er ist immer schlimmer gegen uns geworden, und hat ihm gedroht, ihn nach Süden zu verkaufen – ich werde ihn wohl nie wieder sehen!“