Sonst wollt’ sie nur den Grabstein haben.

Gott möge ihre Seele laben.

Amen.

[1] Im Schwarzwald übernimmt der Jüngste den Hof.

Das Gespenst

Beim Walzenbauer geisterte es; die Knechte und Mägde des Hofes flüsterten es sich untereinander zu und erzählten es, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, bald da bald dort einem Knecht oder einer Dirn vom Nachbarhof. Der Bauer und die Bäuerin wußten es auch, das hatten die „Völker“ schon gemerkt; aber es war nicht gut Kirschenessen mit dem Walzenbauer, und so hüteten sich die Leute wohl, laut darüber zu sprechen. Und gar so fromm war der Bauer und die Bäuerin, und der Pfarrer kam jedes Jahr in der Dreikönigswoche und segnete Haus und Stall und Hof und zeichnete die drei Buchstaben C † M † B † über Haus- und Stalltür. Und im Herrgottswinkel steckten hinter dem Kruzifix die geweihten Palmbuschen vom Palmsonntag, und in der Schlafstube stand riesengroß die Statue vom heiligen Joseph, dem Namenspatron des Walzenbauern. Und doch — gerade in der Schlafstube hatte das Gespenst zuerst sich gezeigt, wie die Mägde sich zu erzählen wußten, und von der Schlafstube aus kam’s immer, wenn sich’s bald da bald dort im Haus verzeigte. Der Bauer war sichtlich gedrückt von dieser Gespenstergeschichte; sein Hof war immer ein Musterhof gewesen, und wie’s seine Großeltern auf dem Hof gehalten hatten, so ward’s jetzt gehalten, und seine Großeltern und seine Eltern waren brave, fromme Leute gewesen und hatten sich nichts zuschulden kommen lassen in ihrem Leben; die brauchten nicht als friedlose Seel’ jetzt in ihrem Hof herumzugeistern, und wenn’s eine fremde Seel’ war, die hatt’ erst recht nichts auf dem ehrbaren Hof zu suchen. Und der liebe Gott meinte es nach des Bauern geheimster Herzensmeinung überhaupt nicht gut mit ihm, der doch rechtschaffen lebte und niemand ein Unrecht tat.

Seine Frau hatte ihm statt des Stammhalters, der mal den schönen Besitz hätte übernehmen können, eine einzige Tochter geboren.

Wie oft hatte er’s dem Pfarrer vorgeklagt: „No ja, klage kunt i nit, recht wär sie, die Resi, schaffig un immer lustig un zum Anschauen wär sie au nit übel, i wüßt im Dorf kei schöneres un kei braveres Maidle z’nenne, wenn i eini hätt’ nennen sollen, als ’s Resi, des müssener selber sage, Herr Pfarrer, daß dös so isch. Aber a Stammhalter isch’s halt doch nit, un des war nit recht vom liebe Gott, Gott verzeih mer d’ Sünd. Un gar jetzt, wo des Resi en riche Buresohn hirate sollt, jetzt hat sie sich der Waltertoni in de Kopf g’setzt, der Großknecht, he jo, alles was recht isch, schaffig isch er un a brave Bua. Aber gleich g’hört zu gleich, Herr Pfarrer, un der Waltertoni isch a Häuslerbua, un des paßt mer nit für’s Walzebauereresi.“ Oft schon hatte der Pfarrer gut zugeredet, der hätte dem Resi und dem Toni gern geholfen, aber der Bauer blieb hartnäckig bei seinem „Gleich g’hört zu gleich“. — Und als die Resi immer hartnäckiger auf ihrem Willen bestand, da hatte der Walzenbauer zwar nicht den Großknecht fortgeschickt, der war nicht so bald zu ersetzen, denn er schaffte für drei jetzt in der Erntezeit; aber ’s Resi hatte er hergenommen und es mit allen Strafen des Himmels und der Erde bedroht, wenn er sie noch einmal ein Wort mit dem Toni sprechen sehen würde.

Und ’s Resi durfte nimmer mit der Großmagd zusammen schlafen in den Mädlekammern, das kleine Kämmerle hinter der ehelichen Schlafstube wurde der Resi eingeräumt, mit dem einzigen Ausgang durch die Schlafstube der Eltern, und das Fenster nagelte der Bauer eigenhändig zu, nicht das kleinste Schieberchen ließ er offen. Ein paar Tag lang lief ’s Resi mit verschwollenen Augen herum, aber dann warf’s wieder den Kopf in die Höh wie in guten Tagen und sang im Haus herum, so lustig wie immer. Und gerad da, wie im Hof scheinbar aller Unfriede wieder aufgehört hatte und der Bauer stillvergnügt sich die Hände rieb und zu seiner Frau sagte: „Siehsch Annelies, mer muß dem Maidle nur zurede, no läßt’s die Narreposse scho si“, gerade in den Tagen fing die Gespenstergeschichte an. Und die Bäuerin hatte bald Grund über ihr Resi den Kopf zu schütteln, ihr schien immer mehr, als wär’s mit der Heiterkeit der Resi nit gar weit her. Als der Bauer wieder einmal sein diplomatisches Talent gar sehr rühmte, meinte sie: „I weiß it, au gar so schreckhaft isch des Maidli, heut hän i mit em de Rosekranz bettet un beim letzschte G’setzli han i noch a Bittgebet ag’hängt, daß uns au der heilig Joseph behüte un bewahre soll vor dem G’schpensterwese, do hatt’s z’hüle ag’fange, so daß es gar nit hät mit bette könne, grad der Bock hät’s g’stoße. Mir g’fallt ’s Maidle nit,“ schloß die Bäuerin bedächtig. Aber der Bauer wollte nichts davon wissen; „warum soll’s nit hüle,“ meinte er brummig, „’s isch au grad a Schand für unsere Hof, ’s hät ganz recht, des Maidle, wenn’s braiget, un bigoscht, i hann’s au satt, un wenn der heilig Joseph uns nit besser b’schütze ka, Gott verzeih mer d’Sünd, no kann er mer g’schtohle werre,“ setzte er in vollem Zorn hinzu. Die Bäuerin bekreuzigte sich voller Entsetzen. „Jesus, Maria und Joseph, Gott verzeih der d’Sünd. Dei heiliger Namenspatron! Bauer, so b’sinn di doch au!“

Aber der Bauer blieb verstockt und sein Entschluß, im Zorn gefaßt, sollte nun durchgeführt werden, die Geisterei duldete er nicht mehr auf seinem ehrbaren Hof. Am nächsten Samstag war Sichelhenke, dann war Zeit, er würde den Pfarrer bitten, am darauffolgenden Montag das Haus auszuweihen und dem Spuk durch den Segen der Kirche ein Ende zu machen. Und Samstag in aller Früh fuhr er in seinem Bennewägele nach der nahen Stadt, und das riesengroße Paket, das er auf dem Sitz neben sich mit zurückbrachte, das ließ er, ohne auf die Neugier seiner Frau zu achten, unausgepackt ins Schlafzimmer tragen. Der Pfarrer mochte dem angesehenen Bauern seine Bitte, das Haus neu auszuweihen und den Geisterspuk zu vertreiben, nicht abschlagen. Am Sonntag früh ging der Bauer und seine Frau zur Beicht und Kommunion. Einen Strich durch seine Rechnung machte das Resi dem Bauern, die konnte vor argen Halsschmerzen nicht mit zur Kirche, sie war so heiser, daß sie kein Wort hervorbringen konnte. Aber der liebe Gott würde schon mit dem guten Willen zufrieden sein, er und sein Haus wollten bereit sein, daß die Segnungen der Kirche am Montag auch Kraft hätten. Am Sonntag abend nach dem gemeinsamen Abendgebet verkündete der Bauer seiner Frau und Tochter und dem Gesinde: „Morge glei nach ’em Nüniesse kommener alli do in die Stube, mit änem subere Häs, i wer euch dann was verkündige. Un jetzt gut Nacht mitenander.“ Das Gesinde verteilte sich in die Kammern und wunderte sich, was wohl morgen „verkündigt“ werden würde. Frau und Tochter bestürmten den Bauern um Auskunft. Der wehrte aber mit einem ruhigen „I gang jetzt schlofe, bhüt Gott Resi“ alle Fragen ab, und Resi mußte in ihr Kämmerle schlüpfen. Im Ehebett mußte der Bauer seiner Frau wohl Rede stehen; denn einmal hörte die Resi einen Ausruf der Mutter, der fast nach Schreck klang, aber mehr konnte sie, so nah sie auch ihr Ohr an die solide Holztür anlegte, nicht hören. Und der Morgen kam heran, und die Arbeit auf dem Hof wollte heute keinem recht von der Hand gehen; wo zwei zusammenstießen, tauschten sie immer wieder ihre Meinung aus, was wohl geschehen würde. Aber endlich kam die neunte Stunde, das Nüni wurde schnell verschluckt, alle vertauschten den Arbeitsanzug mit dem Sonntagsgewand, und verlegen, oder, je nach Gemütsart, mit geheucheltem Gleichmut trat Gesinde und Frau und Tochter in die Stube zum Bauern, der im Herrgottswinkel saß, auch in seinem Kirchenrock.