„Farrenkraut den Schlaf dir schafft
Durch des Schlangensamen Kraft.
Wenn Schlangenmutter dich bewacht,
Hat kein böser Dämon Macht.“
Nun hat sie das Ihre getan. „So Annemai,“ meint sie nun in ihrem gewöhnlichen Ton, „jetz müsset ’r schlofe. Schlofe!“ wiederholt sie noch einmal nachdrücklich, und die erschöpfte Frau, die mit ängstlicher Spannung den geheimnisvollen Worten und Manipulationen gefolgt war, schloß auch willig die Augen und versank in ein dämmerndes Schlummern.
Die Gertrud saß Stunde um Stunde am Fensterchen der engen Stube und lauschte den immer ruhiger werdenden Atemzügen ihrer Patientin. Mit dem ersten Hahnenschrei wachte das älteste, siebenjährige Mädele, ’s Liesele, auf und sah mit Angst nach der Mutter hinüber. Bis jetzt hatten die drei Kinder eng gekauert in ihrem kleinen Bettchen am Ofenwinkel geschlafen; nun wurden sie unruhig. Die Gertrud schlich sich leise zu ihnen hin und redete dem Liesele zu: „Ihr müsset ganz schtill si, d’Mutter derf nit ufwache. Lieget ganz schtill un bettet au für d’Mutter.“ Und die verängstigten Kinder lagen mäuschenstill in dem Bettchen, falteten die Händchen und flüsterten leise, leise ihre kleinen Gebetchen, bis sie wieder einschliefen. Die Gertrud saß wie aus Holz geschnitzt am Fenster und sah dem lichter werdenden Himmel entgegen. Um fünf Uhr wurde es lebhaft im Häuschen. Die Bäuerin, bei der ’s Annemai zur Miete wohnte, rumorte im Stall, die Kühe brüllten, nun ließen sich auch die Kinder nicht mehr halten. Das Kleinste weinte, und die Kranke wachte auf. Und die Gertrud sprang geschäftig hin und her, die Kinder anziehen, die Milch wärmen, das Zimmerchen herrichten; flink ging ihr alles von der Hand. Dann erst nahm sie vorsichtig die Huflattichblätter vom Arm. Sie hätte beinah geheult vor Rührung, als sie sah, daß die Röte am Arm wirklich etwas geschwunden war und die Haut sich auch gar nicht mehr so prall und heiß anfühlte. „I mein alls,“ sagte sie bedächtig, „Ihr bruchet nit in d’Schtadt. D’Gschwulscht isch scho e weng ufgsoge. Wenn Ihr mir glaubet, no trinket Ihr jetz no ä Holdertee un derno schwitzener, un morge schtohn Ihr gsund uf.“ ’s Annemai hatte die Augen voll Tränen: „Jo, Gertrude, vergelt’s Euch Gott, i tua, was Ihr saget, i gschpür selber, daß es mir besser goht. Ihr hän meine Kinderle d’Mutter grettet, durchs Feuer ganget i für Euch.“ Die Gertrud war geschäftig fortgeeilt, um Tee zu kochen, und was an Federbetten aufzutreiben war, das wurde dann aufgetürmt über die geduldige Annemai. Nun dauerte es nicht mehr lang und man hörte Wagengerassel draußen. Dann ein energisches Klopfen an der Tür, und ein Krankenwärter mit einer Schwester traten herein. „Die Frau Annemaria Kohler sollen wir holen. Sind wir hier recht?“ fragte die Schwester. „Sell schon,“ antwortete Gertrud, „die Frau Annemaria Kohler tät schon hier wohne, aber hole, sell bruchen ’r nit.“ Die Schwester sah auf. „Gestorben?“ fragte sie leise. „Nei, sell nit,“ meinte wieder die Gertrud, die breitspurig den Eingang ins Zimmer versperrte, „aber gsund isch sie oder wird sie, in d’Klinik brucht sie nit un will sie nit.“ Die Schwester sah den Wärter an, der Wärter die Schwester. „Wir haben den Auftrag und — ja, gute Frau, was wissen Sie denn, ob die Frau gsund ist“, meinte die Schwester. „Weil i nit blind bin, do drum weiß i’s,“ entgegnete grob die Gertrud, „un zwinge könnet Ihr die Frau nit un sie will nit in d’Klinik. Annemai,“ rief sie mit lauter Stimme, ohne sich von der Tür verdrängen zu lassen, „saget’s au selber, daß Ihr dobliebe wollet.“ „I dank au für d’Müh,“ kam die schwache Stimme aus den Federbetten, „aber gwiß nit will i do furt, nit in d’Klinik“, steigerte sie sich voller Angst. „Aber Frau Kohler,“ rief nun die Schwester, die absolut nicht an der stämmigen Gertrud vorbeikam, „überlegen Sie sich’s doch, Sie wollen doch gesund werden! Das können Sie doch nur bei uns in der Klinik.“ „Nei,“ schrie die Kranke, „nei, i laß mer der Arm nit abschnide, lieber will i schterbe, aber mit meine beide Ärm. Wenn i schterbe soll, mit meine beide Ärm, no kann i doch d’Mutter Gottes mit beide Ärm anflehe, daß sie mir meine Kindli bschützt. Nei, i gang nit. Un wenn’s Gotts Wille isch, no werd i au do gsund. Un dobliebe will i, dobliebe“, jammerte sie still für sich weiter. Die Gertrud griff die Schwester fest am Arm: „Kommet usi in de Gang, i will Euch was sage, Schwester,“ flüsterte sie rasch; und als sie Schwester und Wärter draußen hatte, und die Tür hinter ihr einschnappte, sagte sie: „Jetz fahret nur mitenander wieder in d’Schtadt un saget dene Herre vergelt’s Gott, un i sag Euch au für’s Annemai vergelt’s Gott, aber mitgoh tut sie nit, sie will nit und i lids nit. Un i weiß, morge isch sie gsund un hät ihre Ärm, un doderzue brauche mer keine gschtudierte Herre. Mit Gwalt kenne ner sie nit fortführe, un gutwillig goht sie nit.“ Nach einigem Zögern und Reden fuhren die beiden denn auch wieder zurück, und die Gertrud sah ihnen vom Trippel des Hauses sehr befriedigt nach. Und dann eilte sie zur Kranken zurück, ermahnte sie zur Ruhe und predigte dem Liesele, sie solle ja keinen Menschen ins Zimmer lassen: „Wenn einer nit höre will un doch in d’Schtube will, no schrausch, daß i’s im Wald obe hör, i gang nit wit weg, i hol nur drei neue Huflattichblätter, die kühlet no gar de Brand usi.“ Und eilig wuschelte sie fort. Als sie nach einer knappen Viertelstunde zurückkam, stand der Pfarrer aufgeregt schimpfend im Zimmer, dem hatte das Liesele doch nicht den Eintritt zu weigern gewagt. Auch zu schreien nach der Gertrud wäre ihr als Sünde erschienen. Die Ehre! Kaum war die Gertrud im Zimmer, drehte sich der Pfarrer scharf nach ihr um: „Da wäret Ihr ja,“ polterte er sie an, „höret emal Gertrude, jetzt hab ich Eure Narrenspossen aber satt, das geht denn doch zu weit. Was fällt Euch denn ein, die Frau da ohne Hilfe sterben zu lassen, eigenmächtig die Leute aus der Klinik fortzuschicken?“ Der Pfarrer schöpfte Luft, und die Gertrud fiel ihm schnell ins Wort: „I mein alls, Herr Pfarrer, vor Ihr so schimpfet, guckener Euch ’s Annemai erscht emol a. Gsund wird sie, un ihr Arm behaltet sie un ....“ „Unsinn,“ wehrte der Pfarrer ihr eifriges Reden ab, „Ihr meint, Ihr wärt der einzig gscheite Mensch auf der Welt, so scheint mir. Macht meinetwegen Eure Teufelskuren bei den Kühen und Schweinen der Bauern; wenn die so dumm sind, ist das ihre Sache, aber von Menschen habt Ihr Eure Finger zu lassen. Seid froh, wenn ich Euch nicht anzeige, ins Zuchthaus könntet Ihr kommen. Und wie Ihr das Menschenleben, das Ihr da in Lebensgefahr gebracht, vor dem lieben Gott verantworten wollt, das weiß ich nicht. Ich hab den Löwenwirt gebeten, den Wagen anzuspannen, er wird bald hier sein, und daß Ihr mir dann nicht wieder Geschichten macht, das rat ich Euch, sonst bekommt Ihr’s mit mir zu tun.“ „Liesele,“ wandte sich die Gertrud an das Mädele, „geh, lauf zum Löwewirt, was de laufe kahsch, wenn de dei Mutter lieb häsch, un sag em, ’s brucht de Wage nit, der Herr Pfarrer heb sich g’irrt.“ Und sie schob das zögernde Kind mit einem harten: „Lauf, oder wilsch, daß dei Mutter uf der Gottesacker kommt?“ zur Tür hinaus. Dem Pfarrer hatte es die Sprache verschlagen. Jetzt wetterte er los: „Ins Zuchthaus kommet Ihr. Meint Ihr, so kann man mit Menschenleben umspringen und mit Eurer geistlichen Obrigkeit? Meint Ihr, Ihr könnt mit Euren Hexenkünsten das ganze Dorf rebellisch machen? Ich hab den Geist des Aufruhrs schon an allen Ecken bemerkt, das geht von Euch aus. Meint Ihr ich sei blind? Aber das Handwerk soll Euch gelegt werden, Ihr Hexe Ihr. Ins Zuchthaus mit solchem Gesindel wie Ihr.“ „I han Euch rede lo, Herr Pfarrer,“ sagte die Gertrud nun sehr ruhig; „aber ’s wird Euch g’raue, was Ihr gsagt hän. Im Beichtschtuhl könnet Ihr mir meintswege der Marsch mache, wenn i zu Euch kumm no mol, aber hier hän Ihr kei Recht uf mi z’schimpfe, hier in dere Schtube han i mehr Recht als Ihr. I han im Annemai gholfe, un mit Gotts Hilf han i ner gholfe, un nit mit Hexekünschte. Un des isch Husfriedensbruch un Beleidigung, soviel weiß i au no vom Recht. Un wenn’s druf akummt, mein i alls, Ihr hänt Dreck am Schtecke un nit i. Un i mein alls, Ihr hänt hier nix verlore. ’s Annemai hät nit nach Euch verlangt, un händle am e Krankebett tu i nit.“ Sie machte dem Pfarrer höflich die Tür auf und stand wartend da. Der hob drohend die Faust. „Ich gehe, ich gehe Euerm ungewaschenen Mundwerk aus dem Weg, aber das sollt Ihr mir büßen.“ Und ohne einen Blick nach der Kranken, ohne einen Gruß ging er.
Als wäre nichts geschehen, wickelte die Gertrud der Kranken die neuen Huflattichblätter um den Arm, legte das dritte ihr aufs Herz und beruhigte die leise Jammernde: „Schauet nur, d’Gschwulscht isch scho fascht völlig gschwunde, i sag Euch, morge seid Ihr gsund.“ Und die Kranke fühlte selber, wie sehr der Arm besser geworden war, und lag schließlich mit glücklichen Tränen in den Augen beruhigt unter ihren Federbetten.
Am Nachmittag kam der Doktor aus der Stadt, und wenn er auch wetterte und fluchte auf die Altweiberwirtschaft, er mußte doch zugeben, daß jede Gefahr für die Kranke vorüber war. Er zuckte die Achseln, sprach von Selbsthilfe der Natur und verließ kopfschüttelnd die Stube. Draußen fing ihn die Bauersfrau auf und erzählte ihm, was die Gertrud gewagt hatte, denn sie hatte natürlich an der Türe gehorcht bei dem Disput mit dem Geistlichen. Der Arzt hörte ihr zuerst etwas ungeduldig zu, dann aber lachte er doch laut auf, als die Bäuerin die resoluten Worte der Gertrud wiedergab, und er klinkte die Tür noch einmal auf und rief fröhlich der Annemai zu: „Ich laß auch die Gertrud schön grüßen.“ Und immer noch lachend sprang er die Treppe hinunter in seinen Wagen und fuhr davon.
Als ’s Annemai am dritten Abend richtig bei der Gertrud auf der Bank saß, da hätte die Gertrud nicht mit einer Königin getauscht. Die Bauern machten nicht viel Worte, aber sie wußte, sie war die Erste im Dorf jetzt, und ohne ihren Rat und ihre Hilfe geschah nichts mehr, und wenn einer den Pfarrer erwähnte oder ängstlich fragte: „Wird er wirklich d’Gertrude verklage?“, dann sagte sie nur mild: „Der arm Tschole.“ Und bei den Bauern, die von Anfang an zu ihr gehalten hatten, fügte sie wohl noch hinzu: „Es wundert mi eigentli doch, daß Ihr Euch so ä bschränkte Mensch als Pfarrer gfalle losset. ’s Dorf hätt au ä anders Ansehe, wenn mer e weng ä gschitere Herr hätte.“
Der Pfarrer, der ein etwas cholerischer Mann war, sonst aber gern seine Ruhe hatte, unternahm nichts gegen die Gertrud, was die natürlich auf ihre Weise den Bauern ausdeutete: „Gellener,“ sagte sie, „der hüt sich, er hät Angscht.“ Die Bauern glaubten’s gern, und der Pfarrer hatte nur noch wenig Anhänger im Dorf. Denn wenn sie auch alle einen großen Respekt vor Gertruds Weisheit hatten, daß der Pfarrer sich auch vor der Gertrud zu fürchten schien, das schadete seinem Ansehen doch sehr. Und die Gertrud herrschte immer unumschränkter im Dorf, die Kirche wurde immer leerer, und selbst die Feldprozessionen, die sonst immer mit großem Zulaufe abgehalten worden waren, waren dieses Jahr armselig: ein paar Kinder, die von Zwangs wegen mitmußten und ein paar alte Männlein und Weiblein. Die Bauern erwarteten viel mehr vom Spruch der Gertrud, die auf Bitten hin gerne in Mondscheinnächten über die Felder ging und den Bauern volle Scheunen herabzog mit dem kräftigen Mondsprüchlein, das da heißt: