Sie läßt den Rock aus dem Arm fallen, sie muß lächeln und fühlt auch etwas Wehes dabei. Ihr kleiner Ernst hat also wirklich seine erste Liebe gefunden. Nun ist er ihr ganz verloren — das Vaterland und ein fremdes Mädchen haben Besitz von ihm ergriffen. Das letzte ist so natürlich — ist der Welt Lauf!
Warum freut sie sich nicht? Warum gönnt sie ihm das nicht? Warum will sie anders sein als andere Mütter und den Hauptanteil am Sohn für sich behalten?
Kein Mensch kann gegen die Natur an. Das hat die Großmutter so oft gepredigt.
Der kleine Hiller ist zu seiner ersten Liebe ganz gegen seinen Willen, zum wenigsten ganz ohne sein eigenes gekommen. Das Mädchen, das sein Herz betört hat, ist weder sonderlich schön noch klug, hat weder Geist noch Vornehmheit. Sie steht weit unter jenen ganz jungen, weiblichen Geschöpfchen, die Ernst vor einem Jahr in der Tanzstunde in Berlin in großer Zahl kennen lernte, und die er durchweg als unglaublich albern bezeichnete.
Das Mädchen, das ihm durch seinen Freund Hipp zugeführt wurde, hat irgendeinen kleinen Posten als Stickerin in der Stadt inne. Am Abend um sechs Uhr, ist sie frei und kann spazieren gehen. Sie hat liebe, blaue Augen und ein keckes Näschen, blonde Haare, die als Schnecken über den Ohren liegen, und ein entzückendes, schlankes Körperchen. Sie sieht wundervoll appetitlich aus und kann über jede Kleinigkeit lachen und jubeln. Hätte Hipp nicht selbst ein sehr annehmbares Mädchen für sich, so würde er den kleinen Hiller nicht so großmütig bedacht haben. Aber da das Mädchen die beste Freundin seiner Freundin ist, muß er für sie sorgen und empfiehlt sie an Hiller. Der will erst nicht. „Blödsinn, was soll man mit so einer sprechen!“ Hipp jedoch läßt nicht locker und schleppt ihn mit zum Flußweg.
Da ist es jetzt nicht mehr wie zur Sommerszeit, da wehen rauhe Winde, die Pappeln stehen kahl und leer. Der Fluß hat schlammiges Wasser, und der Boden ist aufgeweicht vom vielen Regen. Man ist froh, wenn man sein Mädchen getroffen hat, und geht mit ihr in irgendein Gartenlokal, wo es einsam ist, und wo man in einer geheizten Stube sitzt. Oder man wandert mit ihr in die Stadt, in ein Kaffeehaus — oder geht den Weg zum Bahnhof hinunter — — es ist alles gleichgültig. Hauptsache ist, daß man sich überhaupt sieht, und Hipp macht Hiller klar, daß für ihn das harte Leben, das sie jetzt führen, erst dadurch erträglich wird, daß er sich auf den Abend freuen kann.
Hiller bringt der Aufforderung seines Freundes erst wenig Verständnis entgegen. Es liegt ihm so gar nicht, als galanter Kavalier aufzutreten, und er ist auch sehr überzeugt davon, daß keine ihn lieben wird. Er stemmt sich dagegen auf und hat das sichere Gefühl, daß er außerordentlich schwerfällig sein wird, wenn er so einem lustigen Mädelchen gegenübersteht. Er wird kaum zu sprechen vermögen, wird verlegen sein, und Hipp wird ihn auslachen. Also schlägt er erst rundweg ab. Aber Hipp ist nicht derjenige, der so schnell locker läßt, wenn er sich etwas vorgenommen hat.
„Du bist ein Esel, Hiller. Du verscherzt dir eine prachtvolle Sache. Sie ist geradezu entzückend. Sieh sie dir zum wenigsten doch mal an. Ich hab’ ihr auch schon von dir erzählt und hab’ ihr versprochen, dich mitzubringen. Ich kann doch wegen deiner Eselei nicht wortbrüchig werden!“ Hiller schwankt und schwankt! Gewiß, er ist um vieles lebendiger und lustiger geworden, seit er in der Kaserne ist; er nimmt das Leben nicht mehr so unsinnig schwer wie früher, ja, er kann zuzeiten geradezu ausgelassen sein. Aber vor dieser Begegnung mit einem wildfremden Mädchen sträubt sich doch etwas in ihm. Doch Hipp ist der Satan in Person und bohrt und bohrt an Hiller herum; greift ihn bei seiner Ehre an, nennt ihn eine Memme, und es kommt fast zum Streit zwischen den beiden. Aber schließlich siegt er; Hiller hat sich gegen die ausdrückliche Versicherung, daß diese Begegnung zu gar nichts verpflichte, breitschlagen lassen, zieht seine Extrauniform an, spricht ganz kurz bei der Mutter vor, sagt ihr, daß er heute keine Zeit für sie habe und geht hochklopfenden Herzens an Hipps Seite zum Flußweg.