Großvater ist gar nicht damit einverstanden, daß die alte Frau die Fahrt, die noch dazu sehr umständlich ist, wagen will. Da sie aber hartnäckig ist, hat er ihr seine Begleitung angeboten. Doch sie will nicht, daß die Wohnung ohne männlichen Beschützer bleibt. Sie hat so ihre Ahnungen, die sie selten täuschen; sie ist sicher, daß sich irgend etwas Schreckliches ereignen wird, wenn sie beide ihr Heim verlassen, und sie würde keinen Augenblick der Ruhe haben.
Eine ganze Woche kämpft sie mit sich selbst. Es fällt ihr wirklich nicht leicht, sich zu der Fahrt zu entschließen, aber der Wunsch, den Enkel in Uniform zu sehen, der Wunsch, den Sohn ihres Sohnes noch einmal, bevor der große Abschied kommt, ans Herz zu drücken, ist zu brennend geworden.
Den ganzen Tag, Stunde für Stunde, muß sie an den Jungen denken. Sie hat immer gehofft, er würde mal ein paar Tage Urlaub erhalten und sie besuchen; aber die Freiwilligen bekommen nur dann Urlaub, wenn ganz zwingende Gründe vorliegen, und die Sehnsucht einer Großmutter, ihren Enkel wiederzusehen, ist kein zwingender Grund.
Wenn sie also den drängenden Wunsch ihres Herzens befriedigen will, muß sie sich zur Reise entschließen, und zwar bald, denn der Winter steht dicht vor der Tür, und man muß von Tag zu Tag auf Schneestürme und Frostwetter vorbereitet sein. Sie rüstet sich, als habe sie eine Reise von Wochen vor.
Natürlich kann sie nicht mit leeren Händen kommen. Die Müller hat ihr helfen müssen, ein paar Eßpakete zu packen; außerdem hat sie einen ganzen Berg von Wollsachen, den sie und die Müller gestrickt haben. Das kann der Junge natürlich nicht alles selbst brauchen und soll er auch nicht. Sie hat nicht für den Enkel, sondern fürs Vaterland gestrickt; also mag er ärmere Kameraden, die noch nicht im Besitz des Nötigen sind, mit dem, was sie und die Dienerin verfertigt haben, beglücken.
Der Großvater sitzt neben ihr, als sie im geschlossenen Wagen zur nächsten Bahnstation fährt. Das Herz ist ihr furchtbar schwer. Es ist vielleicht doch eine Torheit, daß sie die Reise wagt. Sie legt ihren Arm in den ihres Mannes und schmiegt ihr Gesicht an seine Schulter. Wie ein ganz junges Paar sitzen sie eng aneinandergelehnt im Wagen.
Großvater hat ihr genau aufgeschrieben, wo sie umzusteigen hat; aber am Bahnhof wiederholt er die Reisestrecke noch zwei-, dreimal. Beim Abschied muß sie weinen und fühlt sich ganz schwach — aber sobald der Zug sich in Bewegung setzt, ist alles gut.
Es wird sogar ganz lustig; sie hat nette Reisegesellschaft, hört allerlei kleine Geschichten erzählen, und ihre Augen beginnen zu leuchten. Die alte Lebenslust ist wieder da. Sie hat das Gefühl, daß sie sich wohl zu sehr einkapselt, darum vorzeitig alt wird und die rechte Verbindung mit der Welt verliert.
Das Umsteigen geht sehr glatt; es ist überhaupt während der ganzen Reise alles wie zu normalen Zeiten. Nur, daß an Brücken und Tunnels Wachen stehen, und daß im Wagen ein Plakat angebracht ist: ‚Reisende, helft unsere Brücken und Tunnels schützen!‘ erinnert an den Krieg.
Der Zug kommt auf die Minute pünktlich im Altmärker Städtchen an; die Schwiegertochter ist am Bahnhof, und ein Wagen, der sie zur Kaserne hinausbringt, ist zur Stelle.