‚Karli, fehlt der was?‘ hän i’n gfragt. ‚Nit, daß i wüßt,‘ sait er, ‚i ha nur kei Lust ghet i’s Wirtshus z’go,‘ sait er, ‚’s isch so friedli do z’hocke am Suntig Obig.‘ ‚O du gütiger, du süßer hl. Aloysius,‘ han i denkt, ‚dös isch dei mächtige Fürsprach, un glei morn fang i d’Andacht a.‘ Un so han i’s ghalte, un d’Kerz han i an sei Altar gschtiftet, er hät lang kei so große meh ghätt.
Un daß i’s kurz mach, a ganze Monet lang isch der Karli i kei Wirtshus meh ganga, un gschafft hät er im Hof mit de Fässer, daß es a wahri Freud war, un gsunge dabi luschtige Schelmeliedle, un i han nit gwußt, was i dem hl. Aloysius antua soll vor Freuda — jo un dann hätt der Karli au agfange lieb z’tua un mir z’schmeichle, wia i de erschte Woche, wie mer ghirot kha hän, un i ha mi grad gschämt, un Geld hät er mer gä — — do bin i in d’Stadt glaufe i meinere Freud un han dem hl. Aloysius a schön’s silberig’s Herz kauft, des gschenkt Geld vom Karli un mei ganz Gschparts han i hergä derfür — ’s wär nit nötig gsi — i ha’s erscht globet kha, wenn der Karli ganz gbessert gwese gsi wär, un i hätt guat no a Monet oder zwo zuwarte könne — aber i han mi halt so gfreut über die wirksam Fürsprach, jo und wian’i z’Hus komma bin, i bin schneller gsi als suscht, weil i au gar so a lichts Herz kha ha — do han i d’Bscherig gsehe.
Jetzt han i gwüßt, warum der Karli so gern ‚friedli‘ vor dere Hustür ghockt hät un nimmi ins Wirtshus hät wölle. Über der Zaun über hät er mit der nia Magd von’s Vogte scharmuziert, un i han wohl gsähe, daß dös nit zum erschtemal gsi isch, un von wege seim schlechte Gwisse isch er a so duckmäuserig gsi un hät mer flattieret, daß i nix merke soll. Z’erscht isch mir d’Wut über den Duckmäuser ko, ’vor er nur gwußt hät, daß i nen gsehne ha, han i em eis übergwischt, wo’n er dra denke wird, un d’Meinig han i em au gsagt, ihm un dem schlechte Mensch — die were nimmi viel Freud mitenander ha. Der Karli isch in seim Zorn natürli glei ins Wirtshus gloffe, un so bsoffe wia in dera Nacht isch er scho lang nimme gsi, un so goht’s jetzt widersch, ’s isch schier nimma mit em us’ko. — Jo seh’n er, sither han i grad a Zorn, wenn i a der hl. Aloysius denk — Gott verzeih mer d’Sünd, si nitägig Andacht un die großmächtig Kerz hät er gha, un’s silberig Herz han i em kauft, Gottlob han i’s no nit an der Altar ghängt — un ä so bhütet er mer mei Mann. So hän mer nit gwettet — zrucknehme kann i em d’Kerz un d’Andacht nimmi — aber in mei Hus kommt er mer nimme — sell weiß i.“ Zornig schlug sie den letzten Zweig auf das Brett fest und wischte sich dann energisch die Hände an der guten Schürze ab — die Pfarrers-Theres hatte sich auch erhoben und meinte bedächtig: „Hütet Euch der Sünd, Küfern, i mein alls, so derfet Er do nit spreche, — aber i ha mer’s durch de Kopf go lasse, i han no a Tafla vo der hl. Elisabeth, die hät au a Huskrüz ghätt mit ihrem zornmütige Ma, wänn Er die ha? Und wenn Er die vielleicht aruft — vielleicht hilft die ehnder no, die kennt si eher us mit so na Sache.“ Die Küfern zog erfreut mit ihrer Tafel ab, und als am andern Morgen die Prozession an ihrem Haus vorüberzog, nickte sie der hl. Elisabeth verständnisvoll zu: „Gelt, du hütsch mer mei Hus besser, ’s isch gfehlt, wenn mer sich uf d’Mannsbilder verlaßt, die halte alli zsamme, wenn’s gege us Wiber goht.“
Die Alt-Pfarrköchin
„Fräulein Elisabeth“ und die Lene hausten jetzt schon bald zwei Jahre zusammen im kleinsten Häuschen des Dörfchens, das zum Ausgeding der Lene gehörte. Beide waren aus dem Dorf Rupertsweiler gebürtig, beide hatten in einem Pfarrhof gedient. Die Lene als Magd, nur eigentlich mehr für den Viehstall angestellt, auswärts, draußen in der Ebene.
Fräulein Elisabeth war Pfarrköchin beim Vorgänger des jetzigen Dorfpfarrers bis zu dessen Tod.
Arm war die Pfarre gewesen, in der der Herr der Lene amtiert hatte, ihr Lohn war gering, und nach dem Tod des Geistlichen erhielt sie eine Rente von monatlich 15 Mark. Damit zog sie sich, 60 Jahre alt, in das Häuschen zurück, das ihr bei der Erbteilung der Geschwister als Ausgeding zugefallen war. Besser war’s ihrer Freundin Elisabeth gegangen.
Die Pfarre war aus Klosterzeiten noch reich dotiert, und als bald nach der Rückkunft der Lene auch der Dorfpfarrer starb, konnte Fräulein Elisabeth, so wurde sie in ihrer Würde als Pfarrköchin allgemein von den Dörflern angeredet, auf ein sorgenloses Alter rechnen; sie hatte nahe an 100 Mark im Monat zu verzehren. Sie zog zur Lene ins Häuschen, und da sie die Rüstigere war, mit ihren 52 Jahren, gesund und frisch, besorgte sie auch das kleine Gärtchen, worin wuchs, was sie zum Lebensunterhalt brauchten. Und sie behielt die Kirchenwäsche auch unter dem Nachfolger ihres Herrn in ihrer Pflege, das gab ihr außer der Ehre auch noch ein ganz nettes Sümmchen im Monat. Die neue Pfarrköchin konnte überhaupt gegen die „Fräulein Elisabeth“ nicht aufkommen. Das Zieren der Altäre an den Festtagen, keine verstand so wie sie immer neue künstliche Blumenformen zu erfinden aus Wachs und Stoff, die Ausschmückung der Straßen und Brunnen bei den öffentlichen Prozessionen, alles gedieh nur unter ihrer Oberaufsicht, davon war Fräulein Elisabeth überzeugt, und der Pfarrer und die Dörfler fügten sich der Ansicht. Und der alte Meßner, der eigentlich lieber seinem Schneiderhandwerk nachging, war erst recht damit einverstanden, daß ihm nur die Dienste blieben, die eben von Frauen nicht versehen werden durften. Nur die neue Pfarrköchin wollte nicht in die Lage der Dinge sich fügen, bis jetzt stand sie aber allein mit ihrer Meinung, und was sie auch nur vorgeschlagen hatte, war immer zum Übel ausgefallen. Einmal hatte sie’s durchgesetzt, daß zur Auferstehungsfeier Öllämpchen aufgestellt worden waren ums heilige Grab herum, statt der Wachskerzchen, die Fräulein Elisabeth immer angebracht hatte. Bevor aber die Prozession am heiligen Grabe angekommen war, fingen die Lämpchen an fürchterlich zu prusten und zu spritzen, und die Flämmchen erloschen jämmerlich im Wasser. „Ja die Fräulein Martha kennt eben unsere Verhältnisse noch nicht,“ meinte mit betrübtem Kopfschütteln Fräulein Elisabeth, die mit den Dörflern gern hochdeutsch sprach, „die hat halt denkt, es geht so geschwind, wie in der Stadt, und da hat sie halt mit dem Öl sparen wollen, sie isch überhaupt arg tüchtig und sparsam.“ Die Fräulein Martha schwor hoch und teuer, daß sie genug Öl eingefüllt habe, um die ganze Nacht zu reichen; gegen die Tatsache, daß die Lämpchen ausgegangen waren, konnte sie nicht ankämpfen, und die Dörfler spotteten und schimpften, und der Fräulein Martha Behauptung, daß Fräulein Elisabeth Wasser nachgegossen habe, heimlich, wurde von den wenigsten geglaubt. Und als nun gar am Fronleichnamstag die Stufe des Altars am Pfarrhaus, den die Neue allein hergerichtet hatte, unter dem Pfarrer einbrach, als er die Monstranz aufstellen wollte, da wurde sie selber verzagt und tat lange Zeit nichts mehr ohne den Rat ihrer erfahrenen Vorgängerin. Und so hätte die Fräulein Elisabeth ganz glücklich leben können als Alt-Pfarrköchin, wenn sie nur mit der Lene besser ausgekommen wäre. Sie war doch eigentlich aus „purer Gutmütigkeit“ in das kleine Häuschen zur Lene gezogen, weil „der arme Tschole“ sonst so ganz verlassen gewesen wäre; mit den paar Pfennigen hätte sie ja doch nicht leben können, nur durch ihren Beitrag zum Haushalt ging die Sache einigermaßen, und sie besorgte doch den Garten — die Setzlinge bekam sie überall her geschenkt — so hatten sie Gemüse in Hülle und Fülle. Aber die Lene wollte auch wieder nicht recht einsehen, daß es ohne Fräulein Elisabeth nicht gegangen wäre, sondern tat ganz so, als wäre die Fräulein Elisabeth nicht die „Öberschte“ des Dörfchens, gleich nach dem geistlichen Herrn. „Du bisch doch lang gnua Pfarrköchin gsi, i mein alls, du könnsch jetz au der Fräuli Martha Platz gä,“ wiederholte sie immer wieder, wenn sie hörte, wie Fräulein Elisabeth mit dem Meßner beratschlagte über die „äußeren Kirchenangelegenheiten“. „Was hätsch au du gsait, wenn di Vorgängeri grad so gsi wär un di nit dra glosse hätt,“ fragte sie ärgerlich. Aber Fräulein Elisabeth fuhr auf und meinte in ihrer explosiven Art: „I tua’s doch zur größeren Ehre Gottes, weil d’Fräulein Martha ja alles hintere für macht, meinsch denn i hätt nit gern mi Ruah! I han lang gnua gschafft, i tät gern usruha, aber sie verschtoht jo nint, wenn i’s nit mach, glingt jo nix wie’s si soll, denk doch nur an die Blamage mit de Öllämpli. I müßt mi ja vor unserem Herrgott und de liebe Heilige schämme.“ — Und es schlug dem Faß den Boden aus, als die Lene nach einer solchen Rede einmal zur Antwort brummte: „I mein alls, dini Kerzli hätte au nit brennt, wenn mer sie vorher ins Wasser tunkt hätt.“ Danach sprachen die Beiden überhaupt nicht mehr miteinander, außer wenn Besuch da war, denn nach außen ließen sie sich nichts merken, das waren sie ihrer Stellung schuldig. Nur ein Gemeinsames gab’s noch, das sie immer wieder zusammenführte: ihre Furcht vor Gewittern. Die Lene fürchtete sich einfach, schlicht und recht wie ein frommes Kind, sie zündete ihre geweihte Wachskerze an bei jedem Gewitter, schloß Tür und Läden und betete den Rosenkranz. Fräulein Elisabeth war aber zu ihrem Unglück gebildet. Sie hatte einmal eine Abhandlung über Gewitter gelesen, und da war ihr hängen geblieben, daß „ein Gewitter am liebsten in einen feindlichen Pol schlägt“. Und in der populären Abhandlung war das so schön verdeutlicht worden, daß Fräulein Elisabeth ganz genau wußte: „Feindschaft zieht Gewitter an“. Und da das mit dem, was ihr ihr Gewissen sagte, vom Zorn Gottes gegen Menschen, die in Feindschaft leben, so gar genau übereinstimmte, vermehrte ihr „Wissen“ nur noch ihre Angst. Wenn Gewitterwolken aufstiegen, wurde die kleine lebhafte Person noch unruhiger und fahriger als sonst und hantierte mit fieberhaftem Fleiß im Haus herum. Beim ersten Donner zieht sie sich aber in ihr Schlafzimmer zurück, zündet auch die geweihte Wachskerze an und holt den Rosenkranz aus der Tasche; aber lang hält sie’s nicht allein im Zimmer aus. Sie klopft an das Schlafkämmerchen der Lene und tritt zögernd auf das „Herein“ mit ihrer Wachskerze über die Schwelle. „Lene, hänn Ihr was gege mi uf em Herze?“ ist ihre erste Frage. Die Lene läßt sich im Beten nicht stören, sie schüttelt nur mit dem Kopfe. „I mein alls, mer wänn zsamme bete,“ sagt Fräulein Elisabeth. Die Lene betet ruhig weiter. Beim Absatz angelangt, sagt sie: „Stoh it so an der Türe, hock di abi.“ Fräulein Elisabeth setzt sich dicht neben die Lene auf die schmale Ofenbank im Zimmerwinkel. „I bin am zweite Gsätzli vum Schmerzhafte,“ sagt sie dann auffordernd. Trocken erwidert die Lene: „Wenn de mit bette willsch, i bi am vierte vum Trostreiche.“ Fräulein Elisabeth gibt es einen Ruck, aber ein neuer Donner macht sie gefügig, und sie spricht das Gesetzle mit der Lene weiter. Der erste Rosenkranz ist zu Ende, aber das Gewitter dauert fort. „Waisch Lene, wenn i alls so a weng heftig bin, i mein’s nie nit bös; gell mer wänn üs vertrage wieder,“ fängt Fräulein Elisabeth nochmal an auf die Lene einzureden. Die nickt und meint: „I ha nix gegen di, ’s isch mer recht, wem mer üs vertrage.“ Mit erleichtertem Herzen fängt Fräulein Elisabeth nun den Schmerzhaften an, und die Lene gibt die Antwort. Und so beten sie in schöner Eintracht weiter, bis das Gewitter ausgetobt hat oder fortgezogen ist, und zwei, drei Tage lang herrscht dann noch im kleinen Häuschen Friede und Verträglichkeit.
Gewöhnlich ist der Meßner der Störenfried. Ist’s alte Gewohnheit oder Freigebigkeit von Fräulein Elisabeth, oder traut er wirklich der neuen Pfarrköchin keinen Sinn für Kirchenangelegenheiten zu, er kommt nach wie vor mit seinen Anliegen zu Fräulein Elisabeth. Trifft er zufällig die Lene allein in dem Häuschen an, so schickt ihn die gewöhnlich fort mit einem: „Gehnt doch zur Fräuli Martha, die verschtoht des grad so guat.“ Erfährt das Fräulein Elisabeth, so droht sie der armen Lene mit allen Strafen der Hölle. „Du waisch, was des für a Sünd isch, wenn mer jemand verhindert, a guts Werk z’tu. Wenn i unserm Herrgott z’Ehre mich abschaff, wo doch suscht er grad in Unehre kumme tät, mit dere ungeschickte Trine, i wüßt nit, was für a Straf groß gnug wär für die, die des verdienschtlich Werk hindere wolle.“ Aber die Lene blieb verstockt: „Blos nit, was di nit brennt, hätt mer mei Mutter immer gsait un wenn’s d’Fraile Martha nit recht macht, muß sie des mit unserem Herrgott ausmache, aber di Sach isch des jetzt amol nimmi, un doderbi blieb i.“ Das war Anfang und Ende ihrer Rede, und Fräulein Elisabeth gab es auf, sie zu bekehren.
Nun nahte aber dem kleinen Dörfchen ein Ereignis: zum erstenmal wieder seit 18 Jahren sollte eine Primiz gefeiert werden. Ein Rupertsweiler Kind war zum Priester geweiht worden und wollte seine erste heilige Messe in der Kirche seiner Heimat feiern. Er war der Sohn vermöglicher Bauern, und so freute sich das ganze Dorf, galt es doch nicht nur den geistlichen Segen, den die erste heilige Messe eines Neupriesters allen Anwesenden und dem ganzen Dorfe bringt; man wußte, daß auch die irdische Freude zu ihrem Recht kommen würde. Festessen, Ständchen und was noch alles stand zu erwarten. Fräulein Elisabeth triumphierte. Die letzte heilige Primiz war unter ihrer Leitung glänzend verlaufen, und ohne sie würde es auch diesmal einfach nicht zu machen sein. Fräulein Martha hatte sie auch wirklich um Rat gefragt wegen der „geistlichen Braut“ des Neupriesters, und von da an schlug Fräulein Elisabeth ihr Hauptquartier im Pfarrhof auf und herrschte und regierte wie zu ihrer Glanzzeit. Die Länge und Anzahl der Kranzgewinde, die Breite und Höhe der Triumphbogen, durch die der Neupriester vom Elternhause nach der Kirche schreiten sollte, die Inschriften aus der Bibel in der Kirche und an den Bögen, die wählte sie mit besonders feinen persönlichen Anspielungen, alles bestimmte sie, die Musikstücke auf dem Zug zur Kirche und beim Ständchen sogar diktierte sie dem Leiter der Dorfkapelle. Das Kissen, auf dem die geistliche Braut des Neupriesters den Myrtenkranz tragen sollte, nähte Fräulein Elisabeth aus weißem Atlas mit schönen Spitzen, und das Kränzchen besorgte sie in der nahen Stadt, und der geistlichen Braut, einem zehnjährigen Mädele, zeigte sie mit unermüdlicher Geduld, wie sie in ihrem weißen Kleidchen vor dem Priester herschreiten sollte, wie sie das Kissen mit dem Kränzchen tragen sollte, das ja nicht herunterfallen dürfte: „Das wär a gar a böses Zeichen für die Reinheit vom hochwürdige Herr Neupriester, aber dodervon verstehst du nix“; und wie und wo sie während der Feier am Altar stehen mußte. Nur über das Zieren des Altars, an dem der Neupriester zelebrieren sollte, brach eine Meinungsverschiedenheit aus. Im Pfarrgarten blühten Hunderte von prächtigen weißen Lilien, und Fräulein Martha, die ein poetisches Gemüt war, meinte, einen schöneren Schmuck als Lilien, das Sinnbild der Reinheit und Unschuld, könnte man nicht finden, und viel schöner als künstliche Blumen würden diese Lilien wirken. Fräulein Elisabeth, die „fürs Symbolische“ war, beharrte aber bei ihrem Plan, den Altar mit Weinreben zu schmücken. „Die Traube ghöre zum Meßopfer, die hän a gar a bsondere geheimnisvolle Bedeutung, und unser Heiland spricht nie von de Arbeiter im Blumengarte mit Lilie, aber von de Arbeiter im Weinberg des Herrn, un ’s letschtemal hän i au Weintrube gnomme, und unser seliger Herr hät in der Festpredigt vom ‚geistliche Weinstock‘ predigt, un dös war gar arg schön und rührend. Von dene Lilie wüßt i nix z’sage, ’s stoht grad nur: ‚Sie säen nicht und ernten nicht, und unser Vater ernährt sie doch‘, un i mein alls, so brucht der jung hochwürdig Herr keiner z’werde, ’s isch besser, er hat der Weinstock vor Auge, der erquickt der Menschen Herz. Und außerdem hän mer nachher alli Kopfschmerze von dem strenge Gschmack von dene Lilie.“ Aber Fräulein Martha ergab sich den schönen Gründen nicht: „Vo wege dem Gschmack kan mer ja d’Staubfäde rauspfetze, no schmeckt mer ga nit meh, un wenn der hochwürdige Herr Neupriester si Lebtig Lilie vor Auge hät un so rein und unschuldig lebt, wie die Blumen auf dem Felde, so wird unser Herrgott au z’friede sei, un i mein alls, mer sotte doch d’Lilie nä.“ „Wenn Ihr alls besser mache wollt, nu so machet’s halt,“ fuhr Fräulein Elisabeth auf. Sie schüttelt die Tannenreisig vom Kränzeln von sich ab, holt ihr Kopftuch und bindet es scheinbar gelassen um: „Also da bin i ja überflüssig, i wasch mei Händ in Unschuld. Ihr wisset ja viel besser wie ich, wie a Primiz gefeiert werden muß, machet au alles recht schön. B’hüt Gott beieinander.“ Und bevor die verblüffte Pfarrköchin viel sagen konnte, war sie zur Tür draußen und eilte zum Meßner. Bei diesem ihrem vertrauten Freund, der in ihr immer noch so etwas wie die rechtmäßig regierende Pfarrköchin sah, weinte sie erst ihre Kränkung recht aus, und der bestärkte sie nur in ihrer Meinung: „Die Fräule Marthe hät halt au gar kei Sinn fürs christliche Symbolium, he jo, für ä Erstkommunion, do ka mer minswege Liliä näme, aber für ä Priester, do sin doch Weirebe halt au viel beditungsvoller.“ „Un krank werde mer alli werde von dem starke Gschmack. Aber des gschieht ere recht, dere eigensinnige Person der,“ schürte Fräulein Elisabeth weiter, „lasset nur alli Fenschter zua; so a schöne Tag, der Ehretag vum ganzen Dorf, a so verderben mit dem sündhafte Eigesinn! Wenn nur a paar ohnmächtig wäre täte, des tät ere grad recht gschäh, i kann’s nit ändere, wenn mi nur unser Herrgott nit stroft, daß i des gschehe laß — aber i kann’s nit ändere. ’s gäb grad Unfriede un Skandal fürs ganz Dorf, zugredet han i ere in christlicher Lieb grad gnug, i han mi so schon verdemütigt gnua, daß i ganzi Täg unter ihrem Bfehl im Pfarrhaus garbeitet ha, i han’s halt im liebe Heiland aufgopfert, aber jetzt muß i’s halt go lo, wie’s goht. Ihr were sehne, ’s gibt a Unglück — aber i wasch mei Händ in Unschuld — aber wie gsagt, sorget derfür, daß Türe und d’Fenschter zua sin, wenn’s a paare so recht schlecht wäre tät von dem starken Gschmack, vielleicht sicht sie dann ehnder ei, wie Unrecht sie ghabt hat, so eigensinnig z’si un mir grad in allem z’wider z’handle. ’s isch jo grad a guats Werk, wenn mer dere verstockte Person zur Einsicht verhilft.“ Und der Küster meinte: „Jo grad a guats Werk tuat mer,“ und versprach dafür zu sorgen, daß alles schön geschlossen sei. Fräulein Elisabeth ging nun zur Lene ins Häuschen, zog Hut und Jacke an und marschierte, ohne eine weitere Erklärung abzugeben als: „I han no ebbes für d’Primiz z’bsorge“, nach der nahen Stadt. Als sie zurückkam, zeigte sie ihren Einkauf nicht, sondern schloß das kleine Paket in die Schublade ihres Sekretärs, ein Erbstück von ihrem Pfarrer, in dem sie ihre Sparkassenbücher und Papiere aufbewahrte. — Am Tag darauf, am Vortag der Feier, schickte Fräulein Martha wiederholt nach Fräulein Elisabeth. Da bis jetzt alles durch ihre Hände gegangen war, fehlte sie jetzt wirklich an allen Ecken und Enden. Beim dritten Boten ließ sie sich auch erbitten und gab alle gewünschte Auskunft, ging auch in den Pfarrhof und half die Lilien abschneiden und in die Vasen richten auf dem Altar. Niemand merkte ihr ihren Groll an, nur daß sie bei jeder, auch der unbedeutendsten, Handreichung erst fragte: „Wänn Ihr’s au so habe? Isch’s Euch so recht, Fräulein Martha?“ wirkte etwas beängstigend auf die Zuhörer. Der Abend kam heran, der Neupriester hatte vom „Trippel“ seines Vaterhauses aus gedankt für das Ständchen, das die Dorfmusikanten ihm gebracht. Hatte allen und jedem, der danach verlangt, die Hand gedrückt und den scheu-vertraulichen Gruß mancher früheren Spielgenossin mit priesterlicher Würde erwidert. Allmählich kam das Dörfchen zur Ruhe in Erwartung des morgigen Festes. Kaum hatte früh die Betglocke geläutet und die ersten Böllerschüsse waren gelöst worden, eilte Fräulein Elisabeth in die Kirche, noch einen letzten Blick auf den Altar zu werfen, ob auch nichts fehle. Zu Hause hatte sie das kleine Paket aus dem Sekretär geholt, es ausgewickelt und drei Fläschchen daraus entnommen, die sie in ihre Tasche versenkte. In der Kirche ging sie zunächst hinter den Hochaltar. Sie mußte wohl an den Vasen noch etwas geordnet haben; auf dem Fußboden um den Altar und auf dem Teppich davor waren feuchte Flecke zu sehen. Auch die Lehnstühle für den Neupriester und den assistierenden Priester befühlte sie noch sorgfältig, und am Betschemel fand sie auch noch etwas zu wischen und zurechtzurücken. Dann ging sie noch die mit rotem Tuch behangenen Bänke entlang, die für die Eltern und Verwandten des Neupriesters aufgestellt waren, und nun schien sie befriedigt zu sein mit ihrem Werk, mit einem so freudigen Gesicht hob sie ihre Nase in die Luft und atmete den üppigen Geruch der Lilien ein. Sie hatte sich entschieden damit ausgesöhnt, warum hätte sie sonst so glücklich gelacht? Merkwürdig war’s, wie der Geruch von Minute zu Minute stärker zu werden schien, nicht nur nach Lilien, nach allen möglichen und unmöglichen Blumen schien es zu duften. Recht mit Wohlbehagen sog Fräulein Elisabeth die Luft ein.