Arme Teufel! Es ist eine Grausamkeit, daß man sie leiden läßt, daß man sie nicht erlösen darf, da man doch genau weiß, daß sie in ein paar Stunden oder Tagen unter namenlosen Qualen sterben müssen.

Frau Hiller hat sich in Fräulein Elses Arm gehängt, denn sie gehen über Stoppeln, und das Mondlicht tanzt unsicher auf dem holprigen Boden. Es ist ein weiter Weg bis zum Russenlager hinaus; alles totenstill um sie her, kein Mensch begegnet ihnen, nur Mirza bellt hin und wieder, wenn er irgendwo etwas Lebendiges wittert.

Dem Russenlager gegenüber erhebt sich ein kleiner Hügel; wenn man da hinaufsteigt, überschaut man den ganzen, weiten Platz wie ein Theater. Der junge Arzt zieht die Uhr. „Die Damen werden noch eine gute Stunde warten müssen,“ sagt er. „Sind Sie nicht ängstlich?“

Nein, ängstlich sind sie nicht! Wer soll ihnen etwas tun, sie haben ja auch Mirza bei sich, und wenn er auch nicht viel ausrichten kann, so würde er doch wenigstens bellen, wenn sich etwas Verdächtiges zeigte.

„Aber es ist kalt, und es wird Ihnen noch etwas langweilig werden, so lange dem leeren Platz gegenüberzustehen. Wenn Sie Lust und Mut haben, so kommen Sie mit mir und schauen sich an, wo wir unsere leichtverletzten Feinde untergebracht haben!“

Fräulein Else kämpft mit einem leisen Unbehagen, aber Frau Hiller ist freudig überrascht. Nicht Neugierde drängt sie, aber in der Nacht denkt sie oft über das Schicksal der Gefangenen, die krank ins Land ihrer Feinde kommen, nach. „Wenn ich nur einen Blick in den Saal werfen darf!“ Sie nimmt dankbar das Anerbieten des jungen Arztes an.

Er führt sie ein Stück Weges zurück durch einen Garten, in dem den Sommer über Tische und Bänke standen, und wo sich lustiges Leben abzuspielen pflegte. Jetzt ist alles dunkel und einsam.

Ein paar Stufen führen zum Eingang des Hauses hinan; man geht durch den Restaurationsraum, in dem ganz wenige Gäste sitzen, und kommt in den großen Tanzsaal. Starker Karbolgeruch dringt ihnen entgegen, und Fräulein Else hält sich die Nase zu. „Hu, wie das riecht!“

Der Arzt geht voran, und die beiden Frauen bleiben am Eingang an einer Säule stehen. Von der Decke herab hängen große Lampen, die weißes Licht ausstrahlen. An der Erde, auf Matratzen, die eilig hierhergeschafft wurden, weil man nicht auf so viele Kranke gerechnet hatte, liegen die Verletzten; in voller Uniform liegen sie da, und einige haben sogar die Mütze auf dem Kopf.

Seltsam mutet dies Bild an — traurig — öd — unfreundlich! Die Lazarette, die in der Stadt sind, haben weiße Betten und weiße Möbel, alles wirkt da hell und freundlich, so daß man das sichere Gefühl hat: der hier liegt, muß gute und friedliche Gedanken bekommen.