Ist es auffallend, daß der Gottesfriede und das Himmelsvertrauen, welche ihn bisher aufrecht erhalten hatten, Gemüthserschütterungen und finsterem Verzagen weichen konnten? Die düsterste Aufgabe dieses geheimnißvollen Lebens war ihm beständig vor den Augen; zerschmetterte und zu Grunde gerichtete Seelen, Böses triumphirend und Gott schweigend. Wochen, Monate rang Tom in seinem Geiste in Dunkelheit und Betrübniß. Er dachte an Miß Ophelia's Brief, an seine Freunde in Kentucky, und betete ernstlich, daß ihm Gott Erlösung senden möge; und dann wartete er Tag für Tag in derlei unbestimmter Hoffnung, Jemanden zu sehen, der zu seiner Erlösung ausgesendet sei; und wenn Niemand kam, drängte er bittere Gedanken in sein Herz zurück — daß es eitel sei, Gott zu dienen, daß Gott ihn vergessen habe. Zuweilen sah er Cassy, und wenn er zuweilen nach dem Hause gerufen wurde, erblickte er dann und wann die gebeugte Gestalt Emmelinens, er hatte aber mit keiner viel Verkehr; es blieb wirklich keine Zeit, mit irgend Jemanden Umgang zu haben.

Eines Abends saß er in völliger Niedergeschlagenheit und Abspannung bei ein paar erlöschenden Feuerbränden, an denen er sein kärgliches Abendessen bereitete. Er legte etwas Reisig auf, um das Feuer wieder in Brand zu setzen, und zog dann seine verbrauchte alte Bibel aus der Tasche. Darin waren alle die Stellen gezeichnet, welche so oft seine Seele angeregt hatten — Worte von Erzvätern und Sehern, Dichtern und Weisen, die von frühen Zeiten her dem Menschen Muth zugesprochen — Stimmen aus der großen Wolke von Zeugen, welche uns immer auf der Lebensbahn umgeben. Hatte das Wort seine Kraft verloren, oder waren das versagende Auge und der müde Sinn nicht länger empfänglich für jene mächtigen Eingebungen? Schwer seufzend steckte er das Buch in die Tasche. Ein rohes Gelächter erwartete ihn; er sah auf — Legree stand ihm gegenüber.

»Nun, alter Junge,« sagte er, »Du findest, Deine Religion wirkt nicht; es scheint so! Ich dachte ja, ich würde das aus Deiner Wolle herausbringen!«

Der grausame Hohn war schlimmer, als Hunger, Kälte und Nacktheit. Tom war still.

»Du warst ein Narr,« sagte Legree, »denn ich dachte Dir Gutes zu thun, als ich Dich kaufte. Du hättest besser daran sein können, als Sambo oder Quimbo, und gute Zeiten haben; und anstatt alle paar Tage geprügelt und gedroschen zu werden, könntest Du Freiheit gehabt haben, rings umher zu herrschen, und die andern Nigger zu peitschen, und hättest Dich zuweilen an einem guten Whiskeypunsch erwärmen können. Nun, mach keine Umstände und sei vernünftig! Wirf den alten Plunder hier ins Feuer und schlag Dich zu meiner Kirche!«

»Gott behüte mich!« sagte Tom inbrünstig.

»Du siehst, Gott will Dir nicht helfen; wenn er gewollt hätte, so hätte er Dich nicht in meine Hände kommen lassen. Deine Religion ist ein Gemisch von lauter Lügenkram, Tom. Ich weiß es. Halt lieber zu mir; ich bin etwas und kann etwas thun!«

»Nein, Master,« sagte Tom, »ich will festhalten. Gott mag mir nun helfen oder nicht; aber ich will an ihm halten und bis aufs Letzte an ihn glauben!«

»Um so mehr bist Du ein Narr!« sagte Legree, indem er ihn verächtlich anspie und mit dem Fuße trat. »Nun, es macht nichts aus; ich will Dich doch noch niederhetzen und herunterbringen, Du wirst 's sehen!« und Legree wendete sich weg.