Fünfundvierzigstes Kapitel.
Schlußbemerkungen.

Die Verfasserin hat oft von verschiedenen Seiten Anfragen darüber erhalten, ob diese Erzählung wahre Thatsachen enthalte, und sie will deshalb hierauf die nachfolgende allgemeine Antwort geben.

Die einzelnen Ereignisse, welche darin zusammengestellt worden, sind bis zu einem hohen Grade authentisch, und haben sich entweder unter den eignen Augen der Verfasserin, oder denen ihrer Freunde zugetragen. Sie selbst oder ihre Freunde haben Gegenstücke zu fast allen Charakteren, die hier geschildert worden sind, beobachtet, und viele der eingeflochtenen Reden sind Wort für Wort wiedergegeben, wie sie von der Verfasserin gehört oder ihr mitgetheilt worden sind.

Die persönliche Erscheinung Elisa's und der ihr beigelegte Charakter sind nach dem Leben gezeichnet. Die unbestechbare Treue, Rechtlichkeit und Frömmigkeit Tom's hat die Verfasserin in mehr als einem persönlichen Beispiele selbst beobachtet. Ebenso haben mehrere der tragischsten und schrecklichsten Ereignisse ihre Originalien in der Wirklichkeit. Die Handlung der Mutter, welche über das Eis des Ohioflusses geht, ist eine wohlbekannte Thatsache. Die Geschichte der »alten Prue« ereignete sich unter der persönlichen Wahrnehmung eines Bruders der Verfasserin, welcher Kassirer eines großen Handlungshauses in New Orleans war. Aus derselben Quelle ist der Charakter des Pflanzers Legree entnommen worden. Ueber ihn äußerte sich derselbe, indem er einen auf seiner Pflanzung bei Gelegenheit einer Geschäftsreise abgestatteten Besuch schildert, folgendermaßen: »Er ließ mich in der That seine Faust befühlen, welche dem Hammer eines Grobschmieds glich, und sagte mir dabei, daß sie vom Niederschlagen der Neger so hart geworden sei.«

Daß ebenso Tom's tragisches Schicksal mehr als ein Beispiel in der Wirklichkeit hat, dafür gibt es im ganzen Lande zahlreiche lebendige Zeugen. Man erinnere sich daran, daß es in allen südlichen Staaten ein gesetzliches Princip ist, keine Person von farbiger Abkunft als Zeugen gegen einen Weißen zuzulassen; und man wird deshalb leicht sehen, daß ein solcher Fall sich überall ereignen kann, wo die Leidenschaften eines Menschen die Rücksichten auf seinen Vortheil überwiegen, und ein Sklave Männlichkeit und Festigkeit genug besitzt, seinem Willen zu widerstehen. Es gibt in der That für einen Sklaven keinen andern Schutz, als den Charakter seines Herrn.

Thatsachen, die zu schrecklich sind, um nur gelegentlich erwähnt zu werden, bahnen sich ihren Weg gewaltsam zur Oeffentlichkeit, und die Bemerkungen, die darüber gemacht werden, sind oft noch schrecklicher, als die Sache selbst. Man hört die Aeußerung: »Kann wohl sein, daß solche Dinge sich dann und wann zutragen, aber sie sind kein Beleg für die allgemeine Praxis.« Wenn die Gesetze von Neu-England so beschaffen wären, daß ein Meister dann und wann einen Lehrling zu Tode quälen könnte, ohne die Möglichkeit, denselben zur Bestrafung zu ziehen, — würde dies mit demselben Gleichmuthe angehört werden? Würde man sagen: »Derartige Fälle sind selten und keine Belege für die allgemeine Praxis?« Diese Ungerechtigkeit ist eine nothwendige Folge des Sklavensystems, welches ohne dieselbe nicht bestehen kann.

Der öffentliche und schamlose Verkauf reizender Mulatten und Quadroonmädchen hat durch diejenigen Ereignisse Oeffentlichkeit erlangt, welche der Wegnahme der ›Perl‹ folgten. Wir entnehmen das Folgende aus der Rede des Mr. Horace Mann, eines der gesetzlich bestellten Vertheidiger der Angeklagten. Er sagt: »Unter den sechsundsiebzig Personen, welche im Jahre 1848 in dem Schoner ›Perl‹ von Columbia zu entfliehen suchten, und deren Offiziere ich zu vertheidigen bemüht war, befanden sich mehrere junge und kräftige Mädchen, welche in Zügen und Gestalt jene besonderen Reize besaßen, die von Kennern so hoch geschätzt werden. Elisabeth Russel gehörte zu diesen. Sie fiel augenblicklich in die Netze der Sklavenhändler, und wurde von ihnen für den Markt in New-Orleans bestimmt. Die Herzen Aller, die sie sahen, wurden von Mitleid für ihr Schicksal ergriffen. Man bot achtzehnhundert Dollar, um sie loszukaufen, aber der Teufel von einem Sklavenhändler war unerbittlich. Sie wurde nach New-Orleans abgeführt; allein während der Reise erbarmte Gott sich ihrer und erlöste sie durch den Tod. Zwei andere Mädchen, Namens Edmundson, befanden sich ebenfalls unter ihnen. Als sie nach demselben Markte abgesendet werden sollten, kam eine ältere Schwester derselben zur Fleischbank, um den Elenden, dem sie gehörten, bei der Liebe Gottes anzuflehen, seiner Opfer zu schonen. Er verhöhnte sie, und stellte ihr vor, was für schöne Kleider und Möbeln sie haben würden. ›Ja,‹ entgegnete sie, ›das mag in diesem Leben ganz angenehm sein, aber was wird in jenem Leben aus ihnen werden?‹ Sie wurden auch nach New-Orleans abgeführt, aber später für eine ungeheure Summe losgekauft und zurückgebracht.« Ergibt sich aus diesen Beispielen nicht deutlich genug, daß die Schicksale Cassy's und Emmelinens zahlreiche Gegenstücke haben werden?

Um gerecht zu sein, ist die Verfasserin auch genöthigt, zu bemerken, daß die Freundlichkeit und der Edelmuth St. Clare's nicht ohne Parallelen sind, wie sich aus der folgenden Thatsache ergibt. Vor mehreren Jahren kam ein junger Gentleman aus dem Süden mit einem Lieblingssklaven, der von seiner Kindheit an sein persönlicher Diener gewesen war, nach Cincinnati. Letzterer machte von dieser Gelegenheit Gebrauch, sich seine Freiheit zu verschaffen, und floh unter den Schutz eines Quäckers, der im allgemeinen Rufe stand, sich derartigen Geschäften zu unterziehen. Der Eigenthümer war empört. Er hatte den Sklaven stets mit großer Nachsicht behandelt, und setzte ein so großes Vertrauen in seine Anhänglichkeit zu ihm, daß er glaubte, er müsse nothwendig zu diesem Schritte durch Andre verleitet worden sein. Er begab sich deshalb in heftiger Aufregung zu dem Quäcker, aber wurde bald, da er ein Mann von offenem und rechtlichem Sinne war, durch die Vorstellungen desselben beschwichtigt. Er lernte hier die Sache von einer Seite betrachten, von der er noch nie gehört, — an die er noch nie gedacht hatte, und sagte deshalb dem Quäcker sofort, daß, wenn sein Sklave ihm von Angesicht zu Angesicht den Wunsch, frei zu werden, erklären wolle, er ihn frei lassen werde. Die Zusammenkunft fand augenblicklich Statt, und Nathan wurde von seinem jungen Herrn befragt, ob er irgend einen Grund habe, sich über die von ihm zu Theil gewordene Behandlung zu beklagen?

»Nein, Master,« sagte Nathan, »Sie sind immer gut gegen mich gewesen.«