Irgendwo lösen sich aus dem Schatten zwei schlanke Gestalten: die eine, dunkel gekleidet, reicht Hipp die Hand, die andere, im weißen, wollenen gestrickten Mantel, bleibt etwas abseits stehen. Man kann nicht viel sehen. In einiger Entfernung brennt eine Laterne und verbreitet ein unsicheres Licht, und am Himmel zieht eine schwache, umflorte Mondscheibe hin.

Hipp stellt seinen Freund als Herrn von Hiller aus Berlin vor; und das blonde Mädchen im weißen Mantel reicht ihm die Hand und sieht ihn aus etwas ängstlichen blauen Augen an.

Der blutjunge Hipp, der aber jungen Damen gegenüber schon vollkommen die Haltung eines erfahrenen Mannes hat, hilft über jede Steifheit hinweg. „Also, Kinder, wie verteilen wir uns? Es regnet nicht, und die Kälte ist auch nicht unerträglich. Ich für meine Person bin nicht abgeneigt, den Spaziergang hier am Fluß fortzusetzen — aber darum bist du, lieber Hiller, absolut nicht gezwungen, unserem Beispiel zu folgen. Ich möchte dir sogar vorschlagen, einen andern Weg zu nehmen. Vor neun Uhr treffen wir uns dann hier an dieser selben Stelle wieder!“ Er reicht seiner Freundin den Arm. Die Kleine, Weißgekleidete hängt sich bei Hiller ein, und während Hipp geradeaus geht, biegt das jüngste Liebespaar in den schmalen, dunklen Feldweg, der zum Bahnhof führt, ein.

Sie gehen schweigend. Leicht wie eine Feder hängt das schlanke Persönchen am Arm des kleinen Husaren, und doch ist durch sie eine schwere Last in seine Seele gekommen. Er fühlt sich sehr unbehaglich; seine etwas schwierige Art, mit Menschen, die ihm nicht sehr von sich aus entgegenkommen, eine Verbindung zu finden, lastet auf ihm. Er sinnt nach einem Scherzwort und findet keines. Er will ihr irgend etwas Gleichgültiges erzählen, aber es fallen ihm nur traurige oder pathetische Sachen ein. Er ärgert sich über sich selbst — ist sehr uneins mit sich selbst, denn er fühlt einmal wieder, daß er anders ist als andere Menschen, daß er nicht zum Fröhlichsein, zum Genießen geschaffen ist. Er schämt sich und wird immer unbeholfener. Was mag das arme Mädchen, das sich gewiß auf einen fröhlichen Abend gefreut hat, von ihm denken? Er fühlt, wie sie ihn von der Seite anschaut und auf etwas zu warten scheint. Teufel auch, fällt ihm denn gar und gar nichts ein, was er ihr sagen kann?

Sie kommen aus dem schmalen Feldweg auf eine breite Straße — da sagt die Kleine endlich ein Wort: „Durch diese Straße möchte ich nicht gehen!“ bittet sie.

„Warum nicht?“ fragt Hiller und biegt wieder nach dem dunklen Feldweg ein.

„Weil man mich da sehen wird!“ Dabei überzieht sich ihr Gesichtchen mit dunklem Rot — aber nun ist wenigstens doch das lastende Schweigen gebrochen.

Das Mädchen erzählt seine Lebensgeschichte. Sie wohnt bei einer Tante, die sie erzogen hat; ihre Mutter lebt auch noch, aber nicht hier, und hat noch fünf andere Kinder. Da hat die Tante sie zu sich genommen und sie Stickerei erlernen lassen. Sie stickt in einem Geschäft und bekommt fünfzig Mark im Monat, die sie ihrer Tante gibt. Die Tante ist gut, doch streng. Sie darf von nichts wissen — und das Köpfchen schmiegt sich an Hillers Schulter, und wie ein elektrischer Funke fliegt’s in dessen Herz. Mit einem Schlage ist alle Unbeholfenheit, alle Schwerfälligkeit verflogen; heiß wogt’s durch ihn — ein Gemisch von Mitleid und Zärtlichkeit.

Er hat noch nie aus sich selbst ein Mädchen geküßt, ist noch nie mit einem Mädchen auf einsamen Wegen gegangen. Nie hat eine ihm von ihrem Leben erzählt — nie hat eine sich an ihn geschmiegt — denn die Sache mit Hannchen vom Abiturientenabend war doch nur eine große Neckerei! Im selben Moment aber, da die Rolle des verstehenden, tröstenden Liebhabers von ihm verlangt wird, beherrscht er sie auch ganz und gar — beherrscht sie mit einer Sicherheit und Sanftheit, die ihn selbst mit Staunen erfüllt.

Er greift mit der Hand unter ihr Kinn, hebt ihr das Gesicht in die Höhe, sieht in die blauen Augen, sieht den Mund, der ein wenig geöffnet ist, und tut das Selbstverständlichste und Einzige, was er in dieser Lage tun kann: er küßt sie. Und er fühlt dabei etwas, was ihm fast die Besinnung benimmt. Sie stehen irgendwo in völliger Dunkelheit; sie hat ihm die Arme um den Hals gelegt, küßt ihn wieder und schmiegt sich immer enger an ihn an.