Die Krankheit vom Ort,

Heiliger Wendelin steh bei,

Treibs Übel vorbei.

Des müsset’r dreimol sage, un dann machet’r wieder ’s heilige Kreuzzeiche un ganget nach Hus un gebet a Hampfle voll der Kuh uf einmol ins Mul. Ihr weret säh, am Obig ischt d’Kuh gsund.“

Der Erfolg, den Gertrud mit diesen und ähnlichen Ratschlägen hatte, stachelte sie an, und sie verlegte sich aufs Studieren. Die Sympathie durchzustudieren, war nun ihr Ziel. Sie steckte Heiligenbilder und Traktätlein in ihre Tasche und wanderte von Bauernhof zu Bauernhof. Überall ein gerngesehener Gast, da sie für ihre Ratschläge nie Geld nahm, und in Eiern und Chriesewasser zahlt der Bauer im Schwarzwald immer gern ohne zu rechnen. Wo sie nun einen alten Kalender oder gar ein Sympathiebuch aus Großvaters Zeiten vorfand, da versuchte sie einen kleinen Tauschhandel. Gegen ihre bunten Heiligenbilder oder löschpapiernen Heiligengeschichten handelte sie die alten Schmöker ein. Stieß sie doch mal auf Widerstand, so „verdlehnte“ sie doch wenigstens das Buch zum Durchstudieren. Großen Wert legte sie scheinbar gar nicht auf die alten „Fetze“. „Wissen ’r,“ pflegte sie zu sagen, „wenn mer halt au gar so allei z’ Hus hockt am ä Obig, no ka mer halt au nit immer de Rosekranz bette, no liest mer halt menchmol gern so Gschichtli.“ Und meistens erreichte sie ihren Willen, und verstohlen schmunzelnd schob sie die alten Bücher in ihre tiefe Tasche. Zu Hause versenkte sie sich dann in die Weisheit der alten Kalender, besonders die astronomischen Tafeln versuchte sie mit heißem Eifer sich anschaulich zu machen. So eifrig war ihr Studium, daß die Kirchgänge bald anfingen darunter zu leiden. Werktags wurde sie überhaupt nicht mehr in der Kirche gesehen. Am Fenster ihrer Stube saß sie im Winter, im Sommer unter dem Holunderbaum ihres Gärtchens auf einer Bank, die der Burgertoni ihr gezimmert hatte, als Dank für Befreiung von Zahnschmerzen durch ihre Sprüchlein. Immer strickend und lesend; nur wenn das Studieren ganz besonders schwierig wurde, ruhten die Nadeln; dann kraute sie sich wohl minutenlang mit der kühlen Stahlnadel die immer noch starken Haare an der Schläfe und las immer wieder mühsam und langsam die gar so schweren Worte. Aber einen Sinn fand sie immer heraus, und oft verblüffte sie dann am Abend die Bauern auf der Hausbank mit ihrer neuen Weltanschauung. Aber das Studium war schwer, immer mehr Zeit brauchte sie, und in ihrem Eifer saß sie bald auch an Sonn- und Feiertagen hinter ihren Kalendern und Sympathiebüchern und versäumte Messe und Predigt.

Drei, vier Wochen sah der Pfarrer geduldig zu. Aber dann, als er sie einmal abends eifrig disputierend auf der Hausbank sitzend traf, blieb er einen Moment stehen, nicht ohne Erstaunen über die Gesellschaft, die um das alte Weiblein versammelt war. Seine besten Bauern saßen und standen um sie herum. Er fand die Gelegenheit gerade günstig, ein Wörtlein mit seinem saumseligen Schäflein zu reden. „No,“ meinte er nach dem üblichen Gruß, „ich hab gmeint, die Gertrud wär krank, weil sie gar nicht mehr in die Kirch kommt.“ Aber der Gertrud paßte die Vermahnung vor all den Zuhörern gar nicht, nur alter Respekt band ihr die Zunge. „’s zieht au so fürchterli in der Kirche,“ murmelte sie, „i han halt s’ Riße in de Glieder.“ Der Pfarrer hatte eine Entschuldigung oder Erklärung erwartet, die gegebene klang doch gar zu sehr nach Lüge. „Ich mein doch,“ hub er deshalb noch einmal an, „Eurem Reißen tät die Kirch besser als das Herumlaufen zu Nacht in den Wäldern.“ Das hatte die Gertrud wirklich öfters in letzter Zeit in mondhellen Nächten getan. Sie wollte die „Kraft vom Mond“ in sich aufnehmen, und auch allerlei Kräuter sammelte sie, und Rezepte aus ihren Sympathiebüchern probierte sie aus dabei. Die Pfarrköchin hatte das dem Pfarrer erzählt. Nun wurde aber die Gertrud zornig, der Pfarrer brauchte ihr keine Vorwürfe zu machen. Resolut hob sie den Kopf und sah dem Geistlichen scharf in die Augen: „Was i scho lang hab frage wolle, Herr Pfarrer,“ sagte sie laut, „hän die Lüt uf dene andere Schterner au sonigi Kirche — und so Pfarrer?“ setzte sie in ihrem Ärger halb für sich noch zu. Dem Pfarrer gab’s einen kleinen Ruck, und die Bauern sahen sich mit eingekniffenen Augen an, nur einander, beileibe nicht den Pfarrer. Einer stellte sich breitbeinig, die Hände in den Hosentaschen, einen Schritt aus dem Kreis heraus, einer spuckte aus und zertrat die Sache mit großer Sorgfalt im Grund. Stolz auf die Gertrud lag in der Luft und gespannte Erwartung auf des Pfarrers Antwort. Der kannte seine Leute wohl, aber er sah doch nicht ein, wieviel von seiner Antwort abhing; er dachte nicht, wie oft die Gertrud schon unentgeltlich in Viehstall und Familie geholfen hatte, wo er und seine Gebete versagt hatten. Es schoß ihm durch den Kopf, daß er in eine seiner nächsten Predigten wohl einmal über diese neuen Theorien ein paar Sätze einflechten könne, aber laut sagte er nur: „Aber Gertrud, wo habt Ihr denn den Blödsinn aufgeschnappt. Bewohnte Sterne! Und gar schon viele! Davon versteht Ihr nun wirklich nichts, sonst müßtet Ihr wissen, daß kein Himmelskörper, außer unserer Erde, die physikalischen Bedingungen erfüllt, die es Menschen ermöglichten, darauf zu leben. Der Mond ist wie ein ausgebrannter Krater, und viele andere Sterne sind in halbflüssig feurigem Zustande. Nein, nein,“ unterbrach er sich, „schlagt Euch das aus dem Kopf, das ist dummes Zeug. Kommt fleißig in die Kirche und betet, das ist besser für Euch.“ Er rührte an den Hutrand und ging mit einem „Gutnacht miteinander“ weiter. Ein paar gemurmelte „Gelobt sei Jesus Christus!“ und „Gutnacht au Herr Pfarrer!“ folgten ihm nach. Dann setzte aber sofort wieder die Stimme der Gertrud ein: „So meinet ’r i wär jetz ufs Mul gschlage, meinet ’r des wär a Antwort gsi? Blödsinn aufgschnappt? Jo weggerle, e schöner Blödsinn. I han’s glese in äme Buch, ä langi Gschicht vu nem Professor gschriebe, die sin halt doch noch andersch glehrt als unser Pfarrer; der saits und bewist’s, ä Kuh könnt’s verschtoh, daß uf em Mars, wisse ner, des isch der Schtern, der als am Obig gege d’Rhinebene zu so rot ufblitzet, jo der isch bewohnt, un mit große Lichter hen d’Lüt dort uns scho Zeiche gä, durch d’Ferngläser hät mer’s gsähe. Sie wisset nur no nit recht, die Professore, wie mer soll än Antwort gä. Große Lichter hän sie au scho anzunde, aber’s schint, sie sin nit hell gnua. Jo, un jetz hän ’r ghört, was der Pfarrer gsait hät: In halbflüssig feurigem Zuschtand wäre die Schtern! Jetz denket doch au nur selber, wenn des wohr wär, no täte se jo doch runtertroppe. Hänget Sie doch ämol ä Honigkugle an der Himmel ufi, Herr Pfarrer!“ Ein beifälliges Murmeln erhob sich. Der Stollenbauer sagte: „Ihr hän bigelt ä dundersgschite Kopf, Gertrude.“ Aber der bedächtigere Burgersepp meinte doch: „Aber der Pfarrer hät doch die Sach au schtudiert.“ Die Gertrud war aber mutig heute, und angefeuert von der Anerkennung des angesehenen Stollenbauers trumpfte sie nun auf: „Wissener, im Vertrauen gsait, die Pfarrer schtudiere halt doch nit so älles, die hän d’Bibel immer vor der Nase, und do schtohn doch au gar bsunderi Sache drin ...“ Sie merkte die Mißbilligung dieser ihrer Behauptung, aber nun war sie im Zug: „Im Vertraue gsait, wissener, so um Wihnächte rum hät der Pfarrer ämol uf der Kanzel so ä Schtückle us der Bibel verzellt vom Josua, uf dem sei Gebet d’Sonne schtillgschtande isch; wissener ’s no?“ „He jo“, murmelten die Zuhörer. „No also,“ fuhr die Gertrud fort, „do driber han i mänchi schloflosi Nacht nachsinniert. ’s klingt au gar so gwaltig, aber wenn i mers so recht eindringli vorgschtellt hab, no isch mer’s immer mehr wie ä Lug vorkomme, akkurat so wie uf em Jahrmärkt der Mann mit em Kitt immer schreit: Wenn ihr eure zerbrochene Häfe mit dem Kitt leimt, so kann ein Riese sie nit mehr auseinanderbreche. Un wenn mer denn so ä Fläschle voll nach Hus nimmt un ä zerbrochene Vase mit kittet, no hängt’s z’samme wie ä liderliche Noht. Ma ka höchschtens no trockeni Blume in d’Vase neischtelle.“ „He aber au Gertrude, wie schwätze ner denn au,“ tadelte der Burgersepp wieder, „unser Herrgott kann doch ä Wunder tue.“ Die Gertrud gab keine Antwort. Nach einer kleinen Weile sagte sie: „Hän Ihr schon emol in äre Uhr ei Rädle aghalte, ei einzigs? Was meint ’r, goht d’Uhr dann no witers? Oder schtoht alles schtill, ’s ganz Werk? Un i mein alls, d’Sonn wär au so ä Rädli“, schloß sie nachdenklich. „Aber jetz isch gnua dischputiert,“ setzte sie hinzu und stand auf; „’s isch schpot. Gutnacht mitenander, än andersmal wieder.“

Sie zog sich in ihr Zimmer zurück, das jetzt ein ganz anderes Aussehen hatte, als in den ersten Monaten ihres Darinhausens. Die Heiligenbilder waren von den Wänden verschwunden, nur ein Marienbild und die heilige Gertrud hingen noch über dem Myrtenkränzchen. Statt dessen waren die Wände voller astronomischer Karten, ausgeschnitten aus Kalendern, schön säuberlich auf Pappe aufgezogen. Aus einem neueren Kalender hatte sie sogar eine der Schiaparellischen Marskarten mit den Kanälen ausgeschnitten und, mit den Köpfen von Schiaparelli und Flammarion auf einem Blatt vereinigt, in einen der Rahmen eingefügt, die früher ein Heiligenbild enthielten. An der Kaminwand hingen Dutzende von Kräuterbündeln, in den Fensterchen nach Osten standen Medizinflaschen, worin Kräuter, einzelne Tiere, besonders Spinnen, auch eine Eidechse, im Spiritus unter dem Einfluß der Sonne „ihren Geist“ einfangen lassen sollten. Und das Schreibpult lag nicht mehr voller Traktätlein und Heiligenlegenden, sondern Kalender und altaussehende dicke Bücher waren da aufgehäuft und eine Unzahl von Steinen, die wohl wegen des Katzengolds, das sie enthielten, gesammelt zu sein schienen.

Die Gertrud war sehr eifrig, als sie in ihr Zimmer gekommen war. Heute hatte sie noch einen großen Hauptschlag vor. ’s Annemai, die arme Witwe eines Holzhauers, war von einer Mücke gestochen worden, der Arm angeschwollen, eine böse Blutvergiftung war in dem entkräfteten Körper ausgebrochen, und morgen in der Frühe sollte sie in die Klinik geholt werden, man wollte ihr den Arm abnehmen. Und ’s Annemai hatte gar nicht an ihre Schmerzen gedacht, nur immer an ihre drei kleinen Kinder, und hatte gejammert und sich gewehrt; nur nicht den Arm ihr abnehmen, lieber wolle sie sterben, dann kämen die Kinder doch ins Waisenhaus, aber wenn sie, die Mutter, am Leben und nur noch den linken Arm habe, wie solle sie dann die Kinder ernähren; jetzt mit ihren fleißigen zwei Armen könne sie nur grad ’s trockene Brot und Kartoffeln aufbringen. Und Bettelleute wollten sie nicht werden. Die Gertrud hatte von dem Jammern der Annemai ganz das Herz schwer, und schließlich schlich sie sich heimlich zu ihr. „Annemai, wenn Ihr den Glaube an mich hän, könnt i Euch scho helfe; aber bschraue darf’s nit werde. Wenn Ihr niemand was verzehle wollt, no komm i in der Nacht un kurier Euch.“ ’s Annemai griff mit Jubel zu. „Jo Gertrude, Ihr könnt mir sicher andersch helfe als die Professore. Nei, gwiß sag i niemend nix, kommet jo au gwiß un vergelt’s Gott tusigmol.“ Und die Gertrud war nach Hause geeilt und hatte gekocht und geprozelt und unter ihren Kräutern gewählt und immer wieder in dem Buch nachgesehen, wo das unfehlbare Rezept stand: gegen verdorbene Säfte und bösartige Geschwülste. Und jetzt war der Kräutersaft fertig und ausgekühlt. Sie steckte das Fläschchen zu sich, wählte noch einige Farrenkräuter aus einem Bündel, und mit dem Buch zusammen steckte sie alles in ihre Tasche. Nun noch in den Wald an eine feuchte Stelle, die sie kannte, wo die großen Huflattichblätter wuchsen. Drei große Blätter wählte sie aus. Kein Insektenstich durfte daran sein, und lange mußte sie suchen, bis sie ganz tadellose Exemplare fand. Jedes einzelne leuchtete sie genau mit ihrer kleinen Laterne ab, und feierlich murmelte sie beim Pflücken:

„Huflattich du kalter,

Du Hitzezerspalter,