»Ich habe immer ein Vorurtheil gegen Neger gehabt,« sagte Miß Ophelia; »es ist wahr, es ist mir immer zuwider gewesen, mich von dem Kinde berühren zu lassen; allein ich glaubte nicht, daß Topsy es gewußt habe.«

»Verlaß Dich darauf, daß jedes Kind das bald entdeckt,« entgegnete St. Clare, »es ist unmöglich, es vor ihnen verborgen zu halten. Aber ich glaube auch, daß alle Bemühungen der Welt, einem Kinde wohl zu thun, und alle Gunstbezeugungen nie eine Regung von Dankbarkeit in ihm erwecken werden, so lange ein derartiges Gefühl von Abneigung im Herzen vorhanden ist.«

»Ich weiß nicht, wie ich das ändern soll,« sagte Miß Ophelia; »sie sind mir einmal zuwider — und besonders dieses Kind, — wie soll ich mich von diesem Gefühle befreien?«

»Es scheint, Eva thut es.«

»Ja, sie ist von Natur so liebreich!« sagte Miß Ophelia. »Ich wollte, ich wäre wie sie; sie könnte mir zum Muster dienen.«

»Es wäre nicht das erste Mal, daß ein kleines Kind einem alten Schüler eine Lehre gegeben hat,« entgegnete St. Clare.


Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Der Tod.

Weint nicht um die, so Grabesschleier Am Lebensmorgen uns verbarg.

Eva's Schlafgemach war ein geräumiges Zimmer, welches, wie fast alle übrigen Gemächer des Hauses, sich auf die Veranda öffnete. Auf der einen Seite stand dasselbe mit dem Zimmer ihres Vaters und ihrer Mutter in Verbindung, und auf der anderen mit dem, welches Miß Ophelien überwiesen worden war. St. Clare hatte seinem eigenen Geschmacke gehuldigt, indem er das Zimmer in einer Weise ausmöblirt und geschmückt hatte, die in seltsamer Harmonie mit dem Charakter derjenigen stand, für die es bestimmt war. Vor den Fenstern hingen Gardinen von weißem und rosafarbenem Mousselin herab, und der Fußboden war von einem Teppich bedeckt, welcher nach einem von St. Clare besonders angegebenen Muster in Paris gefertigt worden war, indem ein Kranz von Rosenknospen und Blättern die Einfassung bildete, und im Mittelpunkte sich mehrere ganz aufgeblühte Rosen befanden. Die Bettstelle, Stühle und Sitze waren von Bambus nach besonders geschmackvollen Mustern gearbeitet. Ueber dem Kopfende des Bettes befand sich an der Wand ein Fuß von Alabaster, aus dem ein schön gemeißelter Engel mit gesenkten Flügeln stand, welcher einen Myrthenkranz in der Hand hielt. Von demselben hingen über dem Bette leichte Vorhänge von rosafarbener Gaze herab, welche den für alle Schläfer so nothwendigen Schutz gegen die Moskito's gewährten. Die geschmackvollen Bambussitze waren reichlich mit Kissen von röthlichem Damast versehen, während über denselben ähnliche Vorhänge wie über dem Bett herabhingen. Ein leichter Bambustisch stand in der Mitte des Zimmers, aus welchem eine Vase von parischem Marmor in der Form einer blühenden Lilie stand, die stets mit Blumen gefüllt war. Auf diesem Tische lagen auch Eva's Bücher und kleine Schmucksachen, nebst einem eleganten Schreibzeuge von Alabaster, welches ihr Vater für sie angeschafft hatte, als er bemerkte, daß sie sich bemühte, sich im Schreiben zu verbessern. Auf dem marmornen Kaminsimse stand eine schön gearbeitete Statue, welche Jesus darstellte, wie er die Kinder zu sich rief, und auf jeder Seite derselben befanden sich Marmorvasen, welche Tom jeden Morgen mit frischen Blumen zu füllen sich zum Stolz gereichen ließ. Zwei oder drei ausgewählte Gemälde von Kindern in verschiedenen Stellungen schmückten die Wände. Kurz, wohin das Auge auch blicken mochte, überall begegneten ihm Bilder der Kindheit, der Schönheit und des Friedens. Eva's kleine Augen öffneten sich nie dem Morgenlichte, ohne auf etwas zu fallen, was in ihrem Herzen sanfte, schöne Gedanken erweckte.