Nicht in äußerster Verzweiflung, sondern in feierlicher Hoffnung und Zuversicht dürfen wir dem Kampfe zuschauen, der jetzt Amerika durchwühlt. Es ist der Angstschrei des Teufels der Sklaverei, der von fern die Stimme eines nahenden Jesus gehört hat, und die edle Gestalt durch Zuckungen verzerrt, aus der er ihn endlich vertreiben wird.
Es ist unmöglich, daß eine so ungeheure Verirrung lange im Busen einer Nation bestehen könne, die in jeder anderen Beziehung das beste Beispiel der großen Principien einer allgemeinen Brüderschaft giebt. In Amerika genießen der Franzose, der Deutsche, der Italiener, der Ungar, der Schwede und der Lette, alle gleiche Rechte; — alle Nationen entfalten hier die ihnen eigenthümlichen Vorzüge, und werden durch die liberalen Gesetze des Landes gleicher Privilegien theilhaftig; Alles wirkt darauf hin, zu befreien, zu humanisiren, zu erheben, und grade aus diesem Grunde wird der Kampf mit der Sklaverei jedes Jahr furchtbarer. Der Strom menschlichen Fortschritt's, der durch die zusammenfließenden Kräfte aller Nationen immer breiter, tiefer und kräftiger wird, stößt auf diese Schranke, hinter welcher sich alle Unwissenheit, Grausamkeit und Bedrückung finstrer Jahrhunderte gesammelt hat; — jetzt schäumt und drängt er nur gegen den Fuß, aber er steigt mit jedem Jahre, und endlich wird er mit einem Sturze, gleich dem des Niagara, das Hemmniß mit sich fortreißen. Dichtkunst, Redekunst und Litteratur sind dagegen, denn es gibt keine einzige Fähigkeit göttlichen Ursprungs im Menschen, die nicht für Freiheit spräche! Anfangs verbreitete sich die Sklaverei über alle Staaten der Union. Jetzt hat der Fortschritt der gesellschaftlichen Verhältnisse die Mehrzahl derselben emancipirt. In Kentucky, Tennessee, Virginien und Maryland haben zu verschiedenen Zeiten starke Bewegungen zu Gunsten der Emancipation statt gefunden, — Bewegungen, welche fortwährend durch eine Vergleichung des progressiven Fortschritts der freien Staaten mit der Armuth und Unfruchtbarkeit als Folge eines Systems erweckt wurden, welches in wenigen Jahren den Boden erschöpft, ohne im Stande zu sein, ihm wieder frische Kräfte zu geben. Der Zeitpunkt kann nicht mehr fern sein, wo alle diese Staaten ihrer eignen Selbsterhaltung wegen emancipiren werden, und wenn kein Sklavengebiet hinzukommt, so wird ein Zunehmen der Sklavenbevölkerung Maßregeln für die Emancipation der übrigen nothwendig machen. Dies ist der Punkt, um den gestritten wird. Sofern kein neues Sklavengebiet gewonnen wird, muß die Sklaverei untergehen, — wenn es gewonnen wird, besteht sie fort. — Um diesen Punkt manöveriren und kämpfen die politischen Parteien, und jedes Jahr wird der Kampf heißer, der bald zur großen Nationalfrage werden wird. In dem Gesetze von 1850, die flüchtigen Sklaven betreffend, gewann die Sklavenmacht allerdings einen Sieg, aber es war nur ein Sieg des Pyrrhus, — noch ein solcher würde ihr Untergang sein! Grade dieses Gesetz hat mehr als alle früher wirkenden Mittel dazu beigetragen, die moralische Kraft der Nation gegen die Sklaverei zu erwecken und zu concentriren.
Keine inneren Kämpfe irgend einer andern Nation der Welt können für den Europäer von so großem Interesse sein wie die Amerika's, denn Amerika bevölkert sich immer mehr aus Europa, und jeder Europäer, der an seinen Ufern landet, erlangt fast unmittelbar seine Stimme in den Berathungen.
Wenn deßhalb die Unterdrückten andrer Nationen in Amerika ein Asyl dauernder Freiheit zu finden wünschen, so mögen sie bereit sein, mit Herz, Hand und Stimme gegen das Institut der Sklaverei zu kämpfen; denn diejenigen, die Andere zu Sklaven machen wollen, können selbst nicht lange frei bleiben.
Wahr sind die großen, lebendigen Worte: »Keine Nation kann frei bleiben, bei der die Freiheit nur ein Vorrecht und nicht ein Princip ist.«
Andover, den 21. September 1852.
Harriet Beecher Stowe.