Nach welchem Gesetz des Geistes geschieht es, daß eine Idee, die lange unbeachtet gewesen ist, und wie ein unnützer Stein mit Füßen getreten worden ist, plötzlich in neuem Lichte aufflammt, wie ein neu entdeckter Edelstein!

Cassy hatte oft stundenlang alle möglichen und wahrscheinlichen Fluchtpläne überlegt und alle als hoffnungslos und unausführbar bei Seite gelegt; aber in diesem Augenblick flog ein Plan durch ihre Seele, so einfach und leicht ausführbar in allen seinen Einzelnheiten, um augenblickliche neue Hoffnung zu erwecken.

»Vater Tom, ich will es versuchen!« sagte sie plötzlich.

»Amen!« sagte Tom. »Der Herr helfe Euch!«


Neununddreißigstes Kapitel.
Der Kunstgriff.

Der Gottlosen Weg ist dunkel, und sie wissen
nicht, wo sie fallen werden

Der Boden des Hauses, welches Legree bewohnte, war, wie die meisten anderen Böden, ein großer, öder Platz, staubig, mit Spinneweben behangen und mit verbrauchtem Gerölle überstreut. Die reiche Familie, welche das Haus in den Tagen seines Glanzes bewohnte, hatte viel glänzendes Hausgeräth hineingebracht, wovon sie einen Theil mit sich weggenommen hatte, während ein anderer verlassen in modernden, unbewohnten Zimmern stehen geblieben, oder an diesen Ort aufgehäuft worden war. Ein oder zwei sehr große Kisten, in denen dies Geräth gebracht worden war, standen an den Seiten des Bodens. Es befand sich dort ein kleines Fenster, welches durch seine schmutzigen, staubigen Scheiben ein dürftiges, ungewisses Licht auf die hohen Stühle und staubigen Tische fallen ließ, die einst bessere Tage gesehn hatten. Im Ganzen war es ein gespenstiger, unheimlicher Ort; aber so geisterhaft er war, fehlte es ihm doch nicht an Sagen unter den abergläubischen Negern, seine Schrecknisse zu erhöhen. Wenige Jahre vorher, war eine Negerin, welche Legrees Mißvergnügen erregt hatte, mehrere Wochen lang dort eingeschlossen worden. Wir sagen nicht, was dort geschah; die Neger pflegten es sich einander zuzuflüstern; aber es war bekannt, daß der Leichnam des unglücklichen Geschöpfes eines Tages von dort heruntergebracht und beerdigt wurde; und darauf hieß es, daß Verwünschungen und Flüche und der Schall heftiger Schläge, vermischt mit Klagen und Stöhnen der Verzweiflung durch die alte Bodenkammer zu schallen pflegten. Als einst Legree zufällig etwas der Art hörte, gerieth er in heftige Leidenschaft, und schwor, daß der Nächste, welcher Geschichten von dieser Bodenkammer erzähle, Gelegenheit haben solle, zu erfahren, was darin vorgänge, denn er wolle ihn eine Woche lang dort in Ketten legen. Dieser Wink reichte hin, um alles weitere Gespräch darüber zu unterdrücken, obgleich er natürlich den Glauben an die Wahrheit der Geschichte nicht verminderte.

Allmählig wurde die Treppe, welche zu der Oberstube führte, und selbst der Gang zu jener Treppe, von jedermann im Hause gemieden, da jeder davon zu sprechen fürchtete, und die Sage kam allmälig in Vergessenheit. Plötzlich war es Cassy eingefallen, von der abergläubischen Erregbarkeit, welche bei Legree so stark war, zum Zwecke ihrer Befreiung und der ihrer Mitdulder Gebrauch zu machen.

Cassy's Schlafzimmer war gerade unter dem Boden. Eines Tages begann sie plötzlich, ohne Legree dabei zu Rathe zu ziehen, mit bedeutendem Aufsehen alles Geräth und Zubehör ihres Zimmers nach einem andern in beträchtlicher Entfernung davon schaffen zu lassen. Die Unterbedienten, welche Auftrag erhalten hatten, diesen Umzug zu bewerkstelligen, rannten und lärmten umher mit großem Eifer und viel Verwirrung, als Legree gerade von einem Ritte zurückkam.