Eine sanfte Stimme schlug im Traume an sein Ohr. Er saß auf dem Moossitze im Garten am See Pontchartrain, und Eva, mit ihren ernsten Augen niederblickend, las ihm die Bibel vor, und er hörte sie lesen:

»Denn so Du durchs Wasser gehest, will Ich bei Dir sein, daß Dich die Ströme nicht sollen ersäufen; und so Du in's Feuer gehst, sollst Du nicht brennen und die Flamme soll Dich nicht anzünden. Denn Ich bin der Herr, Dein Gott, der Heilige in Israel, Dein Heiland.«

Allmählig schienen die Worte sich in himmlische Musik aufzulösen und zu verhallen; das Kind schlug seine tiefen Augen auf und richtete sie liebevoll auf ihn, und wärmende, tröstende Strahlen fielen auf sein Herz; und wie getragen von den heiligen Tönen, schien sie sich auf glänzenden Flügeln zu erheben, von denen goldene Funken und Flocken gleich Sternen herabfielen, und sie war verschwunden.

Tom erwachte. War es ein Traum? Es möge dafür gelten; aber wer will behaupten, daß es jenem sanften, jugendlichen Geiste, der im Leben stets bemüht war, die Unglücklichen zu trösten und zu beruhigen, von Gott verwehrt worden sei, dieses Amt auch nach dem Tode zu verrichten?


Dreiunddreißigstes Kapitel.
Cassy.

Und siehe, da waren Thränen derer, so Unrecht litten, und hatten keinen Tröster; und die ihnen Unrecht thaten, waren zu mächtig, daß sie keine Tröster haben konnten.

Es erforderte nur kurze Zeit, um Tom mit Allem bekannt zu machen, was er auf seinem neuen Lebenswege zu hoffen und zu fürchten hatte. Er war ein erfahrener, geschickter Arbeiter in jeder Beschäftigung, die er unternahm, und aus Princip und Gewohnheit pünktlich und getreu. Ruhig und friedfertig von Natur, hoffte er durch unausgesetzten Fleiß wenigstens theilweise die in seiner Lage ihm drohenden Uebel abzuwenden. Er sah genug Mißhandlung und Elend, um ihn krank und lebensmüde zu machen; aber er beschloß angestrengt fortzuarbeiten, und mit frommer Geduld auf Den zu vertrauen, der gerecht richtet, nicht ohne Hoffnung, daß sich doch vielleicht ein Weg der Rettung öffnen könne.

Legree beachtete im Stillen Toms Brauchbarkeit wohl. Er hielt ihn für einen vorzüglichen Arbeiter, und dennoch empfand er einen gewissen Widerwillen gegen ihn, — die natürliche Antipathie des Schlechten gegen das Gute. Er sah deutlich, daß wenn, was oft der Fall war, seine Rohheit und Gewaltthätigkeit auf die Hülflosen fiel, Tom dies jedesmal beachtete; denn so fein ist die Atmosphäre der Gedanken, daß sie sich selbst ohne Worte fühlbar macht, und selbst die Gedanken eines Sklaven können einen Herrn verletzen. Tom verrieth in mannigfachen Beziehungen eine Zartheit des Gefühls, und ein Mitleid für seine Leidensgenossen, welches diesen durchaus neu war, und von Legree mit eifersüchtigen Augen beobachtet wurde. Er hatte Tom in der Absicht gekauft, ihn zu einer Art Aufseher zu machen, dem er, während Abwesenheiten von kurzer Dauer, seine Geschäfte übertragen könne, und nach seiner Ansicht war das erste, zweite und dritte Erforderniß zu einer solchen Stellung — Härte. Da nun Tom für diesen Zweck nicht hart genug war, so nahm sich Legree vor, ihn abzuhärten; und als Tom einige Wochen dort gewesen war, beschloß er diesen Prozeß zu beginnen.

Eines Morgens, als die Arbeiter für die Feldarbeit gemustert wurden, bemerkte Tom mit Erstaunen einen neuen Ankömmling unter ihnen, dessen Erscheinung seine Aufmerksamkeit erregte. Es war eine Frau, von großem, schlanken Wuchse, mit außerordentlich zarten Händen und Füßen, die reinlich und anständig gekleidet war. Ihrem Gesichte nach zu urtheilen, konnte sie zwischen fünfunddreißig und vierzig Jahr alt sein; und es war dies ein Gesicht, das, einmal gesehen, sich nie wieder vergessen ließ, — eins derjenigen, die uns auf den ersten Blick eine wilde, schmerzvolle, romantische Lebensgeschichte ahnen lassen. Ihre Stirn war hoch, und ihre Augenbrauen waren fein und schön gezogen. Ihre griechische Nase, ihr fein geschnittener Mund und die reizenden Umrisse ihres Kopfes und Nackens zeigten, daß sie einst sehr schön gewesen sein müsse; aber ihr Gesicht trug tiefe Furchen von Schmerz und stolzen und bitteren Leidens. Ihre Gesichtsfarbe war bleich und ungesund, ihre Wangen waren eingefallen, ihre Züge scharf, und ihre ganze Gestalt abgezehrt. Aber ihr Auge war der merkwürdigste Theil ihrer ganzen Erscheinung, — so groß, so tiefschwarz, beschattet von langen und eben so schwarzen Wimpern, und dem Ausdrucke wilder Verzweiflung. In jeder Linie ihres Gesichts, in jeder Biegung ihrer Lippen, in jeder Bewegung ihres Körpers lagen Stolz und wilder Trotz; aber in ihrem Auge lag eine stille, tiefe Nacht von Angst, die in schrecklichem Gegensatze zu dem Stolze und Trotze stand, welcher aus ihrem ganzen Wesen sprach.