Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Der kleine Evangelist.
Es war Sonntag Nachmittag. St. Clare lag auf einem Sitze von Bambusrohr in der Veranda ausgestreckt und ergötzte sich am Genuß einer Cigarre. Marie lag auf ihrem Sopha, dem Fenster gegenüber, welches nach der Veranda ging, unter einer Dachung von durchsichtiger Gaze gegen die Angriffe der Moskito geschützt, und hielt ein elegant eingebundenes Gebetbuch in der Hand. Sie hielt es in der Hand, weil es Sonntag war, und bildete sich ein, sie habe darin gelesen, — obgleich sie in Wirklichkeit nur, mit dem offenen Buche in der Hand, eine Reihenfolge kurzer Schläfe durchgemacht hatte.
Miß Ophelia, die nach längerem Suchen eine kleine methodistische Versammlung in der Umgegend entdeckt hatte, war mit Tom als Kutscher ausgefahren, um derselben beizuwohnen, und Eva hatte sie begleitet.
»Augustin,« sagte Marie, von einem Schlummer erwachend, »ich sage Dir, ich muß nach der Stadt schicken und meinen alten Doctor Posey holen lassen; ich glaube gewiß, ich habe eine Herzkrankheit.«
»Weßhalb hast Du denn nöthig, nach ihm zu schicken? Der Arzt, welcher Eva behandelt, scheint geschickt und erfahren zu sein.«
»Ich möchte mich ihm doch in einem gefährlichen Falle nicht anvertrauen, und ich fürchte, der meinige wird ein solcher werden! Ich habe seit zwei, drei Nächten darüber nachgedacht. Die Schmerzen, die ich leide, sind unbeschreiblich, und dabei habe ich so sonderbare Empfindungen.«
»O Marie, Du faselst, — ich glaube nimmermehr, daß Du eine Herzkrankheit hast.«
»Natürlich, Du glaubst es nicht,« entgegnete Marie, »ich konnte mir denken, daß Du das sagen würdest. Du kannst sehr besorgt sein, wenn Eva ein wenig hustet oder ihr sonst das Geringste fehlt! aber an mich denkst Du nie.«