»So! ha!« sagte Legree bei sich, »denkt er das wirklich? Wie ich diese verfluchten Methodistenlieder hasse! Her! Nigger!« sagte er, indem er plötzlich auf Tom zukam und seine Reitpeitsche in die Höhe hob, »wie kannst Du Dich unterstehen, diesen Lärm hier zu machen, wenn Du zu Bette sein mußt? Halt Deinen alten schwarzen Rachen und packe Dich fort!«
»Ja, Master,« sagte Tom mit bereitwilliger Freundlichkeit, als er sich erhob, um heimzugehen.
Legree war auf's Aeußerste gereizt durch Toms sichtliche Glückseligkeit; er ritt an ihn heran und bearbeitete ihn mit Schlägen über Kopf und Schultern.
»Da, Hund,« sagte er, »sieh zu, ob Dir danach noch immer so wohl ist!«
Aber die Schläge fielen jetzt nur auf den äußern Menschen und nicht, wie zuvor, auf das Herz. Tom stand völlig unterwürfig da; und doch konnte sich Legree nicht verhehlen, daß seine Macht über seinen Leibeigenen aufgehört hatte. Als Tom in seiner Hütte verschwand, und er sein Pferd herumwarf, durchzuckte sein Herz plötzlich einer jener lebendigen Blitze, welche oft das Licht des Gewissens durch die dunkle, ruchlose Seele senden. Er fühlte deutlich, daß es Gott sei, der zwischen ihm und seinem Opfer stand, und er lästerte ihn. Jener unterwürfige und stille Mensch, den weder Hohn, noch Drohungen, weder Streiche, noch Grausamkeiten stören konnten in der Ruhe des Gemüthes, erweckte eine Stimme in ihm, wie sie vor Alters sein Herr erweckte in der besessenen Seele, die da sagte: »Ach Jesu, Du Sohn Gottes, was haben wir mit Dir zu thun? Bist Du gekommen, uns zu quälen, ehe denn es Zeit ist?«
Toms ganzes Herz floß über von Mitleid und Theilnahme für die armen Elenden, von welchen er umringt war. Ihm schien es, als wenn sein Lebenskummer noch nicht vorüber sei, und als wenn er aus jenem seltsamen Schatze von Frieden und Freude, mit dem er von Oben begnadigt worden war, etwas zur Erleichterung ihres Elends ausgießen müsse. Die Gelegenheit war freilich selten; aber auf dem Wege in die Felder und wieder zurück, und während den Arbeitsstunden bot sich ihm die Gelegenheit dar, den Müden, Verzagten und Kleinmüthigen eine hülfreiche Hand zu reichen. Die armen, ausgemergelten entmenschten Geschöpfe konnten das anfangs kaum begreifen; als es aber wöchentlich und monatlich fortgesetzt wurde, begann es endlich, Saiten, die lange geschwiegen, in ihren erstarrten Herzen anzuschlagen. Allmählig und unmerkbar begann der seltsame, stille, geduldige Mensch, der immer bereit war, Jedermanns Bürde zu tragen, und von Niemanden Hülfe verlangte — der Allen den Platz räumte, und zuletzt kam und zuletzt nahm, jedoch der Erste war, das Wenige, was er hatte, mit Jedem zu theilen, der es bedurfte — der Mensch, welcher in kalten Nächten seine zerrissene Decke willig zur Bequemlichkeit einer Frau hergab, die an Frost oder Krankheit litt; welcher im Felde die Körbe der Schwächern füllte, in der furchtbaren Gefahr, in seinem eigenen Maße zu kurz zu kommen — und welcher, obgleich mit unablässiger Grausamkeit von ihrem gemeinschaftlichen Tyrannen verfolgt, nie mit einem Worte in die Schmähungen und Flüche einstimmte, welche man über jenen ausstieß — dieser Mensch begann zuletzt eine seltene Gewalt über seine Umgebung zu erlangen; und als die drängende Erntezeit vorüber war, und sie den Sonntag wieder zu ihrer eigenen Benutzung frei hatten, sammelten sich Manche um ihn, um von ihm über Jesus zu hören. Sie hätten sich gern irgendwo versammelt, um zu hören, zu beten und zu singen, aber Legree wollte das nicht erlauben und störte solche Versuche öfters mit Fluchen und rohen Verwünschungen, so daß die gesegneten Worte unter den Einzelnen von Munde zu Munde gehen mußten. Wer kann jedoch die einfache Freude schildern, womit einige dieser armen Verstoßenen, für die das Leben eine freudenleere Reise zu einer unbekannten, finstern Zukunft war, von einem mitleidigen Erlöser und einer himmlischen Heimath hörten? Missionäre versichern, daß keine Menschenrace der Erde das Evangelium mit so eifriger Gelehrigkeit empfangen hat, wie die afrikanische. Das Princip des zuversichtlichen Vertrauens und zweifellosen Glaubens, der seine Grundlage bildet, ist bei diesem Stamme mehr, als bei jedem andern natürlich vorhanden; und man hat oft unter ihnen gefunden, daß ein zerstreutes Samenkorn der Wahrheit, von einem Lüftchen des Zufalls in das unwissendste Herz gelegt, Frucht getragen hat, deren Reichthum das mit höherer Bildung begabte beschämt hat.
Die arme Mulattin, deren einfältiger Glaube fast zerdrückt und zerschmettert worden war durch die Lawine von Grausamkeit und Unrecht, welche sie überschüttet hatte, fühlte ihre Seele gehoben von den Gesängen und Stellen der heiligen Schrift, welche dieser demüthige Missionar von Zeit zu Zeit in ihr Ohr hauchte, wenn sie zur Arbeit gingen oder davon zurückkehrten; und selbst der halb zerrüttete und irregehende Geist Cassy's wurde besänftigt und beruhigt durch seinen schlichten und ungesuchten Einfluß.
Zu Wahnsinn und Verzweiflung von den zermalmenden Martern ihres Lebens getrieben, hatte Cassy oft in ihrer Seele eine Stunde der Vergeltung beschlossen, in der ihre Hand an ihrem Unterdrücker alle Ungerechtigkeit und Grausamkeit rächen sollte, zu deren Zeugin er sie gemacht oder welche sie in ihrer eigenen Person geduldet hatte.