»Lies doch ein Stück, — eins!« sagte die erste Frau neugierig zu Tom, den sie eifrig darin studiren sah.
Tom las: — »Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.«
»Sind gute Worte,« sagte die Frau, »wer sagt sie denn?«
»Der Herr,« entgegnete Tom.
»Ich möchte nur wissen, wo ich ihn finden könnte,« fuhr die Frau fort; — »ich würde zu ihm gehen. 's ist grade als sollt' ich gar keine Ruhe mehr haben. Mein Fleisch ist wund und ich zittere jeden Tag von Morgen bis Abend, denn Sambo schimpft immerzu auf mich los, daß ich nicht schnell genug zupfe; und Abends wird's fast immer Mitternacht, ehe ich mein Essen bekomme; und dann, kaum habe ich mich hingelegt und meine Augen geschlossen, so bläst das Horn schon wieder zum Aufstehn, und dann geht 's wieder los. Wenn ich nur wüßte, wo der Herr wäre, — ich wollt 's ihm sagen.«
»Er ist hier, er ist überall,« sagte Tom.
»Ach, geh' weg, Du wirst mir das nicht einreden! Ich weiß, der Herr ist nicht hier,« sagte die Frau; »'s nützt nichts, das Reden. Will mich hinlegen und schlafen, so lange ich kann.«
Die Weiber gingen fort nach ihren Hütten, und Tom saß allein beim verglimmenden Feuer, welches seinen röthlichen Schein über sein Gesicht warf. Der freundliche silberne Mond stieg auf am Nachthimmel, und still und schweigend, wie Gott auf die Scenen des Elends und der Unterdrückung herabschaut, blickt er nieder auf den einsamen schwarzen Menschen, der mit untergeschlagenen Armen seine Bibel auf dem Knie haltend, dort saß.
»Ist Gott hier?« O wie ist es für das ungelehrte Herz möglich, seinen Glauben ohne Wanken im Angesichte und unter dem Drucke gräßlicher, unverkennbarer Ungerechtigkeiten zu bewahren! In jenem schlichten Herzen kämpfte ein wilder Kampf; das zerschmetternde Gefühl des erlittenen Unrechts, die Ahnung eines ganzen übrigen Lebens voll Elend, die Trümmer aller früheren Hoffnungen, die vor der Seele traurig auf- und niedertauchten, wie die Leichname von Weib, Kind und Freunden aus der schwarzen Welle hervor noch einmal den Blicken des schon versinkenden Seemannes erscheinen! War es hier leicht zu glauben, und festzuhalten an der großen Parole des christlichen Glaubens, »daß er sei, und denen die er suche, ein Vergelter sein werde!«
Tom erhob sich trostlos und stolperte in die Hütte, die ihm angewiesen worden war. Der Fußboden war bereits mit müden Schläfern bedeckt, und die schlechte Luft des Behältnisses schreckte Tom beinahe zurück; aber der schwere Nachtthau war kalt, und seine Glieder waren müde; und indem er sich deßhalb in eine zerrissene Decke wickelte, welche sein einziges Bettzeug ausmachte, streckte er sich auf das Stroh und entschlief.