»Wohl, ich kann nicht sagen, daß ich Dir für diesen Versuch besonders dankbar wäre: allein, da es einmal eine Pflicht zu sein scheint, so will ich darin fortfahren, und thun, was ich kann,« sagte Miß Ophelia, und hielt ihr Wort, denn sie fuhr fort, mir einem Grade von Eifer und Energie an der Bildung ihres Zöglings zu arbeiten, der Achtung verdiente. Sie bestimmte regelmäßige Stunden und Beschäftigungen für das Kind, und versuchte es, sie lesen und nähen zu lehren.
In der erstern Kunst machte Topsy schnelle Fortschritte. Sie lernte die Buchstaben wie durch Zauberei, und war sehr bald im Stande, einfache Schrift zu lesen; aber das Nähen war eine schwierigere Aufgabe. Das Wesen war geschmeidig wie eine Katze, und behende wie ein Affe; und da ihr das Stillsitzen beim Nähen zuwider war, so zerbrach sie ihre Nadeln, und warf sie verstohlen zum Fenster hinaus, oder in Spalten der Wände; sie verwickelte, zerriß und beschmutzte ihren Zwirn, oder warf ein ganzes Knäul verstohlen in einen versteckten Winkel. Ihre Bewegungen waren beinahe so schnell, wie die eines geübten Taschenspielers, und die Herrschaft über ihre Gesichtszüge war eben so groß; und obgleich Miß Ophelia sich nicht denken konnte, daß so viele Zufälle sich nach einander ereignen könnten, so war sie ja dennoch außer Stande, sie ohne eine besondre Wachsamkeit zu ertappen, die ihr keine Zeit zu andern Geschäften übrig gelassen haben würde.
Topsy war sehr bald im ganzen Hause bekannt. Ihr Talent für jede Art von Possen, Grimassen und Nachäffung, — für tanzen, klettern, singen, pfeifen und Nachahmung jedes Tones, der ihr gefiel, schien unerschöpflich. Während ihrer Spielstunden hatte sie regelmäßig sämmtliche Kinder des ganzen Hauses hinter sich, die sie offenen Mundes vor Staunen und Verwunderung anstarrten, — selbst Eva nicht ausgenommen, welche sich von ihren wilden Teufeleien in derselben Weise angezogen fühlte, wie eine Taube zuweilen an dem Glanz und Schimmer einer Schlange Gefallen findet. Miß Ophelia wurde darüber unruhig, daß Eva so vielen Gefallen an Topsy's Gesellschaft fand, und bat St. Clare, es zu verbieten.
»Pah, laß das Kind gehen,« sagte St. Clare, »Topsy wird ihr keinen Schaden thun.«
»Aber ein so verderbtes Kind, — mußt Du denn nicht fürchten, daß sie ihr eine Unart lehre?«
»Sie kann ihr keine Unart lehren; andern Kindern wohl, aber von Eva's Gemüthe rollt das Böse ab wie Thau von einem Kohlblatte, nicht ein Tropfen fällt hinein.«
»Sei dessen nicht zu gewiß,« sagte Ophelia. »Ich würde mein eignes Kind nie mit Topsy spielen lassen.«
»Wohl, Deine Kinder haben's nicht nöthig,« sagte St. Clare, »aber meine mögen es thun. Wenn Eva hätte verdorben werden können, so hätte es schon vor Jahren geschehen müssen.«
Topsy wurde anfangs von den oberen Dienstboten verachtet; allein sie fanden bald Grund genug, ihre Meinung zu ändern. Es zeigte sich, daß, wer sie irgendwie beschimpft hatte, mit Sicherheit darauf rechnen konnte, bald darauf irgend einem unangenehmen Zufalle zu begegnen. Entweder wurden plötzlich ein Paar Ohrringe, oder andrer Lieblingsschmuck vermißt, oder ein Kleidungsstück wurde vollständig ruinirt gefunden, oder die betreffende Person mußte über einen Eimer heißen Wassers stolpern, oder es kam plötzlich, unerwartet und unerklärlich, eine Fluth Spülicht von oben auf sie herab, wenn sie sich grade in vollem Staate befand; — und in allen diesen Fällen fand sich, wenn eine Untersuchung veranlaßt wurde, Niemand, der zu dem Schimpfe Gevatter stehen wollte. Topsy wurde citirt und mußte wiederholt vor allen den häuslichen Richtern erscheinen, aber bestand alle Verhöre mit der erbaulichsten Unschuld. Niemand in der Welt war zweifelhaft über die Thäterschaft; aber auch nicht der entfernteste Beweis ließ sich zur Rechtfertigung des Verdachtes führen, und Miß Ophelia hatte zu viel Gerechtigkeitsgefühl, um ohne einen solchen weiter in der Sache gehen zu wollen. Mit einem Worte, Topsy machte dem ganzen Haushalte begreiflich, daß es am Rathsamsten sei, sie in Ruhe zu lassen, und man ließ sie in Ruhe.
Topsy war in allen Handverrichtungen gewandt, und lernte mit überraschender Schnelligkeit Alles, was ihr gezeigt wurde. In wenigen Unterrichtsstunden hatte sie gelernt, alle Geschäfte für Miß Opheliens Zimmer in einer solchen Weise zu verrichten, daß selbst diese eigne Dame keine Fehler daran finden konnte. Menschliche Hände konnten kein Bettuch glätter, kein Kissen richtiger legen, als Topsy, wenn sie es wollte, — aber sie wollte es sehr oft nicht. Wenn in Miß Ophelien, nach drei oder vier Stunden sorgsamer und geduldiger Ueberwachung, die sanguinische Hoffnung aufstieg, daß Topsy endlich auf den rechten Weg gekommen sei, und sie von ihrer Beaufsichtigung abgehen könne, um sich andern Geschäften zu widmen, so pflegte Topsy einige Stunden lang einen wahren Carneval von Confusion zu halten. Eines Tages fand sie Miß Ophelia mit ihrem besten indianischen Florshawl als Turban um den Kopf gebunden, deklamatorische Vorstellungen vor dem Spiegel geben.