So ging sie denn mutig an einem hellen Nachmittag zur Gertrud ins Häuschen. Sie begrüßten sich ein wenig feierlich, die entthronte Fürstin und die regierende Fürstin, sie reichten sich die Hände, und die Gertrud schob dem Gast den geerbten Lehnsessel hin und setzte sich erst auf einen Holzstuhl, als die Fräulein Martha wohl plaziert war. Dann wartete sie auf die Eröffnung des Kampfes; denn daß es sich darum handelte, war ihr schon gleich klar geworden, als sie die Pfarrköchin auf ihr Häuschen zukommen sah.
„Behaglich und gar still habt Ihr’s aber hier,“ eröffnete Fräulein Martha das Gespräch, „wer doch auch so in beschaulicher Ruhe leben könnte.“ Die Gertrud verzog keine Miene. „Jo, i bin scho z’friede,“ hielt sie für eine genügende Antwort. „Ich wär schon lang gern komme, Euch in Euerm neue Häusle zu besuche, aber Ihr wißt ja, unsereins, man ist halt nicht sein eigener Herr.“ „He jo frili,“ schaltete die Gertrud ein. Fräulein Martha unterdrückte einen ungeduldigen Seufzer. So kam sie nicht vorwärts. Sie gab sich einen Stoß und meinte: „Ihr werdet lache und denke, so sind die Mensche, und Ihr habt eigentli recht, wenn ihr schimpfet: erst die Not treibt mich zu Euch.“ „He des wär,“ nahm die Gertrud teil. „Ja,“ beteuerte Fräulein Martha, „i weiß mer nimmer z’helfe, und Ihr wißt ja: wenn die Not am höchsten, ist die Hilfe am nächsten, das kann man hier wohl sagen. Ihr seid mir eingefallen in meiner Not, i kenn ja Euer gscheite Kopf von früher her, und da hab i mir denkt, wenn einer helfe ka, wenn’s Gotts Wille isch, dann isch es die Gertrud.“ Wenn das Fräulein Martha in Eifer kam, vergaß sie manchmal ihr Hochdeutsch, und sprach gut Rupertsweilerisch. „Ja, aber des wär,“ meinte wieder die Gertrud, „was könnt denn ’s Fraile Martha drucke, wo sie doch die bescht Hilf im Hus hät; un wenn einer e gute Rat brucht hät, no hät er doch nur zum Fraile Martha z’goh g’het, un g’holfe war em.“ Fräulein Martha schluckte etwas an dieser Vergangenheit in Gertruds Satz; aber Gertruds Ernst und das Geheimnisvolle im Häuschen, der starke Duft der Kräuter, die Tiere in den Spiritusflaschen, die merkwürdigen Zeichnungen an den Wänden, all das fing an, auf Fräulein Martha zu wirken. Gertrud erschien ihr stark, wie noch nie, als die Mächtige, in deren Händen wirklich das Wohl und Wehe des Dörfleins ruhte. Das ward ihr klar, mit List war da nichts zu erreichen. Helfen konnte die Gertrud, das fühlte sie, aber nur wenn sie gerne helfen wollte. Und so verwarf sie mit einem Ruck ihren ganzen vorsichtigen Plan, sie fühlte sich zu unsicher, und die abwartende Ruhe der Gertrud brachte sie ganz aus der Fassung. Wirkliche Tränen kamen ihr in die Augen, und sie ergriff Gertruds Hand und bat: „Gertrude, helfet us.“ Gertrud horchte auf, das klang ehrlich. „Gertrude,“ begann die Pfarrköchin noch einmal, „schau, Ihr seid doch so e gscheite Person, Ihr mißt doch des selber isehe, des kann kei guets End nehme. Der Pfarrer im Ort darf doch nit alle Reschpekt verliere; wenn seine Pfarrkinder lache über de Pfarrer, no isch’s us, und er ka nimmi zu Gottes Ehre wirke in sim Dorf. Un entweder die Lüt verkomme grad im Dreck un Elend, oder er muß halt go. Un schau, Gertrude, wenn unser Herr fortgeht, was hän Ihr denn eigentli gwonne? Es kummt jo nur ä anderer, un ob ä bessere, des wisse mer au nit. Un Ihr seid doch immer fromm gwese, un habt doch sicher nix gege unsere heilige Kirche. Denket au, wenn’s emol ans Schterbe got, ’s schtirbt sich doch au viel lichter, wenn mer sei Pfarrer bei sich hät, bei dem mer sei erschte heilige Kommunion gnomme hät, der eim au kennt. Ihr könntet unserm Herr sei Ansehe wiedergebe, wenn Ihr nur wolltet. Gellener Gertrud, Ihr helfet?“ Die Gertrud hatte die ganze Rede mit unbeweglichem Gesicht über sich ergehen lassen. Nun stand sie auf und ging, an ihrem Pult ein Buch langen. Sie fürchtete, der Schalk in ihrem Auge könnte sie verraten. Ihr kam die Bitte der Pfarrköchin gar nicht so ungelegen. Sie hatte sich selber schon gefragt, wozu das alles führen sollte. Ihr wuchs die Bewegung über den Kopf. Sie wollte den Pfarrer ja eigentlich gar nicht aus dem Dorf forthaben. Sie hatte nur den Weg nicht gefunden, mit Anstand zurückzugehen. Den bot ihr nun die Pfarrköchin, und sie stand noch groß da als Helferin und großmütige Feindin. Und einen kleinen Schabernack wollte sie dem Pfarrer schon noch antun. Als sie ihre Miene wieder in der Gewalt hatte, kam sie zu der in ängstlicher Atemlosigkeit harrenden Pfarrköchin zurück. „Fraile Martha, i will Euch was sage. Des was Ihr mir do verzählt, des han i mer alles scho lang gsait. I hät scho lang gern e Sympathiemittel angwendet, um unsere Herr wieder wohlan si zlasse bei de Bure, aber i ka’s nit allei mache. Un daß Ihr zu mir komme sin, des isch grad e Fügung Gottes. Aber —“ und sie zögerte lange — „aber, aber i sag Euch glei, Fraile Martha, ’s isch e schweri Sach un ob Ihr’s werdet durchführe könne —?“ Die Fräulein Martha fuhr eifrig auf: „’s mag si was es will, i werd ’s scho mache.“ „Wenns nämli nit ganz gnau durchgführt wird,“ meinte die Gertrud eindringlich, „no bfallet den Betreffende, für den mer’s tut, böse Schmerze, un d’Sach schtoht schlechter als vorher. ’s erscht wär licht. Ihr müsset nur von der Kirche, vom Schulhus, vom Rathus un von de angsehnschte Burehüser ä Schnipfeli Holz abschnide. Sell könnet er licht so nach un nach mache.“ „Ja natürlich,“ nickte die Fräulein Martha voller Spannung. „Wenn Ihr denn alle bienander hänt,“ fuhr die Gertrud fort, „no müssener domit in der Fruah ’s Herdfüer azünde un im Pfarrer druf si Kaffee koche, ’s derf aber niemed suscht vu dem Kaffee trinke. Un e weng vom Wasser hebener uf un traget’s unbschraue in d’Kirche un schüttet’s ins Wihwasser.“ „Ja, ja, das will ich schon gewissenhaft ausführe“, sagte zögernd das Fräulein Martha. „Jo weggerle, wenn Ihr jetzt scho zappelt,“ meinte schmunzelnd die Gertrud, „des isch’s Lichtescht an dere Sach. Also höret: Drei Nächt lang, bschtimmti Nächt, wenn Vollmond isch, muß der Pfarrer im Bett von ere Jungfrau schlofe. Jo bhüt Gott,“ wehrte sie der entsetzt aufspringenden Pfarrköchin, „bhüt Gott, daß i was Unrechts mein; natürlich im ä Bett, wo e Jungfrau drin gschlofe hät; was denkener denn au.“ Die Pfarrköchin setzte sich tief aufatmend. „Grad in dem Fall isch ’s meini gar nit so schwer zmache, Fraili Martha, Ihr weret scho irgend e Usred finde, daß der geischtlich Herr drei Nächt in Euerer Kammere schloft.“ Die Pfarrköchin nickte und meinte nachdenklich: „Jo jo, das ging schon z’ mache.“ „Un des isch grad bsonders gut, wie sich des in Euerm Fall trifft,“ fuhr Gertrud fort, „denn wissener, sunscht hät i schier Angscht des zrote. Denn im Buch schtoht mit menge Bischpiel, wenn’s ebe kei reine Jungfrau isch, no schtirbt der Ma im nächschte Mond.“ Wieder drehte sich die Gertrud geschäftig nach ihrem Pult um und blätterte in einem Buch. Fräulein Martha saß versunken in Gedanken. Nun hob sie den Kopf und sprach zu dem breiten Rücken der Gertrud hin: „Meinet Ihr, des mit dem Verbrenne von de Spänli dät nit allei scho helfe?“ „Jo bhüt,“ sprach die Gertrud, „Ihr wisset jo, was e reine Jungfrau für e bsunderi Kraft un Gwalt im Himmel un uf der Erd hat, un die Kraft muß in der Pfarrer übergoh, daderdurch, daß er drei Nächt in dem Bett schlofet; sunscht hilft die ganzi Sympathie nix. Un wie i scho gsait hab, in Euerm Fall ...“ „Ja,“ unterbrach die Pfarrköchin, „sell scho. Natürli könnt i des scho so einrichte ...“ Sie wand sich auf ihrem Stuhl, zupfte imaginäre Stäubchen von der Armstütze ihres Sessels; endlich fiel ihr ein triftiger Grund ein: „Aber denket au, die böse Müler! Wir Pfarrköchinnen könne nit vorsichtig genug sei. Wenn jemand davon erführ, der Herr in meim Zimmer sehe tät, mei Zimmer liegt nach der Straße zu. Nein, das geht nicht.“ Die Gertrud blätterte immer noch in ihrem Buch. „Ja, wie denket Ihr des sonscht zmache,“ meinte sie nun, „in änem fremde Hus, do wird’s halt schwer zmache si. Un des Mittel isch e so sicher. Do lies i grad e Bischpiel, wie si e Bürgermeischter in äre große Stadt grad uf Hände trage hänt, nachdem er die Sympathie angwendet hät, un vorher hen sie em d’Fenschter igschmisse.“ Fräulein Martha schlug auf die Lehne ihres Sessels: „So goht’s, so mache mer’s.“ Gertrud spitzte die Ohren. „Wissener,“ erklärte Fräulein Martha, „mei Bäsle, ’s Eva, siebzehn Jahr isch’s alt. I hab’s in d’Schtadt in d’Nähschul tue. Da leg i d’Hand ins Feuer, eine reine Jungfrau isch es noch. Scho als kleins Mädele hat sie für kei andere Mensche so viel übrig ghabt, wie für unsere Lehrer, vor eme Jahr scho hätet sie sich gern ghürotet, die zwei; deshalb hab i sie in d’Schtadt tue. Der Herr will’s nit ha, der Lehrer isch so e Liberaler; sonscht e ordentlicher Mensch. I hät’s dene zwei gunnt, daß sie e Pärle worde wäret. Wenn i der Eve schreib, sie dürf auf e paar Woche heimkomme, die isch selig. Un derno, wenn sie ä paar Tag da isch, dann kann ich ja in des Herrn Zimmer irgend eine Reparatur mache lasse, und ihn ins Ev sei Zimmer umquartiere, des geht scho.“ Die Gertrud hatte sich umgedreht und große Zufriedenheit strahlte aus ihrem Gesicht. „Nei, Fraile Martha, Ihr hän der Kopf am rechte Fleck, des isch gar ä gute Ifall. Natürli, ’s Ev. Aber hörener, im Ev si Kammere isch jo nur vom Garte us übers Trippel zugängli.“ „Ja,“ nickte Fräulein Martha erstaunt. „No müsset Ihr’s irgend dem Herr bibringe, daß er jo recht heimli in d’Kammere goht, ’s derf niemet sehe, ’s derf niemet dervu wisse. Soviel wissener jo au vu dene Sache. Bschraut mer si, no isch’s vorbi mit aller Kraft un allem Sege.“ „Jo, i muß halt dem Herrn sage, daß er wege de Leut vorsichtig sei soll; des mach i denn scho,“ beruhigte die Pfarrköchin. „Hejo,“ beschloß Gertrud, „mehr kann i nit dabei tue. Ihr müsset Spänli sammle und im Bäsle schribe, un derno sag i die Nächt, die mer wähle müsse. In vierzehn Täg hän mer Vollmond, derno isch die recht Zit. Aber redet nit drüber. Un wenn’s Gotts Wille isch, no goht alles guet us.“ Fräulein Martha hatte sich erhoben und schüttelte der Gertrud dankbar die Hand. „Vergelt’s Gott tusigmol, und an mir soll’s nit fehle. Ich bin nur froh, daß ich den Mut gefaßt hab, Euch meine Sorgen zu klage. Bei Euch findet man immer Hilfe.“ „Gern gschähe isch’s, gern,“ versicherte die Gertrud und begleitete ihren Besuch bis vors Häusle. Und dann sah sie der eilig Davoneilenden noch lange mit sehr vergnügtem Schmunzeln nach. „So, Herr Pfarrer, ne kleine Denkzettel krieget Ihr jetzt doch noch, oder i will nit d’Gertrude heißen. Aber dann isch Friede.“ Sie nickte sich selbst bestätigend eifrig mit dem Kopf, und ging ins Häusle zurück an ihre Arbeit.
Das Bäsle kam ins Dorf, und in dem Lehrer wachte die Hoffnung wieder auf, seine Ev doch noch zu erringen, und gar gefühlvoll spielte er die Orgel am Sonntag, so daß der Pfarrer ganz freundlich ihn grüßte nach dem Gottesdienst, denn schöne Musik liebte er auch. Der Vollmond kam, und Fräulein Martha hatte der Gertrud noch einen Besuch im Häusle gemacht. Und am Morgen nach der Vollmondnacht traf die Gertrud den Lehrer an der Kirchhofsmauer, sie kam scheinbar vom Wald zurück, sie hatte große Kräuterbündel im Arm. Der Lehrer wollte, noch bevor er in die Schule ging, den Pfarrgarten, der an den Kirchhof stieß, ein bißchen inspizieren, ob er keinen heimlichen Gruß von seiner Eva erhaschen könnte. Die beiden begrüßten sich, und die Gertrud knüpfte geschickt ein Gespräch an. Ganz gelegentlich kam dann die Frage: „Han se eigentli im Pfarrhus Herrebsuch?“ „Nit daß ich wüßte,“ meinte der Lehrer. „So, so,“ sagte die Gertrud, „i han geschtern Obig, ’s war scho arg schpot, han i e Mannsbild uf em Trippele gseh un in d’Fremdekammer ni goh.“ Der Lehrer lachte. „Aber Gertrud, ich glaub gar, Ihr seht Gspenster. ’s Ev ist doch da, die wohnt doch oberm Trippel.“ „So, so, ’s Ev,“ murmelte die Gertrud scheinbar mißtrauisch, „aber blind bin i nit,“ setzte sie trotzig zu. „Des war nit d’Ev, geschtern z’Nacht.“ Dann, als sie den Argwohn im Gesicht des Lehrers aufleuchten sah, sagte sie harmlos schelmisch: „Herr Lehrer, Herr Lehrer, so, ’s Ev wohnt da; no i will nix gseh habe.“
Und lächelnd und kopfschüttelnd ging sie eilig fort und ließ den armen Lehrer mit seiner Eifersucht stehen. Und es kam, wie sie erhofft hatte. Am Abend stand der Lehrer Schildwache, sie beobachtete ihn, gedeckt hinter einem Stein des Friedhofs. Bald darauf sah sie den Pfarrer schnell und scheu um die Ecke huschen und die kleine Treppe hinaufeilen. Erkennen konnte man ihn nicht; plötzlich war er aufgetaucht und schnell schon hinter der Tür verschwunden, und die Seite des Hauses lag im tiefen Schatten der großen alten Nußbäume. Dann sah Gertrud den Lehrer über die Mauer klettern und nach dem Trippel zueilen. Erst fürchtete sie, er würde Lärm schlagen, aber die Eifersucht machte den armen Kerl klug. Er duckte sich in den Schatten und setzte sich auf die Bank unter dem Trippel. Wieder hatte die Gertrud richtig gerechnet. Der Lehrer wollte den Eindringling abpassen, und der derbe Knotenstock, den er in der Hand hielt, der würde wohl dann mitsprechen. Die Gertrud beschloß auch zu warten. Ihr machte das gar nichts, eine kurze Sommernacht im Mondschein zu sitzen. Ihre Gedanken würden sie schon wachhalten, und dem Lehrer gönnte sie die Qual dieser Stunden, er hatte doch manchmal etwas hochmütig zu ihr gesprochen. Und der Mond ging langsam nach Westen und bald erhob sich ein leiser Wind, im Osten flammte lichte Röte auf, und der rosige Schein verschlang die bleiche Kugel im Westen, bis sie nur noch wie ein helles Wölkchen über dem Horizont stand. Da erklang auch schon die Betglocke im Kirchturm, und andächtig faltete Gertrud die Hände. Friede sollte heute werden zwischen ihr und dem Pfarrer, Friede in der ganzen Gemeinde. Sie wollte es ganz dem lieben Gott anheimstellen, ob der Lehrer den Pfarrer rechtzeitig erkennen würde, ober ob ein paar Hiebe noch erst den unschuldigen geistlichen Herrn treffen würden. Das stellte sie in Gottes Hand, ob er das Unrecht, das ihr, der Gertrud, geschehen war, noch strafen wollte, oder ob er dem Lehrer die Augen noch früh genug öffnen würde. Aber dann würde sie dazwischentreten und alles erklären und versöhnt fortan dem Pfarrer sein Recht einräumen im Dorf. Die Betglocke verklang, und gespannt richtete sich die Gertrud auf, nach dem Pfarrhaus zu sehen. Der Pfarrer mußte jetzt jeden Augenblick heraustreten, es wurde bald Zeit zur Frühmesse. Der Lehrer hatte sich ganz in die Ecke des Lattenwerks unter dem Holzgang gedrückt, kaum konnte sie ihn erkennen. Da knarrte oben die Tür, und eiligen Schrittes stieg der Pfarrer die Stufen herunter. Er war in Hemdsärmel und Hosen, die Soutane hatte er über dem Arm hängen. Gerade wollte er um die Ecke biegen, als er von hinten gefaßt wurde und eine von Erregung heisere Stimme aufbrüllte: „Hab ich dich, du Lump du!“ Und ein derber Hieb mit dem Knotenstock saß da auf dem breiten Rücken des Pfarrers. Der versuchte vergebens sich frei zu machen, sein unbekannter Gegner hielt ihn mit eiserner Faust im Genick fest. Bevor aber noch ein zweiter Hieb fiel, stand die Gertrud wie aus dem Boden gewachsen vor dem ergrimmten Lehrer: „Ums Jesu Wille, Herr Lehrer, was machet Sie au!“ schrie sie den Verblüfften an. „Was packet Sie de Herr Pfarrer, so kommet doch zu Euch.“ Der Lehrer war aber durch die Erklärung, wer der nächtliche Besucher im Zimmer seiner Ev sei, keineswegs beruhigt. Er ließ allerdings los und trat zurück, aber sein Gesicht sah finster genug aus. Der Pfarrer rieb sich ergrimmt die schmerzende Schulter und suchte nach Worten, seine Entrüstung zu äußern. Aber die Gertrud war schneller bei der Hand. „Ihr Hansnarr Ihr,“ sprudelte sie den Lehrer an, „schämet Euch au, von unserm Herrn Pfarrer so zdenke. Un au no mit der Ev, wo doch sei ... Ihr wisset jo. Un von der Ev, von Euerm Bräutle. — Ganget doch ufi ins Kämmerle, wenn Ihr mir nit glaube went, da isch die Ev nit. Wenn Ihr nit so hochnäsig wäret un au mit de Leut rede tätet, no wüßtet Ihr, wie mir alle im Dorf, daß im Pfarrer sim Zimmer sit zwi Täg der Schriner isch, die Diele sind ufgrisse, un so isch er usquartiert worde ins Bäsle sei Kammer. Un ’s Bäsle schloft bei der Fraili Martha. He, ’s isch nur au grad e Schickung, daß i vom Kräutersammle grad zrück kumme bi un Euer Schraue ghört hab, ’s het jo grad e Unglück passiere könne.“ Der Pfarrer schaute ziemlich verdutzt drein, er verstand von der Sache sehr wenig und der Lehrer wußte auch kaum, was nun tun. Da kam, von dem erregten Sprechen angelockt, Fräulein Martha und die Ev aus dem Haus heraus und sahen mit Staunen die drei Menschen da stehn. Dem Lehrer schwanden nun die letzten Zweifel, und verlegen und sehr herzlich bat er den beleidigten Pfarrherrn um Verzeihung ob des Überfalls. Die Gertrud erklärte mit ein paar rasch geflüsterten Worten dem Fräulein Martha soweit möglich den Vorfall und gab ihr noch ein paar weitere Verhaltungsmaßregeln. So ging denn Fräulein Martha und half die beiden versöhnen und äußerte zum Schluß: „Aber Herr Lehrer, ich hoffe doch, wir dürfen uns auf Ihre Diskretion verlassen, davon darf nichts in die Öffentlichkeit dringen.“ Und da die Gertrud Gelegenheit gehabt hatte, dem Lehrer auch zwei Worte ins Ohr zu flüstern, so verstand er auch, wie er die Lage zu seinem Vorteil wenden konnte. Er trat noch einmal zu dem Pfarrherrn vor und machte einen ehrerbietigen Kratzfuß: „Herr Pfarrer, Sie haben ’s Eve mir emal abgeschlagen, ich mein alls, wenn ich Ihr ... wenn Sie mir ’s Bäsle von der Fräulein Theres zur Frau geben würden, dann wäre diese ganze traurige Sache am besten begraben. Als Ihr ... als Mann vom Bäsle von der Fräulein Martha können Sie doch meiner ganz sicher sein, und meiner Treue und Ergebenheit.“ Die Fräulein Theres stupfte den Pfarrer in die Rippen, und der zögerte auch nur eine ganz kleine Weile, dann reichte er der Ev die Hand und zog sie zum Lehrer und legte die Hände der beiden ineinander. „Meinetwegen, meinen Segen habt ihr.“ Er rieb sich noch einmal die schmerzende Stelle und fügte dann hinzu: „Und wenn’s mal not tut, dann verteidigt mich auch so tapfer wie ihr ...“ Auf einen erneuten Rippenstoß von Fräulein Martha schluckte er den Satz hinunter. „’s isch höchste Zeit zur Frühmesse,“ schaltete Fräulein Martha eilig ein, „nachher sprechen wir weiter; der Herr Lehrer ist ja doch unser Gast beim Mittagessen, und ich mein, auch die Gertrud gehört heute dazu.“ Die Fräulein Martha wußte, was sich schickte. Mit einem Knicks bedankte sich die Gertrud, und „Vergelt’s Gott, und b’hüt’s Gott miteinander“ murmelte sie noch, und dann eilte sie ihrem Häuschen zu.
Am Abend war der Zulauf zu ihrer Bank besonders stark; denn die Ehre, die der Gertrud widerfahren war, hatte sich schnell herumgesprochen. In ihrem höchsten Staat war Gertrud um die Mittagszeit in den Pfarrhof gewandert und erst um zwei Uhr wieder fortgegangen, in heiterm Gespräch mit dem Herrn Lehrer, der dann hell lachend in das Schulhaus verschwand. Und nur am Abend erzählte die Gertrud von der Verlobung im Pfarrhaus, die nun kein Geheimnis mehr war. „Un wissener,“ schloß sie ihren Bericht, „unser Pfarrer isch recht, alles was recht isch, mer ka nit anders sage. Er isch in dere letzschte Zit e weng ufg’hetzt gsi vo dene ganz Schwarze in der Stadt un het nimme recht gwußt, wonaus und wonei. Aber mir hän üs usgschproche, un wie gsait, alles was recht isch, ’s isch e braver Herr. Un daß er ’s Ev em Lehrer gibt, der doch e Liberaler isch, do sehener doch, daß er e guts Herz hät un kei so stockvernagelte Schwarze isch, wie mer gmeint hät. Wie gsait, mir hen üs so recht usgsproche hüt, dodrum hät er mi emol im Pfarrhus ha wolle, daß mer so recht gmütli dischkuriere könne, un i kann nur sage: ’s isch e rechte, brave Herr. Jetz wo er wieder weiß, weller Weg er geh soll.“
Und die Rupertsweiler fügten sich ihrem Urteil, und bald genug hieß es einstimmig im Dorf: „Unser Pfarrer? Jo des isch e rechte, brave Herr.“
Ein verdienstliches Werk
„Gell Lenebas, du denksch au ans Mariele bei seinere erschte Kommunion? I kan em jo die fine Sache un alles nit anschaffe. Der Pfarrer hett mer vom Kommunikanten-Verein der Stoff zum Kleidli gä, un dem Lehrer si Frau ’s Betbuch und der Rosekranz, aber ’s ander alls fehlt no.“ Die alte Sailern war das Bitten und Betteln gewohnt, seit ihr Mann sie früh als Witwe in dem kleinen winkligen Häusle mit vier kleinen Kindern zurückgelassen hatte. Hier und da konnte sie in die nahe Stadt als Waschfrau gehen oder ein paar Eier den Stadtfrauen verkaufen, im Sommer brachten die Kinder Beeren aus dem Wald für den Markt; aber doch war Bargeld eine rare Sache, und wenn die Paten der vier Maidele nicht hier und da ausgeholfen hätten, wäre es wohl gar nicht gegangen, den kleinen eigenen Winkel zu behalten. Die Lenebas nickte auch freundlich zu der vorgetragenen Bitte: „He freili jo, wenn eins zum erschtemol zu unserem Herrgott geht, des isch e gar guet Werk, wenn mer doderzu hilft, dös tu i gern. Schick’s Mariele nur her, i gang so morn i d’Stadt, no kann’s am Obig sei Sach hole.“ Die Sailern empfahl sich mit vielen „Vergelt’s Gott tusigmol“ von der wohlhabenden Bas und ging ein paar Häuser weiter, dieselbe Bitte vortragen, und am Abend hatte sie so ziemlich die Runde bei allen reichern Bauernfrauen gemacht und war ihrer Sorgen wieder einmal ledig. Alle hatten gern versprochen, ihr Scherflein für die kleine Erstkommunikantin beizutragen. Am andern Abend schickt die Sailern denn auch das Mariele zur Bas: „Un vergiß au nit z’sage, daß de an dim Ehretag recht bette wilsch für deini Wohltäter.“ Und die Lenebas hatte auch richtig ein paar feine Knopfstiefel fürs Mariele gekauft, mit schönen Lackspitzen. ’s Mariele hätt vor lauter Freud über die „glänzige“ Stiefel fast sein Sprüchle vergessen „vom bette für seine Wohltäter“. Vergnügt zeigt’s die Stiefel, „schönere het’s Bürgermeisters Marie au keine g’hätt“, der Mutter, und die schickt’s gleich weiter zur Patin, zur Burgerbäckin: „Paß uf, die schenkt ders Kränzli und der Schleier und am End gar no d’Kerze.“ ’s Mariele geht den steilen Weg zu dem stattlichen Hof mit ungeduldigen Hopsern hinauf, und die Bäuerin winkt ihr vom Eckfenster schon zu mit freundlichem Lachen. „Grüß Gott, Mariele, jo du kumsch gerad zrecht, i ha der dei Sach scho gricht. Waisch, i tu’s gern, ’s isch gar e verdienschtlichs Werk“ ... und damit wickelte sie ein Paket auf, „wenn mer em Erstkommunikantli d’Stiefel schenkt, mit dene ’s zum erschtemol zum Tisch des Herrn geht.“ Dem Mariele kamen fast Tränen in die Augen, wie’s hörte, daß es schon wieder Stiefel bekommen sollte, aber als die Bäuerin ihr das Paar entgegenhob, verschlug’s ihr fast den Atem: weiße Lederstiefel! So fein war nur ’s Doktors Tochter zur ersten heiligen Kommunion gekommen vor drei Jahren. „Jo gell, do schaust,“ meinte die freundliche Patin, „i han mer’s ebbes koschte losse. Weisch, nochher kansch se schwarz mache — aber unser Herrgott wird’s mir anrechne, so ä arm Maideli muß doch au ämol im Läbe si Ehretag ha — bett halt schön für mi, wenn de unser Heiland zum erschtemol in dim reine Herzle häsch. ’s isch kei Gebet so kräftig, wie des von so enem unschuldige Erstkommunikantli.“ Die Sailern machte ein betroffenes Gesicht, als ’s Mariele strahlend zurückkam, aber die selige Freude ihres Kindes mochte sie doch nicht verderben, und so ging sie zur Lenebas und erzählte der von dem zweiten Paar Stiefel. Die erboste sich aber arg, nachdem sie die Sache begriffen: „Was! meini Stiefel sind der Rotznas jetzt nimi schön gnug, weil die hochnäsig Burgerbäckin dem Maidli der Kopf verdreht hätt mit wiße Stiefel! I loß mir vo dere nix wegnehme. Wenn mer d’Stiefel schenkt, mit dem eins zum erschtemol zur Kommunion geht, so rechnet des unser Herrgott eim ganz bsonders a, dös laß i mir nit nehme, und in meine Stiefel geht’s Mariele in d’Kirch, oder i will nix mehr von euch Bettelpack wisse — so, jetzt waisch’s.“ — Die Sailern wollt’s nicht verderben mit der sonst gutmütigen, kinderlosen Lenebas und ging auf ihre Seite über: „Jo i ha’s glei gsait, ’s isch verruckt, dem arme Maidli wißi Stiefel zgä, i gang jetzt zu ner, un ’s Mariele muß dine Schuh anziehe, un unser Herrgott soll’s der vergelte.“ Die Burgerbäckin nahm aber das Anliegen der Sailern, die Stiefel gegen irgend ein anderes nötiges Stück umzutauschen, erst recht ungnädig auf. „I ha’s gut gmeint, un dös isch jetzt mei Lohn, so geht’s uf dere Welt. — D’ Lenebas hätt gar kei Recht, d’Stiefel z’schenke, des kommt mir zua, i bin d’Patin, un unser Herrgott tät’s mir nit verzeihe, wenn i meim Patekind nit d’Stiefel zu seinere erschte heilige Kommunion schenke tät. Des laß i mir nit nehme, des ghört zu meine geischtliche Pflichte, un uf em Sterbbett tät i’s im Mariele nit verzeihe, wenn’s nit mit meine Stiefel ’s erschtmol zu unserm Herrgott geh tät.“ — Die Sailern nickte mit bekümmertem Herzen und stimmte der reichen Patin zu, gab ihr in allem recht und verschwand aus der Stube mit einem „Tusigmol vergelt’s Gott“. Und ’s Mariele bekam eine derbe Ohrfeige, als sie bei der Heimkunft der Mutter mit den weißen Stiefeln im Zimmer vorsichtig herumstolzierte. „Des mag unser Herrgott wisse, wie i aus dem Schlamassel rauskomme soll,“ meinte sie ernstlich besorgt zur ältesten Tochter, „i mein alls, i frag der Pfarrer drum.“ Zunächst schickte sie aber ’s Mariele zu den andern Wohltätern; der Schleier, die Kerze, ’s Kränzle, die Handschuh, Strümpfe und Wäsche mußten noch kommen. Wie’s mit den beiden feindlichen Stiefelspenderinnen werden sollte, das mußte der Herr Pfarrer und der Herrgott halt entscheiden. Als aber ’s Mariele vom dritten, vierten und fünften Bittgang auch je mit einem Paar Stiefel, verschieden nur an Güte und Feinheit zurückkam, mit der Versicherung von jeder Spenderin, daß „d’Stiefel, mit dem eins zum erstemal zum Tisch des Herrn geht, halt a ganz a besonderi Gnad vom Himmel der Spenderin in Aussicht stellen“, da jammerte sie mit dem Mariele um die Wette, und es war kein „Vergelt’s Gott tusigmol“, was sie an dem Abend für die „Wohltäter“ gen Himmel aufschickte. Der Pfarrer, dem sie am Morgen ihr Leid klagte, machte ihr wohl den Vorschlag, die Stiefelpaare dem Verein zur Ausstattung von Erstkommunikanten zu geben und dagegen die andern Gebrauchsstücke einzutauschen; damit war allerdings ’s Mariele angezogen aber der Zorn der Wohltäterinnen nicht abgewendet. Der kleinen buckligen Schneiderlene klagte sie schließlich ihre Not, und die wußte in ihrem hellen Kopf einen Rat: „Wissener, i mach ’s Kleid vom Mariele so lang, daß mer d’Stiefel gar nit sieht — in der Stadt hän sie jetzt au immer d’Kleider vorne und hinte so lang, daß mer druftritt“, und sie zeigte der ungläubigen Sailern ein farbiges Modebild, wo wirklich das Kleid ringsum zehn Zentimeter auf dem Boden lag — „ganz so lang nit“, beruhigte sie die Mutter, die zweifelte, ob ihr „gaschpliges Mariele“ drin würde gehen können, „aber a so, daß mer halt d’Stiefel nit sehne kann.“ Die Sailern wollte sich schon beruhigen, als ihr einfiel: „Jo, aber die wiße Schuh von der Burgerbäcki.“ Aber auch dafür wußte die Lene Rat. „Jetzt gangsch no amol zur Burgerbäcki und saisch zu nere: du tätsch natürli im Mariele ihre Schuh lo, aber der Pfarrer hätt’s verbote im Mariele, ’s derf nit in wiße Schuh komme, von wege weil das Neid bi de andere un Hoffart bim Mariele erwecke könnt. Du müscht se gli anschwärze und sie soll der’s doch jo nit verüble und em Mariele nix davu sage, dem tät’s so scho schier’s Herz abdrücke, daß es sie nit wiß anziehe könnt. Aber der Verdienst von seinere liebe Patin vor unserem Herrgott, der blibt si jo glich.“ Und so geschah’s, und ’s Mariele ging in einem so langen „vürnehme“ Kleid zur Kirche, daß es die Treppe hinaufstolperte, und die verschiedenen Wohltäterinnen verlangten alle vom lieben Gott ihre Extrabelohnung, weil sie so schön fürs Mariele gesorgt hatten und die Stiefel geschenkt hatten, mit denen ’s zum erstenmal zur heiligen Kommunion gegangen war.
Die Lenebas
Die Lenebas war nicht immer die bestgeachtetste Frau im Dorf Rupertsweiler gewesen. Lange hatte man ihr sehr verdacht, daß sie es durchsetzte, ihren Hof ganz ohne Knecht besorgen zu wollen. Ein Abweichen von der Regel liebt man auf dem Dorf gar nicht, und auf ein Gut von der Größe des der Lenebas gehört ein Großknecht. Und selbst, daß sie bald Preise heimbrachte von den Geflügelausstellungen, und daß das Gespinst von ihr und ihren Mägden auf der Großherzoglichen Landesausstellung den ersten Preis errang und sie von der Großherzogin die Brosche erhielt, die für fleißige Spinnerinnen von der hohen Frau gestiftet worden war, das alles half ihr im Dörflein Rupertsweiler nichts, man zuckte die Achseln über sie und meinte: „So e einschpännigs Frauezimmer isch halt gschupft, un ’s wird schon noch e bös End nähme.“ Erst als die Großherzogin bei einer Besichtigung des neuen Waisenhauses, das in dem ehemaligen Kloster eingerichtet worden war, auch einen Besuch bei der Lenebas machte und fast eine halbe Stunde lang deren Geflügelhof besichtigte und sogar ein „Strüweli“ annahm und am Kaffee, den die Lene ihr anbot, nippte, da schlug die Stimmung um, und die Bauern rückten die Zipfelmütze, wenn sie an der Lenebas vorbeikamen, fast wie beim Pfarrer, und sagten hinter ihr drein: „Die Lenebas, die schafft wie zwei Mannsbilder, dös isch e tüchtigs Frauezimmer.“ Und von da an kamen sie Rat holen zur Lenebas; eine Frau, von der sogar die Großherzogin sich hatte zeigen lassen, wie man die Ställe und Nester für Hühner und Enten einrichtet, die mußte schon über alles Bescheid wissen. Aber einmal hätte sie doch fast wieder ihren ganzen Einfluß verloren, und wochenlang tobte der Kampf im Dörfchen zwischen den Verteidigern, die sehr in der Minderzahl waren, und den Anklägern der Lenebas, und es gab erhitzte Köpfe. Nur grad die Lenebas selber blieb ruhig und ging ihren Weg weiter und schien es gar nicht zu merken, daß sie die meistbeschimpfte Person im ganzen Dörflein war. Die Lenebas hatte nämlich den Pfarrer zu ihrem Hause hinausgewiesen, richtig hinausgewiesen, wie einen lästigen, gefährlichen Strolch. Die Großmagd erzählte es immer wieder im Dorf: „Dagschtande isch se, wie der heilig Erzengel Gabriel, mir hän uns grad gfürchtet, un zum Pfarrer hät sie gsait: ‚Ganget usi, uf der Schtell ganget er, oder bigelt, i nimm e Schtecke und trieb euch usi‘.“ Und die Großmagd und die Zuhörer bekreuzigten sich jedesmal, wenn sie in der Erzählung wieder an diesem Höhepunkt angelangt waren. Die Mägde hatten ernstlich unter sich beraten, ob sie nicht allesamt der Lenebas kündigen wollten; denn das Strafgericht Gottes mußte ja das Haus treffen, wo so was geschah, und da wären sie unschuldig mitgehangen. Aber der Erdboden verschlang das Haus merkwürdigerweise nicht, auch kam kein Hagelwetter und zerstörte alle Ernte, nicht einmal unter dem Federvieh brach eine Seuche aus; die legten ihre Eier, als wäre nichts geschehen. Die Großmagd prophezeite zwar, es würden Basilisken aus den Eiern ausschlüpfen, die die Hennen grade bebrüteten — solche Gottesgerichte standen in ihrem Gebetbuch viele angezeichnet — aber es kamen gesunde und lustige Kücken und Entlein heraus wie immer, und da legte sich allmählich die Unruhe der Mägde, und an deren Stelle kam ein gewisser Stolz, auf einem Hof zu dienen, wo so eine Frau Bäuerin war, die nicht nur die Großherzogin zu Kaffee und Sträuble bei sich sah, sondern sogar den Herrn Pfarrer ungestraft aus dem Haus jagen durfte. Und gut war die Stelle, und gut war die Lenebas immer gewesen, die Mägde hingen eigentlich alle an ihr und standen denn auch bald tapfer auf ihrer Seite, wenn jemand wagte, in ihrer Gegenwart ihre Bäuerin anzugreifen. Und nach und nach wurde die Auffassung der Mägde vom ganzen Dorf angenommen, und man war jetzt doppelt stolz auf das „Dunderswib“, die Lenebas.