Nach einigen Tagen machte Madame de Thoux ihrem Bruder genauere Mittheilungen über ihre Verhältnisse. Der Tod ihres Mannes hatte sie in den Besitz eines bedeutenden Vermögens gesetzt, welches sie großmüthig mit der Familie zu theilen sich erbot. Als sie Georg fragte, auf welchem Wege sie es am Besten für ihn verwenden könne, antwortete er ihr: »Verleihe mir Bildung, Emilie; danach hat immer mein Herz verlangt. Dann kann ich alles Uebrige thun.«
Nach reiflicher Ueberlegung wurde beschlossen, daß die ganze Familie auf einige Jahre nach Frankreich gehen solle, wohin sie alsbald abreiste und Emmeline mitnahm. Das hübsche Aeußere der Letzteren erweckte die Liebe des ersten Steuermanns auf dem Schiffe, und Emmeline wurde bald nach dem Einlaufen in den Hafen sein Weib.
Georg blieb vier Jahre auf einer französischen Universität, und erlangte durch unermüdlichen Fleiß eine gründliche Bildung. Die politischen Unruhen Frankreichs bewogen endlich die Familie, von Neuem eine Zuflucht in diesem Lande zu suchen. Georg's Empfindungen und Ansichten als eines gebildeten Mannes lassen sich am Besten aus einem an seine Freunde gerichteten Briefe entnehmen:
»Ich bin noch nicht ganz einig mit mir über mein zukünftiges Verhalten. Zwar könnte ich mich, wie Sie mir sagten, in die Kreise der Weißen in diesem Lande mischen, da meine eigene Farbe so hell und die meiner Frau und Familie kaum bemerkbar ist. Kann sein, ich würde vielleicht dort geduldet werden. Aber um die Wahrheit zu sagen, ich mag es nicht thun.«
»Meine Sympathien gehören nicht dem Geschlechte meines Vaters, sondern dem meiner Mutter. Ihm galt ich nicht mehr als ein schöner Hund oder ein schönes Pferd; aber meiner armen Mutter mit ihrem gebrochenen Herzen war ich ein Kind; und obgleich ich sie nach jenem grausamen Verkaufe, der uns trennte, nie wieder sah, bis sie starb, so weiß ich doch, daß sie mich innig liebte. Ich weiß es durch mein eignes Herz. Wenn ich an alles das denke, was sie litt, an meine eignen frühen Leiden, an die Schmerzen und Kämpfe eines heldenmüthigen Weibes, an meine Schwester, die in New-Orleans auf dem Sklavenmarkte verkauft wurde, — so darf ich, ohne unchristliche Empfindungen zu haben, sagen, daß ich nicht für einen Amerikaner gelten, oder mich mit ihm identificiren möchte.«
»Das unterdrückte, in Ketten geschlagene afrikanische Geschlecht ist es, zu dem ich mich hingezogen fühle; und wenn ich etwas wünschen sollte, so wäre es eher, daß ich um zwei Schattirungen dunkler, als um eine heller wäre.«
»Der Wunsch und das Sehnen meines Herzens richtet sich auf eine afrikanische Nationalität. Ich verlange nach einem Volke, welches eine erkennbare, besondre Existenz für sich selbst hat; und wo soll ich das finden? Nicht in Hayti, denn dort hatten sie keine Grundlage für den Anfang. Ein Strom kann sich nicht über seine Quelle erheben. Das Geschlecht, welches den Charakter der Haytier bildete, war ein entkräftetes, verweichlichtes, und wird deßhalb natürlich Jahrhunderte gebrauchen, um sich nur zu Etwas zu erheben.«
»Wo soll ich also suchen? An den Küsten Afrika's sehe ich eine Republik, — die von auserlesenen Männern gebildet ist, welche sich durch Energie und selbstbildende Kraft in vielen Fällen individuell über den Zustand der Sklaverei erhoben haben. Nachdem diese Republik durch ein vorbereitendes Stadium von Schwäche gegangen ist, ist sie endlich eine anerkannte Nation der Erde geworden, — anerkannt von Frankreich und England. Dahin wünsche ich zu gehen, um ein Volk für mich zu finden.«
»Ich weiß wohl, daß ich Sie jetzt alle gegen mich haben werde; aber ehe Sie mich verdammen, hören Sie mich! Während meines Aufenthaltes in Frankreich habe ich mit großem Interesse die Geschichte meines Volkes in Amerika studirt. Ich habe den Kampf zwischen dem Abolitions- und Colonisationssysteme beobachtet, und als entfernter Zuschauer einige Wahrnehmungen gemacht, die ich als Theilnehmer nicht würde haben machen können. Ich gebe zu, daß dieses Liberia allen Zwecken gedient haben mag, indem es in den Händen unserer Unterdrücker gegen uns gebraucht wurde. Ohne Zweifel ist der Plan auf unverantwortliche Weise zur Verzögerung unserer Emancipation gebraucht worden; aber meine Frage ist: Giebt es nicht einen Gott, der über allen Plänen erhaben ist! Kann er nicht ihre Absichten beherrscht, und durch sie eine Nation für uns gegründet haben?«
»In der jetzigen Zeit wird eine Nation in einem Tage geboren. Eine Nation erhebt sich jetzt mit allen den großen Problemen der Civilisation und republikanischen Lebens fertig zur Hand. Sie hat nicht mehr zu entdecken, sondern nur anzuwenden. Laßt uns also alle mit aller Kraft zusammenhalten, und sagen, was wir in diesem neuen Unternehmen vermögen, und der ganze Continent Afrika's wird sich uns und unsern Kindern öffnen. Unsere Nation wird die Fluth der Civilisation und des Christenthums über seine Küsten ergießen, und mächtige Republiken gründen, die, mit der Schnelligkeit tropischer Vegetation aufwachsend, für alle kommenden Jahrhunderte bestehen werden.«
»Sagen Sie, daß ich meine in der Sklaverei schmachtenden Brüder vergesse? Ich glaube nicht. Wenn ich sie eine Stunde, einen Augenblick meines Lebens vergesse, so möge Gott mich vergessen! Aber was kann ich hier für sie thun? Kann ich ihre Ketten zerbrechen? Nein, nicht als Individuum; aber lassen Sie mich gehen und ein Theil einer Nation werden, welche eine Stimme in dem Rathe der Völker erlangen wird, und dann können wir reden. Eine Nation hat das Recht, die Sache ihres Stammes zu besprechen, zu vertreten, — was ein Individuum nicht kann.«
»Wenn Europa jemals eine große Versammlung freier Nationen wird, — wie ich zu Gott hoffe, — wenn darin Knechtschaft und alle ungerechten, drückenden, socialen Ungleichheiten aufgehoben worden sind; und wenn sie, wie England und Frankreich bereits gethan haben, unsere Stellung anerkennen, — dann wollen wir in dem großen Congreß der Nationen unsere Stimme hören lassen, und die Sache unseres geknechteten, leidenden Stammes zur Sprache bringen; und es ist unmöglich, daß das freie, aufgeklärte Amerika dann nicht den schwarzen Fleck von seinem Wappenschilde vertilgen sollte, der es schändet, und ein eben so großer Fluch für das Land selbst wie für seine Sklaven ist.«
»Aber Sie werden mir sagen, daß unser Stamm dasselbe Recht habe, in der amerikanischen Republik zu leben, wie der Irländer, der Deutsche, der Schwede, und ich gestehe das zu. Wir sollten die Freiheit haben, dort zu leben, uns durch unsern individuellen Werth, ohne Rücksicht auf Kaste oder Farbe, zu heben; und Diejenigen, welche uns dieses Recht versagen, sind ihren eigenen Grundsätzen von menschlicher Gleichheit ungetreu. Wir sollten insbesondre hier zugelassen werden; denn wir haben ein größeres Recht als das der gewöhnlichen Menschen ist: wir haben die Ansprüche eines verletzten Stammes auf Entschädigung. Allein, ich mache keine Ansprüche darauf; ich will ein eignes Land, eine eigene Nation haben. Ich glaube, daß der afrikanische Stamm besondere Eigenschaften hat, die noch unter dem Lichte der Civilisation und des Christenthums entwickelt werden müssen, und die, wenn es nicht dieselben sind, welche der angelsächsische Stamm besitzt, in moralischer Beziehung vielleicht nur noch höher stehen.«
»Dem angelsächsischen Stamme sind die Geschicke der Welt während der Periode ihres Ringens und Kämpfens anvertraut gewesen, und zu dieser Mission waren seine strengen, unbeugsamen, energischen Elemente wohl geeignet; aber als ein Christ sehe ich einer andern Aera entgegen. Ich hoffe, daß wir an ihren Gränzen stehen, und daß die Schmerzen, von denen die Nationen jetzt zerrissen werden, nur die Geburtswehen einer Stunde sind, welche uns allgemeinen Frieden und allgemeine Brüderschaft bringen wird.«
»Ich hoffe, daß die Entwickelung Afrika's vorzugsweise eine christliche sein wird. Wenn der eingeborene Stamm kein herrschender und gebietender ist, so ist er wenigstens ein gefühlvoller, großherziger und vergebender. Da er in den Glühofen der Ungerechtigkeit und Unterdrückung gesunken ist, so muß er jene erhabene Lehre der Liebe und Vergebung um so fester in sein Herz schließen, als er durch sie allein siegen kann, und ihre Verbreitung über den Continent Afrika's die ihm aufgetragene Mission ist.«
»Ich selbst bin, wie ich gestehen muß, schwach in diesem Punkte, denn die eine Hälfte meines Blutes ist das heiße, hitzige, sächsische; aber ich habe in der Person meines schönen Weibes einen beredten Prediger des Evangeliums an meiner Seite. Wenn ich mich verirre, führt mich ihr sanfterer Geist stets zurück, und hält meinen Augen den christlichen Beruf unseres Geschlechtes vor. Ich gehe als ein christlicher Patriot, als ein Lehrer des Christenthums nach meinem Vaterlande — meinem erwählten, glorreichen Afrika! auf das ich in meinem Herzen oft jene herrlichen Worte der Prophezeiung anwende: — »Sintemalen Du verlassen und verhaßt gewesen, so daß Niemand von Dir wissen wollen, will ich Dich zu ewigem Ruhme erheben, und zur Freude vieler Geschlechter!««
»Sie werden mich einen Enthusiasten nennen, und werden mir sagen, daß ich das nicht reiflich überlegt habe, was ich zu unternehmen im Begriffe stehe; aber ich habe überlegt und die Kosten berechnet. Ich gehe nach Liberia, nicht wie nach einem romantischen Elysium, sondern wie nach einem Felde der Arbeit. Ich rechne darauf, mit beiden Händen dort zu arbeiten, — schwer zu arbeiten; gegen alle Arten Schwierigkeiten und Entmuthigungen zu arbeiten, — und zu arbeiten, bis ich sterbe. Das ist der Zweck meines Gehens, und ich bin überzeugt, daß ich darin nicht werde getäuscht werden.«
»Was Sie auch immer von meinem Entschlusse denken mögen, entziehen Sie mir deßhalb Ihr Vertrauen nicht, und sein Sie überzeugt, daß ich bei Allem, was ich thue, mit einem Herzen handle, welches ganz meinem Volke angehört.«
»Georg Harris.«
Einige Wochen später schiffte sich Georg mit seinem Weibe, seinen Kindern, seiner Schwester und Mutter nach Afrika ein. Wenn wir uns nicht täuschen, wird die Welt dort noch von ihm hören.
Von unsern übrigen Personen haben wir nichts Besonderes mehr zu erwähnen, ausgenommen ein Wort in Beziehung auf Miß Ophelia und Topsy, und ein Schlußkapitel, welches wir Georg Shelby widmen wollen.
Miß Ophelia nahm Topsy mit sich nach Vermont, und zwar zum großen Erstaunen derjenigen ernsten und bedächtigen Personen, welche ein Neu-Engländer unter dem Ausdrucke: »Unsere Leute« versteht. »Unsere Leute« waren anfangs der Meinung, daß Topsy eine seltsame und unnöthige Vergrößerung ihres wohlgeregelten Haushaltes sei; allein so erfolgreich war Miß Ophelien's gewissenhaftes Streben, ihre Pflicht gegen ihren Zögling zu thun, daß das Kind schnell bei der Familie und der Nachbarschaft in Gunst und Gnade zunahm. Als sie das Alter der Jungfräulichkeit erreicht hatte, wurde sie auf ihren eigenen Wunsch getauft, wurde ein Mitglied der christlichen Gemeinde des Ortes, und verrieth so viel Verstand, Thätigkeit, Eifer und Verlangen, Gutes in der Welt zu wirken, daß sie endlich als Missionärin zu einer der Stationen in Afrika empfohlen und bestätigt wurde; und wir haben gehört, daß dieselbe Thätigkeit und Empfindungsgabe, welche sie in ihrer Kindheit so unstät in ihrer Entwickelung machte, jetzt zu einem heilsameren Zwecke, dem Unterrichte der Kinder ihres eigenen Vaterlandes, verwendet wird.
P. S. Es wird für manche Mutter eine Genugthuung sein, wenn wir erwähnen, daß die von der Madame de Thoux veranlaßten Nachforschungen den Erfolg gehabt haben, Cassy's Sohn aufzufinden. Als ein junger, energischer Mann war es ihm schon mehrere Jahre vor seiner Mutter geglückt, zu entfliehen, und hatte bei Freunden der Unterdrückten im Norden Aufnahme gefunden und seine Erziehung erhalten. Er wird nächstens seiner Familie nach Afrika nachfolgen.