»Wohin, Miß Eva?«
Das Kind stand auf, und deutete mit seiner kleinen Hand gen Himmel. Das Abendroth beleuchtete ihr goldnes Haar, und lieh ihren Wangen eine Art überirdischen Glanzes, und ihre Augen blickten mit tiefem, seligem Gefühle hinauf.
»Ich gehe dahin,« sagte sie, »zu den weißen Engeln, Tom; ich gehe dahin — bald.«
Das treue, alte Herz empfand einen plötzlichen Stoß, und Tom dachte daran, wie oft er während der letzten sechs Monate bemerkt habe, daß Eva's kleine Hände dünner, und ihre Haut durchsichtiger und ihr Athem kürzer geworden seien, und wie sie, wenn sie im Garten rannte und spielte, was sie sonst stundenlang gekonnt, jetzt immer so bald müde werde. Er hatte Miß Ophelien oft von einem Husten sprechen hören, den alle ihre Arzneimittel nicht heilen könnten; und selbst in diesem Augenblicke brannten ihre Wange und ihre kleine Hand von hektischem Fieber; und dennoch war ihm nie zuvor der Gedanke gekommen, den Eva's Worte andeuteten.
Gab es je ein Kind, wie Eva? — O ja, es gab deren; aber ihre Namen sind nur auf Grabsteinen zu lesen, und ihr süßes Lächeln, ihre himmlischen Blicke, ihre seltsamen Reden und Weisen gehören zu den tief begrabenen Schätzen trauernder Herzen. In wie vielen Familien hörst Du die Sage, daß alle Güte und Anmuth der Lebenden nichts sei gegen die Liebenswürdigkeit eines Wesens, — das nicht mehr sei! Es ist gerade, als wenn der Himmel ein besonderes Chor von Engeln habe, deren Bestimmung es sei, eine kurze Zeit hier zu weilen und das verkehrte menschliche Herz für sich zu gewinnen, um es dann bei ihrer Rückkehr zum Himmel mit sich hinaufzutragen. Wenn Du jenes tiefe geistige Licht in dem Auge siehst, — wenn die kleine Seele sich in Worten offenbart, die süßer und weicher sind, als die gewöhnlichen Worte von Kindern, — so hoffe nicht, das Kind zu behalten, denn das Siegel seines himmlischen Ursprungs ist ihm aufgedrückt, und das Licht der Unsterblichkeit glänzt aus seinen Augen.
So auch Du, geliebte Eva! schöner Stern Deiner irdischen Heimath! Du gehst, — aber die, so Dich am meisten lieben, ahnen es nicht!
Das Gespräch zwischen Tom und Eva wurde hier plötzlich durch einen Ruf von Miß Ophelia unterbrochen.
»Eva! — Eva! — Kind, der Thau fällt ja, Du darfst nicht mehr draußen sein!«
Eva und Tom eilten hinein.
Miß Ophelia war alt und wohlerfahren im Geschäfte des Wartens und Pflegens, und kannte genau die ersten Symptome jener schleichenden, hinterlistigen Krankheit, die so viele der Schönsten und Liebenswürdigsten dahin rafft, und sie, ehe noch eine einzige Lebensfaser zerstört zu sein scheint, unwiderruflich dem Tode weiht. Sie hatte den leichten kurzen Husten und die täglich zunehmende Röthe der Wange bemerkt; und selbst der Glanz des Auges und die lustige Lebhaftigkeit des Kindes, nur vom Fieber bedingt, vermochten sie nicht zu täuschen.