Wenn ein schweres Gewicht die Seele zur tiefsten Tiefe menschlichen Duldens herunterdrückt, so tritt eine plötzliche und verzweifelte Anstrengung jedes physischen und geistigen Nervs ein, das Gewicht abzuwerfen, und dadurch wird der größte Schmerz oft zu einer rückströmenden Fluth der Freude und des Muthes. So war es jetzt mit Tom. Die gottesläugnerischen Verhöhnungen seines grausamen Herrn senkten seine vorher schon niedergeschlagene Seele zur tiefsten Ebbe hinab; und obgleich die Hand des Glaubens sich noch an dem ewigen Felsen festhielt, so war es doch nur mit einem starren, verzweifelten Griffe. Tom saß wie betäubt am Feuer. Plötzlich schien Alles um ihn zu verschwinden, und vor ihm erhob sich die Erscheinung einer mit Dornen gekrönten, geschlagenen und blutenden Gestalt. Tom schaute mit Staunen und Bewunderung auf die würdevolle Ruhe des Antlitzes; die tiefen, rührenden Augen drangen ihm bis in das innerste Herz; seine Seele erwachte, während er mit strömendem Gefühle seine Hände ausstreckte und auf seine Kniee fiel; und allmählig veränderte sich die Erscheinung, die scharfen Dornen wurden zur Strahlenkrone, und im unbegreiflichen Glanze sah er dasselbe Antlitz sich mitleidsvoll zu ihm neigen, und eine Stimme sagte: »Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Stuhle zu sitzen, wie Ich überwunden habe, und bin mit meinem Vater gesessen auf seinem Stuhle.«

Wie lange Tom so gelegen hatte, wußte er nicht. Als er wieder zu sich kam, war das Feuer erloschen, seine Kleider von feuchtem Thaue durchnäßt, aber der fürchterliche Seelenkampf war entschieden, und in der Freude, welche ihn erfüllte, fühlte er nicht mehr Hunger, Kälte, Erniedrigung, Widerwärtigkeit und Elend. Aus tiefster Seele schied er in jener Stunde von jeder Hoffnung dieses Lebens, und brachte seinen eigenen Willen als ein williges Opfer dem Unendlichen dar. Tom sah auf zu den stillen, ewigen Sternen, den Sinnbildern der Engelsschaaren, die immer auf den Menschen herabschauen; und die Einsamkeit der Nacht wiederhallte von den Siegesworten eines Lobgesanges, welchen er oft in glücklicheren Tagen gesungen, aber nie mit einem solchen Gefühle wie jetzt:

»Die Erde wird wie Schnee zergehn, Die Sonne nicht mehr scheinen; Doch Gott, der mich hier ließ entstehn, Wird sich mit mir vereinen.«

»Und wenn dies ird'sche Leben flieht, Und Fleisch und Sinn vergehn, Der Engel Schaar mich jenseits zieht, Wo Fried und Freude wehn.«

»Und wenn zehntausend Jahr wir da Hell scheinend wie die Sonn', So sing'n wir noch Halleluja, Wie einst auf Erden schon.«

Wer vertraut ist mit der Religionsgeschichte der Sklavenbevölkerung, wird wissen, daß Verhältnisse gleich denen, welche wir erzählt haben, sehr gewöhnlich unter ihnen sind. Wir haben von ihren eigenen Lippen einige der rührendsten und ergreifendsten Züge gehört. Der Seelenforscher erzählt uns von einem Zustande, in welchem die Bewegungen und Bilder des Gemüths so herrschend und übermächtig werden, daß sie die äußeren Sinne in ihren Dienst zwingen, und diese den inneren Gebilden eine erkennbare Gestalt verleihen. Wer kann ermessen, was ein alldurchdringender Geist mit diesen Fähigkeiten unserer sterblichen Natur wirken, oder wie er die verzagenden Seelen der Untröstlichen ermuthigen kann? Wenn der arme, vergessene Sklave glaubt, daß Jesus ihm erschienen sei und mit ihm geredet habe, wer wird ihm widersprechen? Sagte er nicht, daß seine Sendung zu allen Zeiten sei, »zu heilen, die zerstoßenen Herzens sind, zu predigen den Zerschlagenen, daß sie frei und ledig sein sollen.«

Als das dunkle Grau der Morgendämmerung die Schläfer erweckte, hinaus auf das Feld zu gehen, da war einer unter jenen zerlumpten und schauernden Unglücklichen, der mit frohlockendem Schritte einherging, denn fester, als der Boden, welchen er betrat, war sein starker Glaube an die allmächtige, ewige Liebe. Ach, Legree! versuche jetzt alle Deine Kräfte! Völlige Seelenangst, Wehe, Erniedrigung, Mangel und Verlust von Allem werden nur den Proceß beschleunigen, der ihn zum König und Priester Gottes weiht!

Von dieser Zeit an umgab ein unverletzbarer Kreis des Friedens das demüthige Herz des Bedrückten — ein immer gegenwärtiger Erlöser weihte es zu einem Tempel. Vorüber ist nun das Bluten irdischen Schmerzes, vorüber seine schwankende Hoffnung und Furcht, sein schwankendes Verlangen — der menschliche Wille gebeugt und blutend, und lange ringend, war nun ganz in dem göttlichen aufgegangen. So kurz schien jetzt die übrige Lebensreise — so nahe, so lebendig der ewige Segen — daß des Lebens äußerstes Weh harmlos an ihm vorüberging.

Alle bemerkten die Veränderung in seiner Erscheinung. Heiterkeit und Freudigkeit schien in ihn zurückzukehren, und eine Ruhe, welche keine Kränkung oder Beleidigung stören konnte, schien ihn zu beherrschen.

»Was der Teufel ist in den Tom gefahren?« sagte Legree zu Sambo. »Vor einiger Zeit war er ganz wie stumm, und jetzt ist er vergnügt wie ein Heimchen.«