»Gut, so will ich sterben!« sagte Tom. »Sie mögen es in die Länge ziehen, so weit sie können, sie können doch nicht verhindern, daß ich endlich sterbe! — und dann können sie nichts mehr thun. Das ist klar, ich bin bereit! Ich weiß, der Herr wird mir helfen und mich hindurch führen.«
Die Frau antwortete nicht; sie blieb schweigend sitzen, während sie mit ihren schwarzen Augen vor sich hin auf den Boden starrte.
»Vielleicht ist das der rechte Weg,« murmelte sie für sich; »aber für Diejenigen, die es einmal aufgegeben haben, ist keine Hoffnung mehr, — keine! Wir leben in Schmutz, und werden eckelhaft, bis wir uns selbst zum Eckel werden! Wir sehnen uns danach, zu sterben, und haben nicht den Muth, uns selbst zu tödten! — Keine Hoffnung! keine! keine! — das Mädchen, grade so alt, wie ich war!«
»Du siehst mich jetzt,« fuhr sie zu Tom gewendet fort, und sehr schnell sprechend, — »siehst, was ich jetzt bin! Wohl, ich bin in Luxus erzogen worden. Das erste, dessen ich mich entsinne, ist, daß ich als Kind in glänzenden Zimmern spielte, — daß ich wie eine Puppe gekleidet ging, und von aller Welt gelobt und gepriesen wurde. Eine Glasthür führte aus dem Salon in den Garten, und dort pflegte ich mit meinen Geschwistern zu spielen. Ich wurde in ein Kloster gebracht, und lernte Musik, Französisch und feine Stickerei und wer weiß was Alles; und als ich vierzehn Jahre alt war, verließ ich es, um dem Begräbnisse meines Vaters beizuwohnen. Er starb plötzlich, und als der Nachlaß regulirt werden sollte, ergab sich's, daß kaum genug vorhanden war, um seine Schulden zu decken; und die Gläubiger nahmen ein Inventarium auf, und ich wurde mit darin verzeichnet. Meine Mutter war eine Sklavin gewesen, und mein Vater hatte stets die Absicht gehabt, mich für frei zu erklären; aber er hatte es nicht gethan, und so wurde ich mit in das Verzeichniß aufgenommen. Es war mir von jeher bekannt gewesen, was ich war, aber ich hatte nie viel daran gedacht. Man glaubte nie, daß ein starker, gesunder Mann plötzlich sterben könne. Mein Vater war noch vier Stunden vor seinem Tode gesund und wohl. Es war einer der ersten Cholerafälle in New-Orleans. Am Tage nach dem Begräbniß nahm die Frau meines Vaters ihre Kinder und ging damit nach der Plantage ihres Vaters. Ich dachte, sie behandelten mich recht sonderbar, aber ich verstand es nicht. Es war da ein junger Advokat, der den Auftrag hatte, die Geschäfte in Ordnung zu bringen; dieser kam jeden Tag und sprach sehr höflich mit mir. Eines Tages brachte er einen jungen Mann mit sich, den ich für den schönsten hielt, den ich jemals gesehen hatte. Ich werde niemals jenen Abend vergessen. Wir gingen zusammen im Garten spazieren. Ich fühlte mich so einsam und so traurig, und er war so sanft und so freundlich gegen mich, und erzählte mir, daß er mich schon früher gesehen habe, ehe ich nach dem Kloster gebracht worden sei, und daß er mich so lange geliebt habe, und daß er mein Freund und Beschützer sein wolle; — kurz, obgleich er es mir nicht sagte, er hatte zweitausend Dollar für mich bezahlt, und ich war sein Eigenthum. Ich wurde es gern, denn ich liebte ihn. — Liebte!« wiederholte die Frau inne haltend. »O! wie liebte ich ihn! wie liebe ich ihn jetzt noch, — und werde ihn ewig lieben, so lange ich athme! Er war so schön, so erhaben, so edel! Er wies mir ein schönes Haus an, mit Dienern, Pferden und Wagen, mit Möbeln und schönen Kleidungsstücken. Alles was Geld erkaufen konnte, gab er mir; aber ich legte keinen Werth darauf, — er galt mir über Alles. Ich liebte ihn mehr als Gott und meine Seele; und ich konnte nichts Anderes thun, als was er wünschte.
Nur einen Wunsch hegte ich, — den, daß er mich heirathen solle. Ich dachte, wenn er mich so liebte wie ich ihn, und wenn ich das wirklich war, wofür er mich zu halten schien, so würde er gern bereit sein, mich zu heirathen und in Freiheit zu setzen. Allein er überzeugte mich davon, daß es unmöglich sei, und sagte mir, daß wenn wir einander treu seien, es eine Ehe vor Gott sei. Wenn das wahr ist, war ich denn nicht jenes Mannes Weib? War ich nicht treu? Bewachte ich nicht sieben Jahre lang jeden Blick und jede Bewegung, nur bemüht, ihm zu gefallen? Er bekam das gelbe Fieber, während dessen ich zwanzig Tage und Nächte bei ihm wachte. Ich allein; — ich reichte ihm alle seine Arzneien, und verrichtete jede Dienstleistung für ihn, und er nannte mich seinen guten Engel, und sagte, daß ich ihm das Leben gerettet habe.
Wir hatten zwei schöne Kinder. Das erste war ein Knabe, den wir Henry nannten. Er war das Abbild seines Vaters; — er hatte so schöne Augen, eine so schöne Stirn und so schöne, lange Locken, — und ganz seines Vaters Geist und Fähigkeiten! Die kleine Elise war mir ähnlich, wie ihr Vater sagte. Er pflegte mich das schönste Weib in Louisiana zu nennen und mich zu versichern, daß er stolz auf mich und die Kinder sei. Er sah es gern, daß ich sie hübsch anzog, um mit ihnen und mir sodann in einem offenen Wagen umherzufahren und die Bemerkungen der Leute über uns zu hören; und fortwährend erzählte er mir nachher die Lobsprüche, die über mich und die Kinder geäußert worden waren. O, das waren glückliche Tage! Ich fühlte mich so glücklich, wie ein Mensch nur sein konnte; aber dann kamen böse Zeiten. Es war ein Cousin von New-Orleans gekommen, der sein intimster Freund war, — und von dem er außerordentlich viel hielt. Allein vom ersten Augenblicke, wo ich ihn sah, fürchtete ich ihn, ohne zu wissen, weßhalb; denn ich fühlte die Gewißheit in mir, daß er Unglück über uns bringen werde. Er verleitete Henry, mit ihm auszugehen, und kehrte oft erst um zwei oder drei Uhr nach Hause. Ich wagte nichts darüber zu sagen, denn Henry war heftigen Temperaments, und ich fürchtete mich. Er ließ sich von seinem Cousin in Spielhäuser führen, und er war einer von denjenigen, die, wenn sie einmal dort gewesen sind, sich nicht mehr davon zurückhalten lassen. Bald darauf machte ihn jener mit einer andern Dame bekannt, und ich bemerkte bald, daß sein Herz sich von mir gewendet hatte. Er sagte mir es nie, aber ich sah es deutlich, — ich fühlte es jeden Tag mehr, — mein Herz brach, aber ich konnte kein Wort darüber sagen! Dann erbot sich jener Elende, mich und die Kinder von Henry zu kaufen, um seine Spielschulden davon bezahlen zu können, welche ihn verhinderten, sich so zu verheirathen, wie er wünschte; — und er verkaufte uns! Er sagte mir eines Tages, daß er Geschäfte auf dem Lande habe, und zwei oder drei Wochen abwesend sein werde. Er sprach freundlicher, als gewöhnlich, und versicherte mich, daß er zurückkehren werde; allein ich ließ mich dadurch nicht täuschen. Ich wußte, daß die Zeit gekommen sei. Mir war, als sei ich in Stein verwandelt worden: ich konnte weder sprechen, noch eine Thräne vergießen. Er küßte mich und die Kinder viele, viele Male, und ging hinaus. Ich sah ihn noch das Pferd besteigen und folgte ihm mit den Augen, bis er meinen Blicken entschwand. Dann sank ich ohnmächtig nieder.«
»Dann kam er, der verfluchte Elende! — und nahm Besitz von mir. Er sagte mir, daß er mich und meine Kinder gekauft habe, und zeigte mir die Papiere. Ich verfluchte ihn vor Gott und sagte ihm, daß ich lieber sterben als mit ihm leben würde.
›Ganz wie Du willst,‹ entgegnete er, ›aber wenn Du dich nicht vernünftig beträgst, so verkaufe ich beide Kinder, so daß Du sie nie im Leben wieder siehst.‹ Er sagte mir, daß es vom ersten Augenblicke an, wo er mich gesehen, seine Absicht gewesen sei, mich zu besitzen, und daß er Henry absichtlich verleitet und in Schulden gestürzt habe, um ihn dazu zu bringen, mich zu verkaufen; daß er ihn aus demselben Grunde zu dem Verhältniß mit einer andern Dame geführt habe, und daß er selbst endlich nicht gesonnen sei, seinen Plan um ein paar Thränen halber aufzugeben.
Ich gab nach, denn meine Hände waren gebunden. Er hatte meine Kinder in seiner Gewalt; und sobald ich mich irgendwie seinem Willen widersetzte, fing er davon an zu sprechen, daß er sie verkaufen wolle, und machte mich dadurch so unterwürfig, als er nur wünschte. O, was für ein Leben war das! Jeden Tag mit brechendem Herzen leben und liebevoll und zärtlich sein zu müssen, während es doch nichts als Elend war; und mit Leib und Seele an jemanden gebunden zu sein, den ich haßte. Meinem Henry las ich gern vor, ich spielte und tanzte mit ihm, oder sang ihm etwas vor; aber Alles, was ich für diesen thun mußte, war mir eine Qual; — und dennoch wagte ich nicht, irgend Etwas zu verweigern. Sein Benehmen war herrisch und hart gegen die Kinder. Elise war ein kleines, furchtsames Wesen; aber Henry war wie sein Vater kühn und muthig, und hatte sich nie durch irgend Jemanden zur Unterwürfigkeit bringen lassen. Ihn tadelte und schalt er fortwährend, und ich lebte in steter Angst. Ich bemühte mich, den Knaben ehrerbietiger zu machen, — ich suchte ihn von ihm entfernt zu halten, denn ich hing an diesen Kindern mit meinem ganzen Leben; aber es half nichts. Er verkaufte beide Kinder. Eines Tags nahm er mich mit auf eine Spazierfahrt, und als ich zu Hause kam, waren sie verschwunden! Er sagte mir, daß er sie verkauft habe und er zeigte mir das Geld, den Preis ihres Blutes.
Von nun an schien mich alles Gute zu verlassen. Ich raste und fluchte, — fluchte Gott und Menschen; und eine Zeit lang fürchtete er sich wirklich vor mir. Allein er gab nicht nach. Er sagte mir, daß meine Kinder verkauft seien, aber daß, ob ich ihre Gesichter je wiedersähe, von ihm abhänge, und daß, wenn ich mich nicht ruhig verhalte, meine Kinder dafür leiden sollten. Du kannst mit einer Frau Alles thun, wenn Du ihre Kinder hast. Er machte mich demüthig, er brachte mich zur Ruhe; er schmeichelte mir mit Hoffnungen, daß er sie zurückkaufen werde, und so verfloßen einige Wochen. Eines Tages ging ich spazieren, und kam am Stockhause vorüber. Ich sah eine große Menschenmenge vor dem Thore versammelt und hörte eine Kinderstimme, — und plötzlich riß sich mein Henry von zwei oder drei Männern los, die ihn hielten, und lief schreiend auf mich zu und erfaßte mein Kleid. Jene kamen fluchend hinter ihm her, und ein Mann, dessen Gesicht ich nie vergessen werde, sagte ihm, daß er so nicht davon kommen solle, daß er mit ihm in's Stockhaus gehe und daß er dort eine Lehre bekommen solle, die er nicht so leicht vergessen werde. Ich bat und flehte für ihn, — aber die Männer lachten nur dazu; der arme Knabe schrie und schaute mir in's Gesicht, und hielt sich an mir fest, bis sie ihn losreißend den Rock meines Kleides halb mit abrissen; und dann schleppten sie ihn, während er ›Mutter! Mutter! Mutter!‹ schrie, fort. Ein Mann stand dabei, der Mitleid zu haben schien. Ich bot ihm alles Geld an, was ich hatte, wenn er mir beistehen wolle; aber er schüttelte seinen Kopf und entgegnete, daß der Mann ihm gesagt habe, der Knabe sei ungehorsam und ungezogen vom ersten Augenblicke an gewesen, daß er ihn gekauft und daß er ihm jetzt ein für allemal eine Dressur geben wolle. Ich wandte mich um und rannte davon, und auf jedem Schritte glaubte ich noch sein Geschrei zu hören. Ich gelangte in das Haus und eilte athemlos in das Zimmer, wo sich Butler befand. Ich sagte es ihm und flehte ihn an, sich des Knaben anzunehmen; aber er lachte nur und antwortete mir, daß der Knabe bekomme, was er verdiene, und daß er dressirt werden müsse, je eher, desto besser.