Wer kann den Segen des ersten Freiheitstages aussprechen? Ist nicht der Sinn der Freiheit ein höherer und feinerer, als irgend einer der fünf anderen. Sich zu bewegen, zu reden, zu athmen, zu gehen und zu kommen unbewacht und ohne Gefahr! Wer kann die Segnungen des Schlafes schildern, der sich auf des freien Mannes Kissen niedersenkt, unter Gesetzen, welche ihm die Rechte sichern, die Gott den Menschen verliehen? Wie schön erschien jener Mutter des schlafenden Kindes Antlitz, theurer durch die Erinnerung an tausend Gefahren! Wie unmöglich war es zu schlafen im überschwänglichen Genusse solchen Segens! Und doch hatten diese zwei nicht eine Hufe Land, kein Dach, das sie ihr eigen nennen konnten; sie hatten ihr Alles dahingegeben bis auf den letzten Thaler. Sie hatten nicht mehr, als die Vögel der Luft, oder die Blumen des Feldes — und doch konnten sie nicht schlafen vor Freude. »O Ihr, die Ihr dem Menschen die Freiheit raubt, wie wollt Ihr das vor Gott verantworten?« —


Achtunddreißigstes Kapitel.
Der Sieg.

»Dank sei Gott, der uns den Sieg verleiht.«

Haben nicht viele von uns in mancher Stunde mühseligen Lebensweges gefühlt, wie weit leichter es sei, zu sterben, als zu leben?

Der Märtyrer, wenn er unter körperlichen Qualen dem Tode in die Augen schaut, findet selbst im Schrecken seines Looses eine Stärkung. Es liegt eine lebendige Aufregung darin, welche ihn durch jede Krisis des Leidens führen kann, und sie zur Geburtsstunde ewigen Ruhmes und ewigen Friedens macht.

Aber zu leben, und Tag für Tag in niederer, bitterer, gemeiner und quälender Knechtschaft sich hinzuschleppen, jede Nerve erschlafft und abgespannt, jede Gefühlskraft allmählig erstickt — dieses lange, zehrende Märtyrerthum des Herzens, dieses langsame, tägliche Verbluten des inneren Lebens, tropfenweise, stündlich — dies ist der wahre Probirstein dessen, was im Menschen ist.

Als Tom seinem Verfolger gegenüberstand, und dessen Drohungen hörte, und in seiner innersten Seele dachte, daß seine Stunde gekommen sei, schwoll ihm muthig die Brust, und er glaubte, er könne Folter und Feuer, Alles ertragen, mit dem Blicke auf Jesus und den Himmel gerichtet; als derselbe aber fortgegangen und die Aufregung verschwunden war, kehrte der Schmerz seiner gequetschten, müden Glieder zurück und das Gefühl seines völlig herabgewürdigten, hoffnungslosen und verlornen Zustandes; und der Tag verging ihm traurig.

Legree bestand darauf, daß Tom lange vorher, ehe dessen Wunden geheilt waren, wieder an die regelmäßige Feldarbeit gestellt werden sollte; und dann kamen Tag für Tag Schmerz und Müdigkeit, erschwert durch jede Art von Ungerechtigkeit und Unwürdigkeit, welche der böse Wille einer gemeinen und boshaften Seele ersinnen konnte. Wer nur immer in unsern Umständen eine Schmerzensprüfung zu bestehen hatte, selbst mit allen Erleichterungen, welche dieselben bei uns gewöhnlich begleiten, muß die Gereiztheit kennen, die uns in derselben nie verläßt. Tom wunderte sich nicht mehr über die gewohnheitsmäßige Verdrießlichkeit seiner Gefährten: ja, er fand die ruhige, heitere Stimmung, welche ihn durch sein ganzes Leben begleitet hatte, zerstört und jämmerlich zerrissen. Er hatte auf Muße gehofft, seine Bibel lesen zu können, aber Muße gab es hier nicht. In der dringendsten Erntezeit trug Legree kein Bedenken, alle seine Arbeiter Sonntags wie Wochentags gleich zu quälen. Warum nicht? Er erzielte dadurch mehr Baumwolle, und gewann seine Wette; und wenn es einige Leute mehr aufrieb, konnte er bessere kaufen. Zuerst war Tom gewohnt gewesen, beim Leuchten des Feuers einige Bibelverse zu lesen, nachdem er von der Tagesarbeit zurückgekehrt war; nach der grausamen Behandlung aber, die er erfahren hatte, pflegte er so erschöpft nach Hause zu kommen, daß der Kopf sich ihm drehte und ihm die Augen den Dienst versagten, wenn er zu lesen versuchte, und er froh war, sich mit den Andern in völliger Erschöpfung niederstrecken zu können.