»Das ist recht,« sagt der Vater, »verlaß Dich immer auf Dich selbst, mein Sohn. Du hast mehr Aussicht, als Dein armer Vater jemals hatte.«
In diesem Augenblick wird ein Klopfen an der Thür gehört, und Elisa geht und öffnet sie. Das freudige: »Wie! — Sie sind es?« ruft den Mann herbei, und der gute Pastor von Amherstberg wird bewillkommt. Zwei andere Frauenzimmer begleiten ihn, welche Elisa zum Sitzen einladet.
Wenn wir die Wahrheit sagen sollen, so hatte der gute Pastor ein kleines Programm entworfen, nach welchem sich diese Angelegenheit entwickeln sollte; und auf dem Wege dahin hatten Alle sich gegenseitig ermahnt, vorsichtig zu sein und nichts vor der Zeit zu verrathen, sondern der getroffenen Verabredung getreu zu bleiben. Wie groß war daher des guten Mannes Bestürzung, als gerade in dem Augenblicke, wo er sein Taschentuch hervorzog, um seinen Mund abzuwischen, und seine Einleitungsrede in guter Ordnung beginnen wollte, Madame de Thoux den ganzen Plan vereitelte, indem sie ihre Arme um Georg's Hals schlang und Alles durch die Worte verrieth: »O Georg! kennst Du mich nicht? Ich bin Deine Schwester Emilie!«
Cassy hatte sich mit mehr Fassung niedergesetzt, und würde ihre Rolle wahrscheinlich sehr gut durchgeführt haben, wenn nicht plötzlich die kleine Elisa grade in derselben Gestalt, mit denselben Zügen und Locken vor ihr erschienen wäre, wie sie ihre Tochter hatte, als sie sie zum letzten Male sah. Das kleine Wesen schaute ihr in's Gesicht, und Cassy fing sie in ihren Armen, drückte sie an ihren Busen und rief, was sie in diesem Augenblicke wirklich glaubte: »Mein Liebling, ich bin Deine Mutter!«
Es war in der That eine schwierige Aufgabe, gehörige Ordnung wieder herzustellen; allein endlich gelang es dem guten Pastor doch, Alle zur Ruhe zu bringen, und seine Rede zu halten, mit der er die Sache hatte eröffnen wollen, welche eine solche Wirkung äußerte, daß seine sämmtliche Zuhörerschaft in ein Schluchzen ausbrach, das jeden Redner, älterer oder neuerer Zeit, befriedigt haben würde. Sie knieten zusammen nieder, und der gute Mann betete, — denn es gibt Gefühle so gewaltiger Art, daß sie nur dann Ruhe finden können, wenn sie in den Busen der allmächtigen Liebe ausgegossen werden; — und sodann erhoben sich die Mitglieder der neugefundenen Familie, und umarmten einander mit heiligem Vertrauen zu ihm, der sie aus solchen Gefahren, und auf so dunklen Wegen hier zusammengeführt hatte.
Das Tagebuch eines Missionärs unter den canadischen Flüchtlingen enthält wahre Thatsachen, die wunderbarer sind als Erfindungen irgend einer Art. Wie kann es anders sein, wo ein System besteht, welches die Familien zerreißt und ihre Mitglieder zerstreut, wie der Wind die Blätter des Herbstes zerstreut? Diese Küsten vereinigen oft, wie die der Ewigkeit, Herzen, die schon lange Jahre um einander als verloren getrauert hatten; und unbeschreiblich rührend ist der Eifer, mit dem jeder neue Ankömmling von ihnen empfangen wird, um zu hören, ob er vielleicht Nachrichten von Mutter, Schwester, Kind oder Weib bringe, die noch in der Nacht der Sklaverei schmachten. Größere Heldenthaten werden hier vollbracht, als im Romane geschildert werden können, wenn der Flüchtling, den Martern und selbst dem Tode trotzend, freiwillig zu den Schrecken und Gefahren jenes dunklen Landes zurückkehrt, um seine Mutter, seine Schwester oder seine Frau zu erretten.
Ein junger Mann, von dem uns ein Missionär erzählte, war zweimal wieder gefangen worden, und hatte die schrecklichsten Mißhandlungen erduldet, als er zum dritten Male entfloh; und zeigte seinen Freunden in einem Briefe an, der uns vorgelesen worden ist, daß er zum dritten Male zurückkehre, um endlich seine Schwester zu befreien. Ist dieser Mensch ein Held oder ein Verbrecher? Wer würde nicht dasselbe für seine Schwester thun? Wer kann ihn tadeln?
Aber wir müssen zu unsern Freunden zurückzukehren, die wir verließen, als sie ihre Augen trockneten, und sich von einer zu großen und zu plötzlichen Freude erholten. Jetzt sitzen sie um den gastlichen Tisch, und beginnen ganz ernstlich gesellig zu werden; nur daß Cassy, welche die kleine Elisa auf ihrem Schooße hält, das kleine Wesen zuweilen auf eine Weise drückt, welche dasselbe in Erstaunen setzt, und sich hartnäckig weigert, sich den Mund in einem solchen Maaße mit Kuchen stopfen zu lassen, wie die Kleine es wünscht, — indem sie sagt, worüber sich das Kind in hohem Grade wundert, daß sie etwas Besseres als Kuchen habe und dessen nicht bedürfe.
Und in der That ist mit Cassy in Zeit von zwei bis drei Tagen eine solche Veränderung vorgegangen, daß unsere Leser sie kaum kennen würden. Der verzweifelnde, wilde Ausdruck des Gesichts ist dem eines sanften Vertrauens gewichen. Sie scheint auf einmal in den Busen der Familie zu sinken, und die Kleinen in ihr Herz zu schließen, wie Etwas, worauf sie lange gewartet hat. Wirklich schien ihre Liebe sich mehr der kleinen Elisa, als ihrer Tochter zuzuwenden; denn sie war das getreue Abbild des Kindes, welches sie verloren hatte. Das kleine Wesen war ein Blumenband zwischen Mutter und Tochter, durch welches Bekanntschaft und Zuneigung wieder aufwuchsen. Elisa's beständige, durch fortwährendes Lesen der heiligen Schrift geregelte Frömmigkeit machte sie zu einer geeigneten Führerin für das zerrissene Gemüth ihrer Mutter. Cassy war schnell und von ganzem Herzen für jeden guten Einfluß empfänglich, und wurde eine aufrichtige und andächtige Christin.