»Wenn Missis doch so gut sein wollte, hier — das zu lesen, 's ist noch besser als Wasser.«
Cassy nahm das Buch mit kalter, stolzer Miene, und blickte über die Stelle. Dann las sie mit sanfter Stimme und mit eigenthümlichem, schönem Ausdrucke die rührende Schilderung seines Todesschmerzes und seiner Glorie. Oefters, während des Lesens, stockte ihre Stimme, oder versagte gänzlich, und dann hielt sie mit einer Miene kalter Ruhe inne, bis sie sich wieder vollständig gesammelt hatte. Als sie an die rührenden Worte kam: »Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun!« ließ sie das Buch fallen, barg ihr Gesicht in die dunkle Fülle ihrer Haare, und begann laut und mit krampfhafter Heftigkeit zu schluchzen.
Tom weinte auch und ließ zuweilen einen unterdrückten Ausruf hören.
»Wenn wir nur das erreichen könnten!« sagte Tom; »es schien bei ihm so natürlich zu sein, und wir müssen so schwer darum kämpfen! O Herr, hilf uns! o heiliger Herr Jesus, hilf uns!«
Nach einer Weile fuhr Tom fort: »Missis, ich kann das ganz deutlich sehen, Missis ist in allen Dingen weit über mir, aber da ist eins, das Missis selbst vom armen Tom lernen könnte. Ihr sagtet, der Herr habe Partei gegen uns genommen, weil er zuläßt, daß man uns zu Boden schlägt und mißhandelt: aber Ihr seht, was seinem eigenen Sohne widerfahren ist, — dem Herrn der Herrlichkeit, — war er nicht immer arm? und ist Einer von uns schon so elend geworden, wie er war? Nein, Gott hat uns nicht vergessen, — das weiß ich gewiß! Wenn wir mit ihm leiden, so werden wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden, sagt die Schrift; aber wenn wir Ihn verleugnen, so wird er uns auch verleugnen. Haben sie nicht Alle gelitten? — der Herr und die Seinigen? Hören wir nicht, wie sie gesteinigt und auseinander gesägt wurden, und wie sie in Schaaffellen und Ziegenhäuten umherwanderten, und hülflos, und betrübt, und gequält waren? Leiden ist kein Grund, um uns glauben zu lassen, daß sich der Herr von uns gewendet habe, sondern gerade das Gegentheil, wenn wir zu ihm halten und nicht der Sünde weichen.«
»Aber warum setzt er uns dahin, wo wir nicht anders können, als sündigen?« sagte die Frau.
»Ich glaube, wir können anders,« entgegnete Tom.
»Du wirst es sehen,« sagte Cassy; »was willst Du thun? Morgen werden sie wieder über Dich herfallen. Ich kenne sie; ich habe alle ihre Thaten gesehen; ich kann nicht an alles das denken, was sie noch über Dich bringen werden, — und zuletzt wirst Du doch nachgeben müssen!«
»Herr Jesus!« sagte Tom, »Du willst Dich meiner Seele annehmen? O Herr, thue es! — lasse mich nicht wanken!«
»O mein Gott!« sagte Cassy; »Ich habe alles dieses Schreien und Beten schon oft gehört, und dennoch sind sie gebrochen und bezwungen worden. Da ist Emmeline, die sich zu halten versucht, und Du versuchst, — aber was hilft es? Du mußt nachgeben, oder Dich langsam umbringen lassen.«