Auch war Eva nicht weniger eifrig in freundlichen Gegenleistungen. Obgleich noch Kind, konnte sie dennoch vortrefflich lesen. Ein feines, musikalisches Ohr, eine lebhafte, poetische Phantasie, und ein instinktmäßiges Gefühl für alles Große und Edle machten sie zu einer Bibelleserin, wie Tom nie zuvor etwas Aehnliches gehört hatte. Anfangs las sie nur, um ihrem bescheidenen Freunde gefällig zu sein, aber bald streckte ihre eigene ernste Natur ihre Fühlfäden aus und schlang sie um das majestätische Buch. Und Eva liebte es, weil es ein seltsames Sehnen und mächtige, dunkle Regungen in ihr erweckte, denen sich tieffühlende und mit lebhafter Phantasie begabte Kinder so gern hingeben.
Diejenigen Theile, welche sie am meisten liebte, waren die Offenbarung Johannis und die Propheten, — Theile, deren dunkle, warme und bilderreiche Sprache sie um so mehr ergriff, als sie vergeblich nach einer Deutung suchte, — und sie und ihr schlichter Freund, das junge und das alte Kind, stimmten in dieser Beziehung vollkommen überein. Alles, was sie wußten, war, daß jene Bücher von einer zu offenbarenden Glorie, — einem wunderbaren Etwas sprachen, was noch kommen solle und dessen sich ihre Seelen freuten, ohne zu wissen weshalb. Obgleich es in der Wissenschaft physischer Dinge nicht so ist, so gilt doch für die Religionslehre der Grundsatz, daß das, was nicht verstanden werden kann, nicht immer nutzlos ist; denn die Seele erwacht, ein zitternder Fremdling, zwischen zwei dunklen Ewigkeiten, — der ewigen Vergangenheit und der ewigen Zukunft. Das Licht fällt nur aus einen kleinen Raum um sie her, weshalb sie sich dem Unbekannten zuwenden muß; und die Stimmen und schattenartigen Regungen, die aus der Nebelsäule der Inspiration zu ihr kommen, finden Echo und Antwort in ihrer eignen sehnsüchtigen Natur. Die mystischen Bilder derselben sind ebenso viele Talismane und Gemmen mit unbekannten Hieroglyphen, die sie in ihren Busen schließt und hofft entziffern zu können, wenn sie jenseits des Schleiers tritt.
Um die jetzige Zeit unserer Erzählung befand sich die ganze Familie St. Clare's auf seiner am See Pontchartrain belegenen Villa. Die Sommerhitze hatte Alle, denen es möglich war, die ungesunde Stadt mit ihrer schwülen Atmosphäre zu verlassen, an die Ufer des See's getrieben, um seine kühlen Lüfte zu genießen.
St. Clare's Villa war ein im ostindischen Geschmacke erbautes Landhaus, umgeben von einer hellen Veranda, und öffnete sich nach allen Seiten in Gärten und Luftplätze. Das gemeinschaftliche Wohnzimmer hatte einen Ausgang in einen großen Garten, welcher erfüllt von den Wohlgerüchen tropischer Pflanzen und Blumen jeder Art, seine schlängelnden Pfade bis dicht an die Ufer des See's erstreckte, dessen silberheller Wasserspiegel sich unter den Strahlen der Sonne hob und senkte, — ein Bild, das jede Stunde wechselte, und mit jeder Stunde schöner wurde.
Jetzt grade geht die Sonne in goldener Glorie unter und wirft ihren Schein über den ganzen Horizont, der sich im Wasser abspiegelt. Weiß beflügelte Schiffe fahren auf dem in rosigen oder goldenen Streifen ruhig liegenden See hin und her, und kleine goldene Sterne beginnen allmählig aus dem Abendhimmel auf ihre zitternden Spiegelbilder im Wasser herabzublicken.
Tom und Eva saßen auf einer niedrigen Moosbank in einer Laube am Ende des Gartens. Es war Sonntag Abend, und Eva's Bibel lag aufgeschlagen auf ihrem Knie. Sie las: — »Und ich sah ein gläsernes Meer mit Feuer gemenget.«
»Tom,« sagte Eva, plötzlich inne haltend und auf den See deutend, »da ist es.«
»Was, Miß Eva?«
»Siehst Du denn nicht, — dort?« sagte das Kind, auf das Wasser deutend, welches, fallend und steigend, die Gluth des Himmels abspiegelte. »Da ist ein gläsernes Meer mit Feuer gemenget.«
»Wahr! Miß Eva,« sagte Tom und sang: