Marie, deren reizbares Nervensystem durch eine fortwährende Verweichlichung gänzlich geschwächt worden war, hatte nichts mehr, um einen so plötzlichen Schlag ertragen zu können, und verfiel, während ihr Gatte seinen Geist aufgab, von einer Ohnmacht in die andere, so daß er aus diesem Leben schied, ohne derjenigen, die mit ihm durch das enge Band der Ehe verbunden war, auch nur ein Abschiedswort sagen zu können.

Miß Ophelia war mit der ihr eigenthümlichen Stärke und Selbstbeherrschung bis zum letzten Augenblicke bei ihrem Blutsverwandten geblieben, — ganz Auge, ganz Ohr, ganz Aufmerksamkeit, hatte sie Alles gethan, was geschehen konnte, und hatte von ganzem Herzen in das weiche, inbrünstige Gebet mit eingestimmt, welches der arme Sklave für die Seele seines sterbenden Herrn zum Himmel gerichtet hatte.

Als man ihn zu seiner letzten Ruhe vorbereitete, wurde auf seiner Brust ein Miniaturgemälde in einem kleinen, einfachen Futterale gefunden, welches sich mittelst einer Feder öffnete. Es war das Portrait eines edlen und schönen weiblichen Gesichtes, und auf der Rückseite befand sich unter einem Krystallglase eine Locke dunklen Haares. Man legte Beides zurück auf seine kalte Brust, — Staub zu Staub, — traurige Ueberreste jugendlicher Träume, die einst dieses kalte Herz so warm schlagen ließen!

Tom's ganze Seele war mit Gedanken an die Ewigkeit erfüllt; und während er um die sterblichen Ueberreste seines Herrn beschäftigt war, dachte er nicht einen Augenblick daran, daß dieser plötzliche Schlag ihn hoffnungsloser Sklaverei überwiesen habe. Er war beruhigt über seinen Herrn; denn in jener Stunde, wo das inbrünstige Gebet zum Vater seinen Lippen entströmt war, hatte er als Antwort darauf das Gefühl einer ruhigen Zuversicht in seiner Brust empfunden. In den Tiefen seines eigenen gefühlvollen Gemüths fühlte er sich fähig, Spuren von der Fülle der göttlichen Liebe zu entdecken; denn ein alter Spruch sagt: »Wer in der Liebe bleibet, der bleibet in Gott, und Gott in ihm.« Tom hoffte, und vertraute, und war ruhig.

Das Begräbniß ging vorüber mit allem Prunke von schwarzem Krepp, Gebeten und feierlichen Gesichtern; und die kalten, trüben Wellen des täglichen Lebens rollten zurück, und die ewige, harte Frage drängte sich auf: »Was soll nun geschehen?« Sie drängte sich dem Geiste Mariens auf, als sie in leichten Morgengewändern, umgeben von angstvollen Dienstboten, in einem bequemen Armstuhle saß, und verschiedene Muster von Krepp und Bombasin untersuchte. Sie drängte sich Miß Ophelien auf, welche begann, ihre Gedanken ihrer nördlichen Heimath zuzuwenden; und sie drängte sich mit geheimen Schrecken den Geistern der Sklaven auf, welche den gefühllosen, tyrannischen Charakter ihrer Mistreß, in deren Händen sie jetzt allein waren, kannten. Alle wußten sehr wohl, daß die Nachsicht, deren sie sich bisher erfreut hatten, nicht von ihrer Mistreß, sondern nur von ihrem Herrn ausgegangen war, und daß von nun an, wo er todt war, kein Schutz und Schirm mehr zwischen ihnen und jeder tyrannischen Maßregel vorhanden sei, welche ein durch Leiden verbittertes Gemüth ersinnen konnte.

Es war ungefähr vierzehn Tage nach dem Leichenbegängniß, daß Ophelia eines Tages, als sie in ihrem Zimmer beschäftigt war, ein leises Klopfen an ihre Thür hörte. Sie öffnete, und vor ihr stand Rosa, die niedliche, kleine Mulattin, deren wir schon früher öfters erwähnt haben, mit verstörten Haaren und verweinten Augen.

»O, Miß Feely!« rief sie, auf ihre Kniee fallend, und den Saum von Opheliens Kleide fassend, — »bitte, bitte, gehen Sie zu Miß Marien für mich! und bitten Sie für mich! Sie will mich fortschicken, um gepeitscht zu werden, — sehen Sie hier!« Und sie händigte Miß Ophelien ein Papier ein.

Es war ein Befehl, welcher in Mariens zarter, italienischer Hand an den Vorsteher des Stockhauses geschrieben war, und den Auftrag enthielt, der Ueberbringerin fünfzehn Hiebe zu ertheilen.

»Was hast Du gethan?« fragte Miß Ophelia.

»Sie wissen, Miß Feely, ich habe ein so hitziges Temperament; — es ist recht häßlich von mir. Ich paßte Mistreß Marien ein Kleid an, und sie schlug mir ins Gesicht, und ich sprach, ehe ich dachte, und war ungezogen; und da sagte sie, sie wolle mich herunterbringen, und ich solle ein für allemal wissen, daß ich nicht mehr so verwegen sein dürfe, wie ich immer gewesen wäre; und sie schrieb dies und sagte, ich solle es hintragen. Ich wollte lieber, sie brächte mich auf der Stelle um.«