»Leute auf dem Boden?« sagte Legree mit Unbehagen, sich jedoch zum Lachen zwingend. »Wer ist es, Cassy?«
Cassy schlug ihre scharfen, schwarzen Augen auf und sah Legree mit einem Ausdrucke in's Gesicht, der ihm durch Mark und Bein ging, als sie sagte: »Wahrhaftig, Simon, wer es ist? Ich wollte gern, daß Ihr es mir sagtet. Ihr wißt 's vermuthlich nicht!«
Legree schlug fluchend mit der Reitpeitsche nach ihr, aber sie schlüpfte auf die Seite, eilte zur Thüre hinaus und sagte, indem sie zurückschaute: »Wenn Ihr in jenem Zimmer schlafen wollt, erfahrt Ihr Alles. Vielleicht versucht Ihr 's lieber selbst!« Und dann machte sie sogleich die Thür zu und verschloß dieselbe.
Legree tobte und fluchte, und drohte die Thür einzuschlagen, besann sich aber sichtlich eines Bessern und ging unruhig in sein Wohnzimmer. Cassy bemerkte, daß der Pfeil den rechten Fleck getroffen hatte, und von jener Stunde an hörte sie mit der ausgezeichnetsten Geschicklichkeit nie mehr auf, die Einwirkungen, welche sie begonnen, fortzusetzen.
In einem Astloche auf dem Boden hatte sie einen alten Flaschenhals so angebracht, daß wenn der geringste Wind war, jammervolle und traurige Klagetöne daraus hervorgingen, welche bei einem starken Winde zu völligen Schreien anwuchsen, so daß es leichtgläubigen und in Aberglauben befangenen Ohren leicht scheinen konnte, als wenn sie Schreckens- und Verzweiflungs-Laute hörten.
Jene Töne, welche die Dienerschaft von Zeit zu Zeit hörte, erweckten die Erinnerung an die alte Gespenstergeschichte in voller Kraft. Eine abergläubische Furcht schien das ganze Haus zu beschleichen, und obgleich sie Niemand gegen Legree äußern durfte, fand er sich doch davon wie von einem Dunstkreise umgeben.
Niemand ist so durchaus abergläubisch, als der Gottlose. Der Christ ist gesammelt im Glauben an einen weisen, Alles beherrschenden Vater, dessen Gegenwart die unbekannten Räume mit Licht und Ordnung erfüllt; aber einem Menschen, welcher Gott verläugnet, ist das Geisterland in der That, mit den Worten des hebräischen Dichters zu reden, »ein Land der Dunkelheit und der Schatten des Todes,« ohne jede Ordnung und ohne Licht. Leben und Tod sind für ihn gespenstige Gebiete, angefüllt mit Koboldgestalten und drohenden Schatten.
Bei Legree waren die schlummernden moralischen Elemente durch sein Zusammentreffen mit Tom geweckt worden — geweckt, nur um Widerstand an der entschlossenen Kraft des Bösen zu finden; aber dennoch lag eine Mahnung an die finstere, innere Welt in jedem Worte, jedem Gebete oder Liede, und rief abergläubische Furcht hervor.
Der Einfluß Cassy's auf ihn war eigenthümlicher Art. Sie war sein Eigenthum und er ihr Tyrann und Quäler. Sie war, wie sie wußte, ganz und ohne jede Möglichkeit von Hülfe oder Rettung in seinen Händen, und doch ist es so, daß selbst der roheste Mann nicht in beständigem Verkehr mit einem starken, weiblichen Einflusse leben kann, ohne in hohem Grade davon beherrscht zu werden. Als er sie kaufte, war sie, wie wir sie haben sagen hören, ein wohlerzogenes Frauenzimmer, und er zermalmte sie, ohne Gewissensbisse, unter seinen thierischen Füßen. Als aber die Zeit, erniedrigende Einflüsse und Verzweiflung das weibliche Gefühl in ihr abgestumpft, und die Gluthen wilder Leidenschaften in ihr erwacht waren, war sie seine Geliebte geworden und er quälte und fürchtete sie wechselsweise.
Dieser Einfluß war plagender und entschiedener geworden, seit theilweiser Wahnsinn allen ihren Worten und ihrer ganzen Sprache einen fremden, spukhaften und unstäten Anstrich gegeben hatte.