Frau Hiller ist im ersten Augenblick, als sie die alte Frau sieht, ein wenig benommen. ‚Wie ein Bild, das aus seinem Rahmen genommen würde!‘ muß sie denken; denn sie hat die Großmutter eigentlich immer nur in der zu ihr gehörenden Umgebung und nie an einem fremden Ort gesehen.
Großmutter hält während der ganzen Wagenfahrt die Hand ihrer Maria in der ihren und läßt sich erzählen. Dabei schaut sie zu den Fenstern hinaus, findet, daß die Stadt eigentlich ziemlich reizlos sei, und staunt über den weiten Weg.
Sie begegnen einem Trupp graugelber Husaren, aber Ernst ist nicht darunter.
Die Wachtmeistersfrau und deren liebenswürdige Tochter begrüßt die Großmutter mit einer gewissen Herablassung, sieht sich prüfend in den beiden Zimmern, die ihre Maria hier innehat, um, tritt ans Fenster und schaut auf die langgestreckten Gebäude der roten Kaserne. Dabei schüttelt sie den Kopf.
„Daß gerade du es so lange hier aushältst, Kind, wundert mich. Du bist doch eine Naturschwärmerin und hast auch einen gewissen Luxus in deiner Umgebung nie gut entbehren können!“ Dabei schaut sie ein wenig hochmütig auf all das, was hier herumsteht und an den Wänden hängt.
„Ist es nicht hübsch und behaglich hier?“ fragt Maria erstaunt, denn sie hat das Gefühl, nie im Leben sich so wohl gefühlt zu haben als hier in den zwei einfachen, traulichen Zimmerchen.
Die Großmutter läßt sich aus all ihren vielen Umhüllungen auswickeln; Fräulein Else bringt den Kaffee, und nun wird auch die alte Frau warm und gemütlich. Sie freut sich, daß ihre Maria strickt und näht, und läßt sich vom Jungen erzählen.
Plötzlich tut sich die Tür auf — Sporen klirren, die Großmutter springt mit einem leisen Schrei auf und hält den Enkel am Herzen und weint und schluchzt dabei.
Der Junge ist ein wenig verlegen, streichelt ihr die Schulter und sagt: „Aber Großmutter — Großmutter!“ Er duftet nach Pferdestall, denn er hat Stallwache.
Die alte Frau schiebt ihn ein wenig von sich ab, legt ihm beide Hände auf die Schultern und schaut ihn an. Kerzengerade — schlank und rank steht er vor ihr — auf den Lippen den Flaum eines Bärtchens — die Wangen rot und die Augen klar und voll Lebenslust. Eine heiße Freude kommt im Herzen der Großmutter auf. Also wird er doch ein Mann werden — kein Träumer — kein Weltverächter. Blut von ihrem Blut. Der rechte Sohn ihres Sohnes!