»O, Master Georg! Sie wissen nicht, daß ich morgen nach Louisville gehe!« sagte sie zu Georg, als er sie beim Eintreten beschäftigt fand, die Kleidungsstücke ihrer Kinder zu ordnen. »Dachte, ich wollte grade 'mal über diese Sachen sehen und sie in Ordnung haben. Aber ich gehe, Master Georg, — ich gehe, und bekomme vier Dollar die Woche; und Missis will es Alles aufheben und meinen alten Mann damit wiederkaufen.«

»Sieh da!« sagte Georg, »das ist ein gutes Geschäft! Wann gehst Du denn?«

»Morgen, mit Sam. Und nun, Master Georg, — ich weiß — sind Sie wohl so gut und schreiben just an meinen alten Mann, und sagen ihm das Alles, — nicht wahr?«

»Versteht sich,« sagte Georg. »Onkel Tom wird sich freuen, Nachricht von uns zu bekommen. Ich will gleich in's Haus gehen, und Feder und Papier holen; und dann kann ich ihm auch gleich von unsern jungen Fohlen erzählen und von allen andern Sachen, — nicht wahr, Tante Chloë?«

»Freilich, freilich, Master Georg; gehen Sie nur, und ich will Ihnen unterdessen ein hübsches Stückchen Huhn zurecht machen, oder so Etwas; — werden nicht oft mehr bei alte Tante Chloë 'was essen.«


Zweiundzwanzigstes Kapitel.
»Das Gras verwelkt — die Blume verblüht.«

Mit jedem Tage fließt ein Theil unseres Lebens dahin, — und so war es mit Onkel Tom, bis zwei Jahre verflossen waren. Obgleich getrennt von Allem, was seinem Herzen theuer war, und obgleich oft die heftigste Sehnsucht nach seinen Lieben empfindend, fühlte er sich doch eigentlich nie ganz unglücklich; denn so stark ist die Harfe menschlicher Gefühle bezogen, daß nur ein Zerreißen aller Saiten ihre Harmonie gänzlich zerstören kann; und selbst wenn wir auf Zeiten der Trübsal und der Leiden zurückblicken, so können wir uns erinnern, daß fast jede Stunde derselben in ihrem Laufe Abwechslung und Erleichterung mit sich brachte, so daß wir, wenn auch im Ganzen nicht glücklich, doch auch nicht ganz elend waren.

Sein an Chloë gerichteter Brief war, wie dessen bereits im vorigen Kapitel Erwähnung geschehen, von Master Georg in guter Zeit beantwortet worden, und zwar in einer runden, deutlichen Schulknabenschrift, die, wie Onkel sagte, sich beinahe über das ganze Zimmer lesen ließ. Das Schreiben enthielt verschiedene erquickliche Nachrichten über die dortigen Verhältnisse, mit denen unsere Leser bereits bekannt sind: zum Beispiel, daß Tante Chloë an einen Conditor in Louisville ausgedungen worden, wo sie mit der Fabrikation von Pasteten unglaubliche Summen Geldes verdiene, die alle zur Wiedereinlösung Toms zurückgelegt werden sollten; daß Mose und Pete munter aufwüchsen, und daß das Kleine unter Sally's und der ganzen Familie Aussicht bereits im ganzen Hause umhertrabe. Toms Hütte war für jetzt geschlossen worden, allein Georg ließ sich mit großer Wärme über die Verbesserungen und Verzierungen aus, die darin vorgenommen werden sollten, sobald Tom zurückkehre. Der Rest des Briefes enthielt ein Verzeichniß von Georgs Schulstudien und von den Namen der vier jungen Fohlen, welche seit Toms Entfernung gefallen waren, und erwähnte in inniger Verbindung hiermit, daß sich Vater und Mutter wohl befänden. Der Styl des Briefes war entschieden ein sehr bündiger: allein Tom hielt seine Abfassung für eins der vollendetsten Beispiele in der neueren Zeit. Er konnte nie müde werden, das Schreiben zu betrachten, und berathschlagte sogar mit Eva darüber, ob es nicht gut wäre, es unter Glas und Rahmen bringen zu lassen, um es im Zimmer aufhängen zu können; und nur die Schwierigkeit, es so einzurichten, daß beide Seiten des Blattes zugleich sichtbar seien, stand der Ausführung im Wege.

Die Freundschaft zwischen Tom und Eva war in gleichem Schritte mit dem Kinde selbst gewachsen. Es würde schwer sein zu sagen, welchen Platz sie in dem sanften, empfänglichen Herzen ihres treuen Dieners einnahm. Er liebte sie wie etwas Irdisches und Gebrechliches, aber verehrte sie beinahe als etwas Himmlisches und Göttliches. Wie der italienische Seemann auf sein Bild des Jesuskindes schaut, so betrachtete er sie mit einer Mischung von Ehrfurcht und Zärtlichkeit; und sein größtes Vergnügen bestand darin, den kindlichen Einfällen, den tausend kleinen Bedürfnissen zu genügen, die das jugendliche Alter wie mit einem buntfarbigen Regenbogen schmücken. Wenn er Morgens auf den Markt ging, so waren seine Augen stets auf die Blumenlager gerichtet, um seltene Bouquette für sie auszusuchen, und die schönste Pfirsich, die er fand, glitt stets in seine Tasche, um sie ihr zu geben, wenn er nach Hause kam; und der liebste Anblick für ihn war der, wenn er ihren goldlockigen, kleinen Kopf zur Pforte hinaus blicken und auf seine Rückkehr warten sah, und er dann ihre kindliche Frage hörte: »Nun, Onkel Tom, was hast Du heut' für mich?«