Sie versuchte, St. Clare ihre Besorgnisse mitzutheilen; allein er wies derartige Andeutungen mit einem unruhigen, erkünstelten Muthwillen zurück, der sehr verschieden von seiner gewöhnlich so sorglosen guten Laune war.
»O krächze nur nicht, Cousine, — ich kann's nicht hören!« pflegte er zu sagen. »Siehst Du denn nicht, daß das Kind nur im Wachsthum begriffen ist? Kinder verlieren immer Kräfte, wenn sie stark wachsen.«
»Aber sie hat den Husten.«
»O Unsinn mit dem Husten! — 's ist nichts; hat sich vielleicht ein wenig erkältet.«
»Ja, ganz auf dieselbe Weise fingen Elisa, Jane, und Ellen und Maria Sanders an.«
»O! ich bitte Dich! höre mir mit den Ammenmärchen auf. Ihr alten Leute werdet so weise, daß ein Kind nicht mehr husten oder niesen kann, ohne daß Ihr Verzweiflung oder Tod darin erkennt. Nimm das Kind nur in Acht; laß es nicht in die Nachtluft gehen und nicht zu angestrengt spielen, und sie wird bald wieder munter werden.«
So sagte St. Clare; aber er wurde ängstlich und unruhig. Er bewachte Eva täglich mit fieberhafter Angst, wie sich deutlich aus der öfteren Wiederholung derartiger Aeußerungen entnehmen ließ, wie: »das Kind sei ganz wohl, — der Husten habe gar nichts zu bedeuten, — er rühre von nichts als etwas verdorbenem Magen her.« Aber er hielt sich von nun an mehr bei ihr auf, als er sonst zu thun pflegte, fuhr öfter mit ihr aus und brachte von Zeit zu Zeit ein neues Recept oder eine stärkende Mixtur für sie mit nach Haus: — nicht, wie er sagte, weil das Kind sie nöthig habe, sondern sie werde ihr keinen Schaden thun.
Was seinem Herzen größere Angst und Unruhe verursachte, als alles Andere, war die beim Kinde täglich zunehmende Reife des Geistes und der Gefühle. Während sie noch das rein kindliche Wesen bewahrte, ließ sie oft unbewußt Worte von einer solchen Tiefe der Gedanken und einer so überirdischen Weisheit fallen, daß man sie für Inspirationen hätte halten können. In solchen Momenten empfand St. Clare ein plötzliches Beben im Herzen; er preßte sie dann in seine Arme, als ob dieser zärtliche Druck sie retten könne.
Des Kindes ganzes Herz und ganze Seele schien an Werken der Liebe zu hängen. Sie war immer sanft und weich von Natur gewesen; allein jetzt zeigte sich bei ihr eine rührende, ächt weibliche Empfindungsweise, die Jedem auffiel. Sie fand noch immer Gefallen daran, mit Topsy und andern farbigen Kindern zu spielen, aber schien jetzt mehr eine bloße Zuschauerin zu sein, als wirklich Theil an den Spielen zu nehmen; sie saß zuweilen halbe Stunden lang und lachte herzlich über Topsy's wunderliche Streiche, — und dann senkte sich ein Schatten über ihr Gesicht, ihre Augen wurden trübe und ihre Gedanken waren weit, weit fort.
»Mamma,« sagte sie eines Tages plötzlich zu ihrer Mutter, »weßhalb lassen wir unsere Dienstboten nicht lesen lernen?«