»Wenn Du alles dieß wußtest,« sagte Miß Ophelia, »warum hast Du es nicht gethan?«
»O, weil ich nur diejenige Art von Wohlwollen besitze, welche darin besteht, daß ich auf dem Sopha liege und die Kirche und alle Geistlichen verdamme, weil sie nicht Märtyrer und Bekenner in diesem Sinne sind. Man kann natürlich sehr leicht sehen, wie Andere Märtyrer sein sollten.«
»Wohl, willst Du von nun an anders handeln?« fragte Miß Ophelia.
»Gott allein kennt die Zukunft,« entgegnete St. Clare. »Ich bin besser als ich war, weil ich Alles verloren habe; und der, welcher nichts mehr zu verlieren hat, kann sich leicht allen Gefahren aussetzen.«
»Und was willst Du jetzt thun?«
»Meine Pflicht, hoffe ich, gegen die Armen und Niedrigen, so weit ich sie erkennen kann,« sagte St. Clare, »und ich will mit meinen eignen Sklaven anfangen, für die ich bis jetzt nichts gethan habe; und zu einem späteren Zeitpunkte kann es sich vielleicht zeigen, daß ich etwas für eine ganze Klasse thun kann, — etwas, um mein Vaterland von der Schande jener unrichtigen Stellung zu befreien, in der es jetzt vor allen civilisirten Nationen steht.«
»Hältst Du es für möglich, daß eine Nation jemals von freien Stücken emancipiren werde?« sagte Miß Ophelia.
»Ich weiß nicht,« entgegnete St. Clare. »Es ist jetzt eine Zeit großer Handlungen. Heroismus und Uneigennützigkeit erheben sich hier und dort auf der Erde. Der ungarische Adel hat mit einem ungeheuren Geldverluste Millionen von Sklaven freigelassen; und vielleicht finden sich auch unter uns edelmüthige Seelen, die Ehre und Gerechtigkeit nicht nach Dollarn und Cents abschätzen.«
»Ich glaube kaum,« bemerkte Miß Ophelia.
»Aber angenommen, wir erhöben uns morgen und emancipirten, — wer würde diese Millionen erziehen, und ihnen lehren ihre Freiheit richtig zu gebrauchen? Wir selbst sind zu träge und unpraktisch, um ihnen eine Idee von der Industrie und Energie beizubringen, welche erforderlich sind, um sie zu Menschen zu machen. Sie werden nach Norden gehen müssen, wo Arbeit an der Tagesordnung, allgemeine Sitte ist; und sage mir nun, herrscht in Euren nordischen Staaten genug christliche Menschenliebe, um den Prozeß ihrer Erziehung und Heranbildung zu unternehmen? Ihr sendet Tausende von Dollarn nach fernen Missionen, aber würdet Ihr erlauben, daß die Heiden in Eure eignen Städte und Dörfer gesendet würden, und Eure Zeit, Ueberlegung und Geld daran wenden, um sie nach christlichen Principien zu bilden? Das ist's, was ich gerne wissen möchte! Wenn wir emancipiren, seid Ihr dann bereit zu erziehen? Wie viele Familien in Eurer Stadt würden wohl einen Neger oder eine Negerin in ihr Haus nehmen, sie unterrichten, und zu Christen machen? Wie viele Kaufleute würden sich wohl bereit finden lassen, den Adolph aufzunehmen, wenn ich einen Commis aus ihm machen, — oder Handwerker, wenn ich ihn ein Handwerk lernen lassen wollte? Wenn ich die Absicht hätte, Rosa und Jane in eine Schule zu bringen, wie viele Schulen würden sich in den nördlichen Staaten wohl finden, die sie annähmen, wie viele Familien, die sie in Kost zu nehmen bereit wären? Und dennoch sind sie so weiß wie irgend ein Frauenzimmer im Norden oder Süden. Du siehst, Cousine, ich will nur, daß man uns Gerechtigkeit widerfahren lasse. Wir befinden uns in einer bösen Lage. Wir sind die mehr sichtbaren Bedrücker der Neger, aber das unchristliche Vorurtheil des Nordens ist ein eben so harter Tyrann.«