»Es ist für uns ein schreckliches,« sagte Miß Ophelia.
»Ich glaube, das sollte es für mich sein,« sagte St. Clare stillstehend und gedankenvoll. »Ich las diesen Nachmittag Tom das Kapitel aus dem Matthäus vor, welches eine Schilderung davon enthält, und ich fühlte mich tief ergriffen. Man hätte schreckliche Abscheulichkeiten derjenigen als Grund annehmen sollen, welche von dem Himmel ausgeschlossen werden; aber nein, — sie sind verdammt, weil sie nicht positiv Gutes gethan haben, als wenn dies schon jedes mögliche Unrecht in sich schlösse.«
»So mag es sein,« sagte Miß Ophelia; »es ist unmöglich für Jemanden, der nicht Gutes thut, kein Unrecht zu thun.«
»Und was,« sagte St. Clare sinnend, aber mit tiefem Gefühle, — »was soll von Jemanden gesagt werden, der durch sein eignes Herz, seine Erziehung und die Bedürfnisse der menschlichen Gesellschaft zu edlen Zwecken aufgefordert worden ist, und der als ein träumerischer, theilnahmloser Zuschauer bei den Kämpfen, Leiden und Schmerzen seiner Mitmenschen fortgelebt hat, während er hätte thätig für sie wirken sollen?«
»Ich würde sagen,« entgegnete Miß Ophelia, »daß er bereuen und von nun an beginnen solle.«
»Immer praktisch und zum Zwecke!« sagte St. Clare lächelnd. »Du läßt mir nie Zeit zu allgemeinen Betrachtungen, Cousine; Du stellst mich immer dicht vor die wirkliche Gegenwart; Du hast eine Art von ewigem Jetzt fortwährend im Geiste.«
»Jetzt ist auch die einzige Zeit, mit der ich etwas zu thun habe,« sagte Miß Ophelia.
»Meine theure, kleine Eva, — armes Kind!« sagte St. Clare, »sie gedachte in ihrer kleinen schlichten Seele ein gutes Werk für mich zu thun.«
Es war das erste Mal seit Eva's Tode, daß er so viele Worte über sie geäußert hatte, und er unterdrückte jetzt augenscheinlich, während er sprach, sehr heftige Empfindungen.
»Meine Ansicht vom Christenthume ist eine solche,« fuhr er fort, »daß ich der Meinung bin, kein Mensch kann sich consequenter Weise dazu bekennen, ohne sich mit aller Macht diesem abscheulichen Systeme von Ungerechtigkeit entgegen zu werfen, welches allen unsern gesellschaftlichen Zuständen zu Grunde liegt, und im Falle der Noth sich selbst im Kampfe dagegen zu opfern. Ich will damit sagen, daß ich selbst mich unter keinen andern Bedingungen einen Christen nennen könnte, obgleich ich mit vielen erleuchteten und christlichen Leuten Umgang gehabt habe, die es nicht gethan haben; und ich bekenne, daß die Gleichgültigkeit religiöser Leute über diesen Punkt, ihr Mangel an Empfänglichkeit für das Unrecht, welches mich mit Abscheu erfüllte, mehr dazu beigetragen haben, Unglauben in mir zu erwecken, als irgend ein anderer Umstand.«