Frau Hiller sieht zu ihm hin und stellt sich vor, daß ihr Junge eines Tages so im fremden Land sitzt, den Kopf in die Hand gestützt, das Herz voll Verzweiflung, und daß er vielleicht vorgerufen wird und Frauen aus Feindesland Rede stehen muß und fortgeschickt wird, sobald ihre Neugierde befriedigt ist. Sie schämt sich und hat das Gefühl, zum Leid eines armen Menschen noch Haß und Verbitterung gesellt zu haben.

Der Arzt zieht seine Uhr. Er hat in dieser Nacht hier nichts mehr zu tun und greift zu Hut und Mantel. „In einer Viertelstunde kann übrigens der Transport beim Lager ankommen, also gehen wir!“

Draußen atmen sie tief auf. Eine klare Nachtluft empfängt sie und kühlt den erhitzten Kopf. Mirza, der im Gastzimmer geblieben war, springt hoch an Fräulein Else in die Höhe. Die Sterne funkeln, und der Mond macht die Erde silbern. Es ist eine köstliche Spätherbstnacht!

Sie steigen auf den Hügel und sehen die Welt wie ein Märchen vor sich liegen. Weit dehnen sich die vom Drahtzaun eingefaßten Flächen vor ihnen aus, und die Bogenlampen werfen ein geisterhaftes Licht darüber. Zu allen Seiten sind weite Felder, und der Blick kann in die Unendlichkeiten schweifen. Nirgends ein Hemmnis, denn öd und flach ist das altmärkische Land!

Frau Hiller wendet sich der Seite zu, wo die Stadt mit ihren Kirchtürmen liegt. Ganz verschleiert nur sieht man die Umrisse. Es ist beklemmend still oben auf dem kleinen Hügel; keiner von den dreien spricht ein Wort, und Fräulein Else hat den frierenden Hund auf die Arme genommen. Ein leiser Wind raunt durch die letzten Blätter der Bäume, und hin und wieder schwirrt ein Vogel durch die Luft.

Frau Hiller ist es, als beginne ihre Seele zu fliegen — sie sieht Dinge, die noch kein Mensch gesehen; sie weiß und versteht Dinge, die niemand auf Erden begreifen kann. Ihr ist, als öffnen sich Tore vor ihr, die sich erst dem erschließen, der sein irdisches Leben abgeworfen hat.

So oft in diesen unseligen Zeiten, seit der Krieg begann, hat sie an allem, was sonst ihre Zuflucht gewesen, zu zweifeln begonnen: an dem Gott, der die Geschicke der Menschen in der Hand hält, der über Recht und Unrecht entscheidet. In dieser Nacht aber wird ihr ein Gnadengeschenk. Der Himmel öffnet sich ihr, und sie sieht in Pracht und Herrlichkeit hinein. Sie sieht mit den Augen eines Kindes, dem ein Märchen erzählt wird. Sie sieht Gott mit dem milden Antlitz und dem Glorienschein ums Haupt, wie ihn fromme Kinder sich vorstellen. „Wer sein Leben unschuldig hingibt, der wird hier oben bei mir die Seligkeit erlangen!“ hört sie ihn sagen. Da weiß sie wieder, daß das, was man sie in der Jugend lehrte, doch wahr ist. Die paar Jahre, die der Mensch hier unten auf der Erde hinzuwandern hat, die sind also nichts anderes als die Vorbereitung für die Ewigkeit da oben! Alle Menschen bekommen das in ihrer Kindheit gesagt, aber sie vergessen es, oder sie wachsen darüber hinaus. Und weil jeder nur an das eine Leben hier unten denkt, kommt so viel Böses und Hartes und Schlimmes in den Herzen auf, — darum auch ist der Neid und der Haß unter den Völkern so groß geworden — darum schlachten sich die Menschen jetzt hin! Jeder will für dies eine Leben, an das er glaubt, alles für sich zusammenraffen — keiner denkt an die Herrlichkeit da oben und darum will keiner arm und bescheiden und gut bleiben. Wie verblendet sind die Menschen geworden!

Der Arzt faßt Frau Hiller leise am Arm, und im selben Augenblick ist die Traumwelt versunken. Vom Dom und von der Marienkirche schallen Glockentöne: es ist Mitternacht.

Der Arzt deutet mit der Hand nach der großen Straße hin, die vom Tor hier heraus zu den Exerzierplätzen führt. In weiter Ferne hört man Pferdegetrappel, hört die Marschschritte der Gefangenen.

„Sie kommen! Sie kommen!“ ruft Fräulein Else und läßt Mirza aus ihren Armen gleiten.