Das Auge kann erst allmählich unterscheiden; man sieht etwas wie eine graue Schlange heranziehen. Es kommt näher und näher. Das Pferdegetrappel schlägt jetzt schon ganz deutlich ans Ohr, man kann die Umrisse der Reiter erkennen.
Ein Schauer geht durch die beiden Frauen. Der Krieg ist ihnen mit einmal ganz nahe gerückt! Der Feind, der Deutschland in Stücke zerhauen will, kommt als Gefangener ins Land! Man hat all die Tage gar nicht darüber nachgedacht, was das eigentlich so recht bedeutet. Auch vorhin bei den armen Verwundeten hatte man nicht das Gefühl eines Triumphes. Nun aber, da der Trupp näher und näher kommt, erschauert man unter der Größe des Augenblicks.
Sie sind schon ganz nahe! Zwei Vorreiter sind am Stachelzaun angelangt. Eine Tür wird geöffnet — eine Anzahl Soldaten bilden Spalier — die Husaren verteilen sich rund um den weiten Platz herum, und die ersten Russen betreten das Lager. Still alles ringsumher, nur das Marschieren der Truppen und das Aufschlagen der Pferdehufe ist hörbar.
Die Russen tragen braune Mäntel, die sich kaum vom Erdboden unterscheiden; sie fließen durch die schmale Tür auf den weiten Platz wie eine Masse, die eine Form füllen soll. Unabsehbar dehnt sich der Zug der Anmarschierenden hin; man hat gar nicht mehr die Empfindung, daß diese wogende Menge, die hier einzieht, aus einzelnen Menschen besteht. Man sieht nur noch das Ganze, das durch die enge Tür quillt, das anschwillt, das wie ein Meer auf und nieder wogt!
Werden sie alle Platz haben? Wird ein jeder ein kleines Stück Boden für sich finden, wo er sich zur Nacht ausstrecken kann? In Baracken und Zelten ist Stroh aufgeschüttet worden. Gegen Sturm und Kälte sind sie also genügend geschützt. „Viel zu human,“ sagt der Arzt, der zwischen den beiden Frauen steht. „Wer weiß, wie sie mit den Unseren umgehen, die in ihr Land kommen?“
Es ist gut für Frau Hiller, daß ihr Mitleid eingedämmt wird, daß sie es immer wieder hört: „Wie werden die Deutschen, die in Feindesland kommen, aufgenommen werden?“ Dann denkt sie an ihren Ernst — und das Herz wird hart gegen Deutschlands Feinde.
Aber immer wieder bricht der Schmerz und der Jammer um all das Leid, das in die Welt gekommen ist, in ihrer Seele hervor. Wer hat diesen furchtbaren Krieg gewollt? Wer hat die Brandfackel in die Welt geschleudert? Welcher verruchte Kopf ist es, der die Massen aufwiegelte — wessen Seele wird einst Verantwortung tragen müssen für das namenlose Leid, für den grenzenlosen Jammer, der jeden einzelnen, der doch nichts anderes als ein armes Werkzeug ist, trifft?
Die Husaren auf ihren Pferden stellen sich rund ums Lager auf, immer noch mit gefällter Lanze, immer noch zum Angriff bereit. Aber die Gefangenen gehen friedlich, wie Vieh, das in den heimatlichen Stall zieht, in ihr Lager hinein.
Von der Stadt her kommt der Landsturm angezogen; der hat die Wache zu übernehmen. Die Nacht ist vorgeschritten; ein Frösteln geht durch die, die oben auf dem Hügel stehen. Der Wind, der bislang wie ein Raunen durch die Kronen der Bäume gezogen ist, wird stärker. Am Himmel treiben Wolken, die Sterne sind verschwunden, und der Mond ist fahl geworden.
Nun ist der letzte Russe ins Lager eingezogen; die Tür schließt sich. Zwei Wachtmeister kommandieren die Husaren, die sich zu Reihen ordnen. Frau Hiller schaut auf den Zug, der sich zur Stadt bewegt.