Das war Legree's Gnadentag. Damals riefen ihn gute Engel, da war er fast gewonnen, und die Gnade nahm ihn bei der Hand. Sein Herz wurde weich, — es entstand ein Kampf; aber die Sünde siegte und er setzte alle Kraft seiner rauhen Natur der Ueberzeugung seines Gewissens entgegen. Er trank und schwor, war wilder und roher als je; und eines Abends, als seine Mutter in ihrer letzten Verzweiflungsangst ihm zu Füßen kniete, stieß er sie von sich, warf sie besinnungslos auf den Boden und floh mit rohen Flüchen auf sein Schiff. Das nächste Mal, daß Legree etwas von seiner Mutter hörte, war, als er eines Abends mit seinen trunknen Gefährten zechte, wo ihm ein Brief in die Hand gesteckt wurde. Er öffnete denselben, und heraus fiel eine lange sich ringelnde Haarlocke, die sich um seine Finger schlängelte. Der Brief sagte ihm, daß seine Mutter todt sei und daß sie sterbend ihn gesegnet und ihm verziehen habe.
Es gibt eine schreckliche unheimliche Zauberei des Bösen, welche das Süßeste und Heiligste in Gebilde des Schreckens und Entsetzens verwandelt. Jene blasse, liebevolle Mutter — ihr Sterbegebet, ihre vergebende Liebe, wirkten auf jenes teuflische Sündenherz nur wie ein verdammendes Urtheil, welchem die fürchterliche Erwartung des Gerichts und feurigen Zornes folgte. Legree verbrannte die Haare und verbrannte den Brief, und als er Beides zischen und knistern sah in der Flamme, schauderte er innerlich bei dem Gedanken an das ewige Feuer. Er versuchte zu trinken und zu schwärmen und die Erinnerung wegzufluchen; aber oft in tiefer Nacht, deren feierliche Stille die schlechte Seele zum Verkehre mit sich selbst zwingt, hatte er jene blasse Mutter an seinem Bette aufsteigen sehen und jenes Haar sich sanft um seine Finger schlängeln gefühlt, bis der kalte Schweiß ihm am Gesicht herablief, und er mit Entsetzen in seinem Bette aufsprang. Ihr, die ihr euch gewundert habt, aus demselben Evangelium zu hören, daß Gott die Liebe, und daß Gott ein verzehrendes Feuer ist, seht ihr nicht, wie für die zum Bösen entschlossene Seele die vollkommene Liebe die fürchterlichste Qual ist, das Siegel und der Spruch der gräßlichsten Verzweiflung.
»Hol 's der Teufel!« sagte Legree zu sich selbst, als er an seinem Getränke nippte, »woher hat er das? Wenn es nicht aussah, grade wie — ach! Ich dachte, ich hätte das vergessen. Will verflucht sein, wenn ich glaube, es gibt dergleichen; wie etwas vergessen, irgendwie — hol's der Henker! Ich bin allein! will Em rufen. Sie haßt mich — der Affe! Mich kümmert's nicht — ich will es schon machen, daß sie kommt!«
Legree schritt hinaus in einen großen Vorsaal, welcher vermittelst einer großen Wendeltreppe, die vormals prächtig gewesen war, in's erste Stock führte; aber der Gang war schmutzig und öde, mit Kasten und häßlichen Dingen, die zerstreut umherlagen, versperrt. Die mit keinem Teppiche belegte Treppe schien sich in der Düsterkeit hinaufzuwinden zu wer weiß wohin! Der bleiche Mondschein strömte durch ein zerschmettertes Bogenfenster über der Thür, die Luft war ungesund und feucht, wie die eines Grabgewölbes.
Legree blieb am Fuße der Treppe stehen und hörte eine Stimme singen. Sie klang ihm fremdartig und geisterhaft in jenem öden, alten Hause, vielleicht wegen des schon erschütterten Zustandes seiner Nerven. Horch! was ist das?
Eine wilde, rührende Stimme singt ein unter den Sklaven gewöhnliches Lied:
»O, es wird Trauer, Trauer sein,
O, es wird Trauer sein an Christi Richterstuhle!«
»Hol der Teufel das Mädchen!« sagte Legree. »Ich will ihr den Mund stopfen. — Em! Em!« rief er barsch; aber nur ein höhnender Widerhall antwortete ihm von den Wänden. Die süße Stimme sang weiter:
»Da müssen Eltern und Kinder scheiden!
Da müssen Eltern und Kinder scheiden!
Scheiden, um nimmer sich wieder zu sehn!«
Und hell und klar schwoll durch die leeren Hallen der Schlußreim: —