Die tiefe Gluth von Tom's Gefühlen, seine sanfte Stimme, seine Thränen fielen wie Thau auf den wilden, unstäten Geist der unglücklichen Frau. Ein sanfter Ausdruck sammelte sich um das düstere Feuer ihres Auges; sie blickte nieder, und Tom konnte fühlen, wie die Muskeln ihrer Hand nachließen, als sie sagte:
»Habe ich Dir nicht gesagt, daß böse Geister mich verfolgten? O, Vater Tom, ich kann nicht beten. Ich wollte, ich könnte. Ich habe nie gebetet, seitdem meine Kinder verkauft wurden! Was Du sagst, muß wahr sein — ich weiß, es muß; aber wenn ich zu beten versuche, kann ich nur hassen und fluchen. Ich kann nicht beten!«
»Arme Seele!« sagte Tom mitleidig. »Satan möchte Euch gerne haben und wie Waizen sieben. Ich bete für Euch zum Herrn. O, Miß Cassy, wendet Euch zu dem lieben Herrn Jesus. Er ist gekommen, die zerstoßenen Herzens sind, zu heilen und die Trauernden zu trösten.«
Cassy stand still, während große, schwere Thränen aus ihren niedergeschlagenen Augen tropften.
»Misse Cassy,« sagte Tom mit zögernder Stimme, nachdem er sie einen Augenblick stillschweigend mit den Blicken gemessen, »wenn Ihr nur von hier fortkommen könntet, wenn es nur möglich wäre — ich möchte Euch und Emmeline rathen, es zu thun, das heißt, wenn ihr ohne Blutschuld gehen könntet, nicht anders.«
»Wolltest Du es mit uns versuchen, Vater Tom?«
»Nein,« sagte Tom; »es gab eine Zeit, wo ich gewollt hätte; aber der Herr hat mir ein Werk aufgetragen unter diesen armen Seelen, und ich will mit ihnen stehen und mein Kreuz mit ihnen tragen bis zum Ende. Es ist etwas Anderes mit Euch: für Euch ist es eine Falle — es ist mehr, als Ihr tragen könnt; und Ihr solltet lieber gehen, wenn Ihr könnet.«
»Ich kenne keinen Weg, als durch das Grab,« sagte Cassy. »Es giebt kein Thier, keinen Vogel, der nicht irgendwo eine Heimath finden könnte, selbst die Schlangen und die Alligators haben ihre Orte, wo sie sich in Ruhe niederlegen können; aber wir haben keinen Ort. Unten in den dunkelsten Sümpfen werden uns ihre Hunde aufjagen. Alles und Alles ist gegen uns, selbst die Thiere nehmen Partei gegen uns, — und wohin sollen wir uns wenden?«
Tom stand stille; endlich sagte er:
»Er, der Daniel in der Löwengrube errettete — der die Kinder im feurigen Ofen bewahrte — der auf der See wandelte und dem Winde Stille gebot — er lebt noch; und ich habe den Glauben an ihn, daß er Euch befreien kann. Versucht es, und ich will mit aller Kraft für Euch beten.«