Dieser Saal aber, der so hastig hergerichtet werden mußte, hat etwas Beklemmendes. Aber sie liegen zum wenigsten warm. Sie haben Pflege und reichliches Essen. Gott mag wissen, ob es den Unseren, die als Gefangene in ihr Land kommen, ebenso gut ergehen mag.

Der Arzt tritt an einen Tisch, an dem zwei junge Leute mit dem Abzeichen des Roten Kreuzes auf dem Arm stehen. Er läßt sich Bericht erstatten und geht dann von Bett zu Bett. Die meisten der Gefangenen sprechen deutsch, und einige von ihnen sehen intelligent aus.

Auf der Matratze eines Schlafenden sitzt ein junger Mensch, der den Kopf in die Hand gestützt hat. Von ihm kann Frau Hiller ihre Blicke nicht lösen, denn etwas unsäglich Trauriges geht von ihm aus. Man soll kein Mitleid mit den Feinden haben! Man soll an die Greueltaten, die sie schon in unserer Heimat angerichtet haben, denken. Was wollen sie denn mehr als das, was man ihnen hier bietet: ein warmes Lager, Essen und Trinken und die nötige Pflege? Geht es uns etwas an, ob sie sonst noch leiden, ob sie Heimweh haben, ob ihre Seele belastet ist?

Der junge, energische Arzt tritt an das Bett des Schlafenden und rüttelt den, der wie weltentrückt dasitzt, an der Schulter. Der fährt auf und sieht den Arzt erschrocken an. Er hat nur einen Streifschuß an der Hüfte und ist schon fast ganz wiederhergestellt. In einem Tag oder zwei wird er zu den anderen ins Lager kommen. Der Schlafende scheint doch aber eher zu den Schwerverletzten zu gehören; der hat einen Lungenschuß und sein Atem geht röchelnd.

Der Arzt sieht ihn an und läßt ihn schlafen, dann tritt er zu den Frauen Er erklärt Frau Hiller die einzelnen Fälle. Der junge Mensch, der wieder in seiner versunkenen Stellung, den Kopf in die Hände vergraben, dasitzt, ist der Bruder des Schlafenden. Der Arzt hat sich am Morgen mit ihm unterhalten, denn er spricht deutsch ebenso geläufig wie russisch, und hat ihm mitgeteilt, daß er ganz nahe der Grenze zu Hause sei. „Wollen Sie sich mal von ihm selbst seine Geschichte erzählen lassen?“

Fräulein Else machte entsetzte Augen, und auch Frau Hiller möchte abwinken. Aber der Arzt ist schon zu dem jungen Menschen hingegangen und kehrt mit ihm zu den zwei Frauen zurück. Er hat ein sympathisches Gesicht, und man sieht sogleich, daß er kein gewöhnlicher Mensch ist. Er sieht jetzt auch gar nicht mehr so schwermütig aus und erzählt fließend und anscheinend gern, wie er in den Krieg gekommen ist.

Er und sein Bruder, der hier liegt, waren Beamte auf einem großen Gut, hatten Urlaub bekommen und waren gerade im Begriff, zu Eltern und Geschwistern in die Stadt zu fahren. Da heißt es: „Großes Manöver!“ Man rüstet sich und denkt: In drei Tagen ist man frei! Da steht man auch schon dem Feind gegenüber. Entsetzlich! Kein Mensch hat ihnen etwas vom Krieg gesagt! Wochenlang liegen sie hinter Wällen — immer er mit dem Bruder zusammen — schlechtes Essen — trübe Nächte, und die Deutschen schießen wie die Verrückten! Ende September haben sie sich ergeben — der Bruder mit einem Schuß in den Rücken, er mit der Hüftwunde, die schon fast ganz ausgeheilt ist.

Mit dem Bruder war es anfänglich auch nicht so schlimm; er konnte noch ganz gut gehen und sitzen, aber der lange Transport hat ihm geschadet — nun muß er vielleicht sterben! Da nimmt das Gesicht wieder den schwermütigen Ausdruck an. Die Angst um den Bruder mag ihm das Herz zuschnüren, denn man sieht und fühlt aus allem, daß er den Bruder zärtlich liebt. Er ist noch blutjung und hat ein kluges Gesicht. Nun erfährt er nichts mehr vom Krieg, wird nicht hören, wie es um sein Land steht, und wie lange die Gefangenschaft dauert!

„Danke,“ sagt der Arzt in dem Augenblick, in dem der junge Mensch anfängt von seinen Gefühlen zu reden. Das klingt schroff, und Frau Hiller und Fräulein Else sehen ihn vorwurfsvoll an. Kein Mitleid mit den Feinden! Frauen aber können sich schwer dem Mitleid verschließen!

Der junge Mensch sitzt wieder ganz versunken am Lager des Bruders. Was mag er nun gegen die empfinden, denen er Rede stehen mußte über das, was sie hören wollten, und auf deren Gebot er schweigen mußte, als das, was er zu sagen hatte, ihnen nicht mehr paßte?