»Gut, weshalb willst Du mich also verlassen?«

»Master kann sterben, und wem falle ich dann zu? — Ich möchte lieber frei sein.«

Nach einiger Ueberlegung entgegnete der junge Mann: »Nathan, ich glaube, ich würde an Deiner Stelle eben so denken. Du bist frei.«

Sofort fertigte er seine Entlassungsscheine aus, legte eine Summe Geldes in die Hand des Quäckers, um ihm auf zweckmäßige Weise damit fortzuhelfen, und ließ einen herzlichen und gefühlvollen Brief an den jungen Mann zurück, in welchem er ihm gute Rathschläge für seinen neuen Lebensweg ertheilte. Dieser Brief ist längere Zeit in den Händen der Verfasserin gewesen.

Die Verfasserin hofft, daß sie der Menschenfreundlichkeit und dem Edelmuthe volle Gerechtigkeit hat wiederfahren lassen, durch welche sich oft einzelne Bewohner des Südens auszeichnen. Solche Beispiele bewahren uns davor, an unserem Geschlechte ganz zu verzweifeln; aber wir fragen Jeden, der die Welt kennt, ob solche Charaktere gewöhnlich sind?

Viele Jahre lang hat die Verfasserin durchaus vermieden, etwas über den Gegenstand der Sklaverei zu lesen, oder seiner irgendwie Erwähnung zu thun, weil es zu peinlich für sie war, Ermittelungen darüber anzustellen, und sie der Ueberzeugung lebte, daß das sich immer mehr ausbreitende Licht der Civilisation das ganze Institut bald verdrängen werde; allein seit sie durch die Akte von 1850 zu ihrem größten Erstaunen gehört hat, daß Menschen und Christen die Zurücklieferung der Entflohenen in die Sklaverei als die Pflicht eines jeden guten Bürgers empfehlen, — seit sie überall in den nördlichen Freistaaten menschenfreundliche, mitleidige und achtungswerthe Leute Versammlungen und Berathschlagungen darüber hat halten sehen, was die Christenpflicht in diesem Falle gebiete, — konnte sie nur glauben, daß diese Menschen und Christen keine klare Vorstellung von dem haben, was Sklaverei wirklich ist; denn wenn sie sie besäßen, so hätte bei ihnen eine solche Frage nie zur Berathung kommen können. Hieraus entstand der Wunsch, sie zum Gegenstande einer lebendigen dramatischen Darstellung zu machen. Die Verfasserin ist bemüht gewesen, sie in ihrem besten und schlechtesten Lichte zu zeigen. In ersterer Beziehung ist es ihr vielleicht gelungen: aber o! wer kann sagen, was in dem jenseitigen Thale und unter seinen Todesschatten noch unerwähnt geblieben ist?

An Euch, Ihr edelherzigen, edelmüthigen Männer und Frauen des Südens, — an Euch, deren Tugend, Hochherzigkeit und Reinheit des Charakters um so größer sind, als Ihr gegen eine schwere Versuchung zu kämpfen habt, — an Euch ergeht mein Ruf. Habt Ihr nicht in der Tiefe Eurer eignen Herzen empfunden, in Eurem eignen Privatverkehr wahrgenommen, daß in diesem fluchwürdigen Systeme viel größere Uebel und Leiden liegen, als hier hat schwach geschildert werden können? Kann es anders sein? Ist der Mensch ein Geschöpf, dem eine völlig unverantwortliche Gewalt anvertraut werden darf? und macht das System der Sklaverei nicht dadurch, daß es dem Sklaven die Fähigkeit Zeugniß abzulegen, versagt, jeden einzelnen Besitzer von Sklaven zu einem Despoten ohne jede Verantwortlichkeit? Kann irgend Jemand sich darüber täuschen, welche praktische Folgen nothwendig daraus hervorgehen müssen? Wenn, was wir gern zugestehen, unter Euch, Männern von Ehre, Menschlichkeit und Gerechtigkeit, ein übereinstimmendes Gefühl herrscht, so frage ich Euch, herrscht nicht ein solches andrer Art auch unter den schändlichen, rohen und entarteten Menschen? Und kann nicht nach Eurem Sklaven-Gesetze der rohe, entartete Mensch grade eben so viele Sklaven besitzen, wie der Beste unter Euch? Bilden die ehrenwerthen, gerechten, mitleidigen und edelmüthigen Menschen irgendwo in dieser Welt die Majorität?

Der Sklavenhandel wird jetzt nach amerikanischen Gesetzen als eine Art Räuberei betrachtet; allein ein so systematischer Sklavenhandel, wie er nur jemals an der Küste Afrika's betrieben wurde, ist eine nothwendige Folge der in Amerika bestehenden Sklaverei. Und können ihre Gräuel und ihr herzzerreißendes Elend geschildert werden?

Die Verfasserin hat nur ein schwaches Bild von der Angst und Verzweiflung gegeben, die in diesem Augenblicke tausend Herzen zerreißen, tausend Familien zerstören, und jene hülflose und gefühlvolle Menschenklasse zu Wahnsinn und Verzweiflung treiben. Es gibt Viele, denen aus eigner Wahrnehmung bekannt ist, daß durch diesen fluchwürdigen Handel Mütter dazu getrieben worden sind, ihre eigenen Kinder zu ermorden, und für sich selbst im Tode einen Schutz gegen Leiden zu suchen, die für sie schrecklicher waren als der Tod. Es läßt sich nichts so Tragisches schreiben, sagen oder vorstellen, was der furchtbaren Wirklichkeit jener Scenen gleich käme, die sich täglich unter dem Schutze des amerikanischen Gesetzes und dem Schatten des Kreuzes Christi an unsern Küsten zutragen.

Und nun, Ihr Männer und Frauen Amerika's, ist dies ein Gegenstand, der leicht genommen, entschuldigt oder mit Schweigen übergangen werden könnte? Ihr Farmer vom Massachusetts, New-Hampshire, Vermont und Connecticut, die Ihr dieses Buch beim Scheine Eures winterlichen Feuers leset, — Ihr muthigen, edelherzigen Seeleute vom Maine, — ist dies eine Sache, die Ihr unterstützen und befördern wollt? Ihr braven, edlen Männer von New-York, Ihr Farmer des reichen und fröhlichen Ohio, und Ihr in den weiten Prairie-Staaten, — antwortet mir, ist dies eine Sache, die Ihr vertheidigen wollt? Und Ihr, Mütter Amerika's, — Ihr, die Ihr an den Wiegen Eurer eignen Kinder gelernt habt das ganze Menschengeschlecht zu lieben, — bei der heiligen Liebe zu Euren eignen Kindern, bei der Freude, die Ihr über ihre reine, schöne Kindheit empfindet, bei der mütterlichen Liebe und Zärtlichkeit, mit der Ihr ihre reifenden Jahre bewacht, bei der Sorge für ihre Erziehung, bei den Gebeten, die Ihr für ihr unsterbliches Seelenheil zum Himmel sendet, — beschwöre ich Euch, habt Mitleid für die Mutter, die alle Eure warmen Empfindungen, und kein gesetzliches Recht hat, das Kind ihres Herzens zu beschützen, zu leiten und zu erziehen! Bei der Sterbestunde Eures Kindes, bei jenen brechenden Augen, die Ihr nie vergessen könnt, bei den letzten Schreien, die Euer Herz zerrissen haben, wenn Ihr weder helfen noch retten konntet, bei jener vereinsamten Wiege, bei jener verödeten Kinderstube, — beschwöre ich Euch, habt Mitleid mit jenen Müttern, die fortwährend kinderlos werden durch den amerikanischen Sklavenhandel! Und sagt mir, Ihr Mütter Amerika's, ist dies ein Gegenstand, der vertheidigt oder mit Stillschweigen übergangen werden kann?