Nun dröhnten die zweiten Böllerschüsse, und die Glocken fingen an zu läuten. Fräulein Elisabeth verschwand mit einem eiligen Knix vor dem Tabernakel aus der Kirche. Gleich würden jetzt die ersten Kirchgänger kommen. Jetzt ging der Pfarrer aus dem Pfarrhaus fort, um den Neupriester aus dem Elternhaus abzuholen. Draußen vor der Kirche verwandelte sich das freudige Gesicht von Fräulein Elisabeth zu einem scheu ängstlichen. Es war ein schwüler Augustmorgen, noch ziemlich klar in der Höhe; aber am Horizont ballten sich schwere weiße Wolken zusammen. „Wenn die no lang so fortlüte und böllere, ziehe se uns noch ’s schönst Gewitter her,“ murmelte sie vor sich hin, mit einem ärgerlichen Blick nach der nahen Halde, wo die Mörser aufgestellt waren. Sie eilte nach Hause, ihren Sonntagsstaat zu vervollständigen, und fand zu ihrer Überraschung die Lene im Werktagskleid auf der Ofenbank. „’s wird jo gli z’sammenlütte, bisch no nit fertig?“ fragte sie erstaunt. Die Lene stöhnte: „’s reißt mer wieder in alle Glieder, i mein alls, i kann’s nit vermache, in d’Kirche z’go, ’s muß hit no ä Gwitter gä, i spür’s.“ — „Geh, schwätz nit,“ fuhr Fräulein Elisabeth auf, „wo wird’s denn hit ä Gwitter gä, ’s isch jo blaue Himmel, un überhaupt, unser Herrgott wird doch ä Primiz nit verderbe lo mit eme Gwitter,“ beruhigte sie mehr sich als die Lene. Die beharrte: „So Riße han i immer, wenn’s ä Gwitter git,“ und brachte die arme Fräulein Elisabeth zur höchsten Unruhe mit dieser Starrköpfigkeit. Sie lief schnell nochmal ins Gärtchen, von wo aus sie die Horizontlinie im Westen sehen konnte, und, war’s nun Einbildung, oder ballten sich da wirklich die Wolken schon dunkler und höher als vorhin? Aufgeregt lief sie ins Haus zurück und holte die geweihte Wachskerze hervor. Da dröhnten von neuem die Böllerschüsse durchs Tal, und bei jedem Knall fuhr Fräulein Elisabeth zusammen und ballte die Fäuste vor Zorn. Jetzt setzte sich der Zug in Bewegung, gleich würde der junge Geistliche vor dem Altar stehen. Und wenn er nun krank würde von dem starken Geruch — der Lilien? Ein Blick nach dem blauen Himmel über ihr gab ihr Mut: „Waisch Lene, wenn’s hit ä Gwitter gäb — oder suscht was passiert — grad ’s Fräule Martha wär schuld.“ — Die Lene sah ihre Freundin scharf an. „Häsch wider emol ä schlechts Gwisse?“ fragte sie. — „Jetzt nei, mit dir isch nimmi z’rede,“ ereiferte sich Fräulein Elisabeth, „i sag der doch grad, i möcht hit nit des schlecht Gwisse vu der Fräule Martha ha.“ „He jo, grad,“ antwortete gelassen die Lene, „aber ’s isch Zit in d’Kirch,“ setzt sie noch hinzu und beobachtet gespannt die Miene von Fräulein Elisabeth. Die zögert, und zwischen Tür und Fenster sucht ihr Blick ängstlich fragend den Himmel. „Bruchst nit der Himmel so az’luage, mei Reiße kenn i,“ sagt die Lene ein klein wenig boshaft, „hit git’s a Gwitter, sell isch sicher.“ Fräulein Elisabeth wirft einen wütenden Blick auf die Lene, nimmt Gebetbuch und Rosenkranz und eilt aus dem Häuschen mit einem knappen: „B’hüt di Gott derweil.“ „Bet au für mi“, ruft die Lene noch nach, und dann schmunzelt sie vergnügt vor sich hin und vergißt ihr Reißen. „I mein alls, die fürcht hit unsere Herrgott wieder ä mol extrig“, meint sie. Fräulein Elisabeth kommt richtig zu spät, der Zug ist schon in der Kirche, eine betäubende Duftwolke schlägt ihr entgegen. Sie bleibt zunächst unter der Empore stehen, sie mag sich nicht durchdrängen zu ihrem gewohnten Sitz in den ersten Reihen, aber die Dörfler machen ihr wie immer so bereitwillig Platz, daß sie gegen ihren Willen doch nach vorne mehr geschoben wird, als daß sie eigentlich ginge. So steht sie an der vierten Bank, der Platz neben Fräulein Martha ist leer. Niemand hatte gewagt, trotz der Überfüllung, ihr den wegzunehmen. Sie kniet nieder, macht mechanisch das Kreuzzeichen, und dann wischt sie sich den Schweiß von der Stirne, es ist unerträglich schwüle Luft in der Kirche. Nun schaut sie nach dem Altar. Der Neupriester fährt sich eben auch mit dem Taschentuch übers Gesicht. „Grad grün sieht er aus“, konstatiert sie innerlich. Aber behaglich ist ihr nicht zumute, ein Blick auf ihre Nachbarin, die auch sichtlich unruhig ist, frischt sie wieder ein wenig auf. Sie kann nicht widerstehen, sie muß ihr zuflüstern: „Ein wenig schmeckt mer d’Lilie doch no.“ Das arme Fräulein Martha ist viel zu unglücklich, um zu protestieren. „Hätt i nur auf Sie ghorcht“, flüstert sie zurück. Gar keine Freude macht dies Zugeständnis dem Fräulein Elisabeth. Verstocktheit, über die sie sich so recht hätte ärgern können, wär ihr lieber gewesen. Eifrig schlägt sie in ihrem Gebetbuch nach, und in bunter Hast liest sie die Gebete: „Für unsere Feinde.“ „Bei einem Gewitter.“ Fast unbeachtet gehen die Zeremonien am Altar an ihr vorüber. Immer wieder studiert sie die Gesichter der Nebensitzenden mit ängstlichen Augen, und dann sucht sie am gegenüberliegenden Fenster das blaue Stückchen Himmel, das von ihrem Platz zu sehen ist. Jetzt besteigt der Domherr aus der Stadt, der dem jungen Mitbruder die Festrede halten will, die Kanzel. Ihr summt’s und brummt’s vor den Ohren, und die Böllerschüsse, die nun die Verlesung des Evangeliums verkünden, jagen ihr neue Schrecken ein. Jetzt geht hinter ihr eine unruhige Bewegung durch die Menge. Eine Frau ist ohnmächtig geworden und muß hinausgetragen werden. Fräulein Martha fängt an zu weinen und greift verstohlen nach der Hand von Fräulein Elisabeth, die flüstert fast zärtlich zurück: „Des isch d’Ufregung un d’Hitz, bildet Euch doch nix ei.“ — Der Geistliche hat eine kleine Pause gemacht, bis alles wieder ruhig ist, und nun spricht er weiter von den erhabenen Pflichten eines Priesters, der ein Bote der Liebe und der Versöhnung sein soll auf dieser Erde, ein geistiger Leiter für seine Schäflein auf dem Wege zum Himmel. Fräulein Elisabeth hört die Worte kaum, denn das Stücklein blauer Himmel, das ihr Trost war bis jetzt, ist verschwunden, grau und dräuend steht eine Wolke hinter der hohen Scheibe. „Wenn jetzt a Gwitter kommt“, fährt ihr durch den Sinn, „un in dere heiße Kirche, bei dere Luft, ’s muß ja eischlage. Wenn der Meßner doch a einzigs mal herschaue wollt, daß i em winke könnt, er soll Türe und Fenster ufmache.“ „Wenn’s doch nur scho vorbi wär“, seufzt Fräulein Martha neben ihr. Im selben Moment rollt ein ferner Donner durch die Kirche. „Jesses, Maria und Joseph!“ entfährt es fast laut Fräulein Elisabeth, und sie bekreuzt sich. Der Prediger ist zu Ende und erteilt seinem neuen Amtsbruder und der Gemeinde den Segen. Alles kniet nieder, und Fräulein Elisabeth flüstert voll Hast ihrer Nachbarin zu: „I bin jo an allem Schuld! Ihr hän do nix uf em Herze gege mi? Gell it? Betet au für mi.“ Fräulein Martha ist viel zu verstört selbst, um die Anklage recht zu fassen, sie drückt nur ihrer Nachbarin die Hand und meint: „Jo, mer wänn bete für enander.“ Endlich kommt der Meßner mit dem Klingelbeutel an ihre Bank, und Fräulein Elisabeth winkt ihm und flüstert ihm zu: „Machet doch au d’Fenster und d’Türe uf, mer verstickt ja.“ Der schaut sie erstaunt an, nickt aber dann bedächtig, zwinkert mit den Augen und meint: „Jo, der Pfarrer het’s au scho gsait, i han’s aber nit tan.“ Fräulein Elisabeth flüstert dringender noch: „Machet ja alles uf, was ufgoht, i bitt Euch.“ Und so geschieht’s auch, und alle atmen erleichtert in dem frischen Luftzug auf, und mit glockenheller Stimme intoniert der Neupriester am Altar das Gloria, und befreit stimmt die Gemeinde mit ein. Alles verläuft schön und würdig, und als die Feier zu Ende ist, stehen die alte und die neue Pfarrköchin noch lange vor der Kirchentüre und beglückwünschen sich gegenseitig, wie schön alles gegangen wäre. Fräulein Elisabeth läuft vor dem Festessen, an dem sie natürlich teilnehmen will, schnell noch mal nach Hause, zu sehen, wie’s der Lene geht. Und auf deren Frage, wie’s denn gewesen wäre, meint sie: „Waisch, Lene, eis hab i mer vorgnomme hit, i will nie nix meh mit sone Sache z’tun ha. D’Verantwortig isch z’groß, s’Fräule Martha hät mi grad duert, wie die zittert un bebt hätt, wie’s einere ohnmächtig wore isch, von wegen dem starke Gschmack vu de Lilie, nei des möcht i nit uf mim Gwisse ha. I bi froh, daß i mei Ruah hab un loß gwiß d’Finger davo — des han i mir globet.“ — „Jo, bis zum nächste Mol“, meinte halblaut die Lene. Aber die Fräulein Elisabeth hörte es nicht, weil sie grad drei leere Fläschchen in die hinterste Sekretärschublade verschloß.
D’ Gertrude
Gertrud war ein uneheliches Kind; recht und schlecht schlug sie sich durchs Leben in der Spinnerei, die im ehemaligen Kloster Rupertsweiler eingerichtet war. Als der alte Fabrikant starb, der wie ein Vater mit all seinen Arbeitern stand und die Gertrud immer besonders bevorzugt hatte — 37 Jahre hatte sie fleißig und ehrlich in seiner Fabrik gearbeitet — fanden sich alle Arbeiter im Testament bedacht. Auch die Gertrud hatte ein kleines Legat erhalten, und die Möbel aus dem alten Bureau des Herrn, das sie immer selbst in Ordnung gehalten hatte, schenkte ihr die Witwe des Fabrikanten noch dazu. Ein Tisch, ein Schreibpult, zwei Stühle und ein bequemer Fauteuil wurden ihr Eigentum. Die Fabrik wurde zu einer Aktiengesellschaft umgewandelt, und die Gertrud nahm ihre Entlassung. Sie hatte mit ihren 50 Jahren nicht Lust, sich an andere Verhältnisse zu gewöhnen und sah jetzt die Möglichkeit, einen alten Traum zu verwirklichen.
Oberhalb des Dörfchens, da wo früher die Grenzen des Klosterwaldes waren und die Stadtwaldungen anfingen, stand noch aus Klosterzeiten eine Art Holzhauerhütte. Der Fabrikant hatte sie mitgekauft zur Zeit, als man die Klostergüter im Badischen beinah geschenkt erhielt, und seither stand sie leer und vergessen. Nur die Gertrud war manchmal an freien Tagen hinaufgewandelt, hatte das kleine Gärtchen notdürftig vor gänzlicher Verwilderung bewahrt; Stachelbeeren, Johannisbeeren, Himbeeren wuchsen da in üppiger Fülle, hier und da eine Sonnenblume, etwas Flox, Jungfer im Grün, leuchtende Mohnblumen; die hatte die Gertrud ausgesät, den Samen hatte sie da und dort aus den Bauerngärten geholt. An den Abenden, wenn sie sich müde geschafft, hatte sie sich manchmal auf die kleine Galerie gesetzt, die an der Vorderwand des Häuschens hinlief, und hatte gar gerne in die schöne Landschaft still hinausgeblickt. Direkt unter ihr das Dörfchen mit der wuchtigen Kuppel der Klosterkirche, den spitzen Giebeln der alten Klostergebäude, den vereinzelten Holzhäusern mit den silberigen Schindeldächern, rings eingeschlossen von hochragendem Tannenwald, nach Westen die Talöffnung weit sich ausbuchtend, begrenzt in der Ferne durch die schwachen Linien der Vogesen. Jetzt, wo sie Kapitalistin war, konnte ihr stiller Traum, Herrin des Häuschens zu werden, in Erfüllung gehen, wenn die Witwe des Fabrikanten noch einmal gütig sein wollte. Sie hatte nie in ihrem Leben gebettelt, die Gertrud, und der Gang zur Fabrikantenvilla, wo die Witwe bis zur Übersiedlung nach der Stadt noch lebte, wurde ihr schwer. Aber sie war entschlossen, das ganze Legat und ihre paar Sparpfennige zu opfern, geschenkt wollte sie eigentlich nichts haben. Die Witwe redete der Gertrud zu, das Häuschen gegen einen geringen Mietzins zu beziehen, aber die Gertrud wollte Gärtchen und Häuschen zu eigen haben, und so willigte die gütige Frau denn ein, ihr den Besitz für 800 Mark zu lassen. 500 Mark zahlte die Gertrud an, 300 Mark ließ die Witwe als Hypothek gegen geringen Zins auf dem Häuschen stehen. Und so konnte die Gertrud einziehen. Eine Küche und ein großes Zimmer enthielt das Häuschen und oben zwei geräumige Bodenkammern. Gleich fing die Gertrud an zu zimmern und zu nageln und die gröbsten Reparaturen zu machen. Und dann lieh sie sich einen Karren und holte ihre Möbel vom Burgertoni ab, wo sie bis zu diesem Tage in einem kleinen Dachkämmerchen gehaust hatte.
War es nun die größere Einsamkeit, in der sie jetzt lebte, oder die herrschaftlichen Möbel, oder die Ruhe von der Fabrikarbeit, die in ihr aufweckten, was geschlummert hatte, die Gertrud, die bis jetzt in nichts sich von den andern Weibern des Dorfes unterschieden hatte, wurde „a Bsunderi“, eine die sich absondert. Zunächst fiel den Leuten auf, daß die Gertrud so sehr eifrig betete in der Kirche. Die bis jetzt immer peinlich saubere Person wurde fast verlottert und schmierig im Anzug, weil sie jeden freien Augenblick dazu verwendete, in die Kirche zu eilen und jeden überflüssigen Pfennig für Heiligenbildchen oder Traktätchen, die die Händler ins Haus brachten, ausgab. Ihr Zimmer sah bald bunt genug aus. Am Fußende des Bettes hatte sie das Myrtenkränzchen unter Glas und Rahmen aufgehängt, das sie bei ihrer ersten heiligen Kommunion getragen, darunter waren Bilder ihrer Namensheiligen und von Maria und Joseph angebracht; an der Wand, wo ihr Bett stand, hingen die vierzehn Nothelfer, alle mit ihren Marterwerkzeugen in den Händen, schön bunt gemalt. Auf dem Schreibpult lagen in ganzen Stößen die Heftchen und Aufrufe der Missionen, die sie mühselig genug durchbuchstabierte. Gerne saß sie im Sommer, wenn die Betglocke geläutet hatte, auf der Bank vor der Türe, und bald sammelten sich von den Nachbarhöfen die Bauern um sie, denen sie von den lieben Heiligen oder überhaupt so von der Weltordnung, wie ihr es aufgegangen war, erzählte. Und die Bauern, Männer und Weiber, hörten ihr gerne zu, sie wußte für alles einen Rat und für die vielen unerklärlichen Dinge, die den Bauern aufstießen, immer eine gar einleuchtende Erklärung. Besonders beredt wurde sie, wenn vom Mond die Rede war, von seinem Wechsel und seinem Einfluß auf Pflanzen, Menschen und Tiere.
„Der hät halt si ganzi Kraft vu der Sonn, un wenn er witersch fort isch vu dere, no verliert er alli sini Kräfte un schrumpft grad i, dös könne mer jo an de Pflanze grad au sehe, wenn mer dene kei Sonne zulaßt; wenn er aber wieder in d’Nähi vu der Sonn kummt, — des hän die Aschtrinome so usgrechnet, wie des kummt, daß er bald ä so, bald andersch schtoht — no wird er schtark un kann gra gar nit alli Kraft ufbruche, die er kriegt, no laßt er vu sinere Kraft i de Nächte alles zu uns abi, uf d’Pflanze bsunders, aber wenn ä Mensch in dene Zite vum Mond sich bschiene loßt, no sieht er au Sache, die er suscht mit sim eifache Verstand nie nit sehe tät, der Mond hät em vu sinere Kraft gäh.“ Aber ebenso genau und gut wußte sie auch auf dieser Erde Bescheid.
Des Stollenbauers Kuh gab seit einiger Zeit ohne ersichtlichen Grund fast keine Milch mehr, und er fragte die Gertrud, was sie davon halte. Genau ließ sie sich den Zustand des Tieres beschreiben, dann zögerte sie aber auch nicht mit ihrem Rat: „Jetzt ganget Ihr am früha Morga nach em Neumond in de Diesedobel, am Bächli dort wachst die schönscht Brunnekresse vu der ganze Gegend, do pflücket er ä Hampfle voll ab und sagt derzu schön andächtig nach em heilige Kreuzzeiche:
Heiliger Wendelin gib Kraft,
Dene Blätter gib Saft,
Daß der Kuh geht fort